16. Juli 2020 / 14:46 Uhr

Kreisliga-Glücksfall: So hält "Mister TSV Steinbergen" seinen Verein am Leben

Kreisliga-Glücksfall: So hält "Mister TSV Steinbergen" seinen Verein am Leben

Jörg Bressem
Schaumburger Ztg. / Schaumburger Nachrichten
Bernd Reichelt lebt für seinen Verein TSV Steinbergen.
Bernd Reichelt lebt für seinen Verein TSV Steinbergen. © Jörg Bressem
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Seit über 30 Jahren ist Bernd Reichelt bei Kreisligist TSV Steinbergen im Ehrenamt tätig – hält seinen Herzensverein in seiner Multifunktionsrolle als Sparten- und Jugendleiter, Platzwart, Teammanager und sogar Schiedsrichter am Leben. Trotz seines Engagements erwartet er für seinen Klub eine herausfordernde Zukunft.

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Ein Ehrenamt hält ganz offensichtlich jung. Dem 57-jährigen Bernd Reichelt ist sein Alter jedenfalls nicht anzusehen. „Meist werde ich zehn Jahre jünger geschätzt“, freut er sich. Einer der Gründe ist vielleicht, dass er im Fußball sehr viel mit jungen Leuten umgeht und dass er nie schlappmachen darf. Bernd Reichelt muss sich nämlich kümmern, ist als Multifunktionär beim TSV Steinbergen der allumfassende Fußball-Chef.

Er leitet die Sparte, er ist Jugendleiter, Platzwart, Teammanager und sogar Schiedsrichter. Ohne ihn würde es den Fußball beim TSV Steinbergen womöglich gar nicht mehr geben, das bestätigt er mit einem erstaunlich klaren Blick für Realitäten: „Mit unseren Gegebenheiten sind wir eigentlich kein Kreisliga-Verein. Eines Tages werden wir das auch nicht mehr sein.“ Die Lage ist paradox. Noch spielt der TSV Steinbergen als Tabellensechster der abgebrochenen Saison eine gute Rolle, aber an ihm werden alle Probleme des Amateurfußballs in ganz besonderer Weise deutlich: Fehlender Nachwuchs und viel zu wenige ehrenamtliche Helfer.

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Im 1.700-Einwohner-Ort Steinbergen gibt es nur noch eine Handvoll Jugendliche, die in der JSG Blau-Rot-Weiß, der gemeinsamen Jugendabteilung mit dem SV Engern und dem Deckergen-Schaumburg, Fußball spielen. In ihr kommt der TSV Steinbergen personell kaum noch vor. Doch woran liegt es? „Wir haben außer Buchholz kein Einzugsgebiet, wir haben wenige Neubauten im Ort, vielleicht liegt der Sportplatz auch ungünstig“, sagt Reichelt. Er liegt unterhalb der A2 und ist für Jugendliche tatsächlich nicht gefahrlos zu erreichen. Auch die Fußballdynastie Reichelt kommt aus Buchholz.

Reichelts Bruder von Frank Pagelsdorf zum Wechsel überredet

Vater Kurt war ein starker Mittelfeldspieler und gehörte 1968 zu der glorreichen Mannschaft, die unter Helmut Wirausky den Aufstieg in die Bezirksklasse schaffte und sich dort einige Jahre hielt. Spieler wie die Wessel-Brüder, Ferdi Böger, „Charly“ Wieggrebe, Bernd Kraus, Herbert Göbel und Torwart Wolfgang Knauer gehörten zu der vielleicht stärksten Mannschaft, die der TSV Steinbergen jemals hatte. Auch Ralf Reichelt, Bernds Bruder, stieg zu einer Schaumburger Fußball-Legende auf, machte schon in ganz jungen Jahren beim VfL Bückeburg in der Landesliga 30 Saisontore und wurde prompt von Frank Pagelsdorf, dem damaligen Trainer der Hannover-96-Amateure im Wohnzimmer in Buchholz zum Wechsel überredet.

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Beim ersten Training war Pagelsdorf aber schon zum 1. FC Union Berlin weitergezogen und ein Konkurrent namens Sergej Barbarez war plötzlich da, der später bei Borussia Dortmund und vor allem beim Hamburger SV für Furore sorgte. Doch all das ist Geschichte. Bernd Reichelts eigene Fußballkarriere endete schon im Alter von 26 Jahren beim SC Rinteln in der Bezirksliga mit einem Knieschaden. Danach stieg er zum ersten Mal beim TSV Steinbergen ein – als Trainer. Als Bruder Ralf nach guten Jahren beim VfL Bückeburg zurückkehrte, übernahm Bernd 2005 die Leitung der Fußballabteilung. Immer mehr Aufgaben kamen hinzu. Für den gelernten Bankkaufmann Bernd Reichelt wurden es irgendwann so viele, dass er sogar beruflich zugunsten des Vereins Abstriche machte und in der IT-Branche noch heute in Teilzeit arbeitet.

Ihm ist bewusst, dass sich die aktuelle Mannschaft aufgrund des eklatanten Nachwuchsmangels eines Tages nicht mehr in der Kreisliga halten kann. „Aber das dauert noch“, sagt er. Die Truppe um Jannik Sasse, mit Spielern, die allesamt einen Bezug zum Verein haben, sei derzeit ein unverhoffter Glücksfall für den Verein und die vielleicht beste Mannschaft seit 1968. Dass in Steinbergen Geld fließt, wie häufig gemutmaßt wird, weist Bernd Reichelt entschlossen zurück: „Da läuft gar nichts. Bei uns gibt es noch nicht mal Fahrtgeld.“ Gerd Sasse unterstütze die Mannschaft zwar, aber ausschließlich mit Sachspenden.

Reichelt: Steinbergen in Zukunft auf Unterstützung angewiesen

Wahrscheinlich werde der TSV Steinbergen aber auch im Herrenbereich eines Tages Hilfe brauchen und sich mit anderen Vereinen zu einer Spielgemeinschaft zusammentun müssen. „Die JSG Blau-Rot-Weiß zeichnet den Weg vor“, sagt er. 2012 sei es nach Gesprächen mit Dirk Bredemeier fast schon mal zu einem Zusammenschluss mit dem SC Deckbergen-Schaumburg gekommen. Ob er dann in einem größeren Team weitermachen werde, weiß Reichelt noch nicht. Er sei von Leuten wie Helmut Essmann oder Ansgar Ruppelt vom SV Engern aber begeistert, sagt er: „Solche Strukturen haben wir hier nicht.“ Bis dahin wird Bernd Reichelt als „Mister TSV Steinbergen“ weitermachen und den Erfolg der aktuellen Mannschaft genießen.

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Wer nun aber glaubt, dass ein derart engagierter Mann keine Gelegenheit mehr findet, eigenen Interessen nachzugehen, der ist im Irrtum. Bernd Reichelt bleibt Zeit für harte Wacken-Musik, für viele Reisen und für Golfsport und Wandern im Urlaub. Früher spielte er mal Tennis. Außerdem gibt es da noch seinen Lieblingsverein Hannover 96, den er aufmerksam verfolgt. Martin Kind sei zwar wichtig für den Verein, habe aber auch schwere Fehler gemacht, zum Beispiel mit der Schmadtke-Entlassung oder mit der „Kunden“-Herabwürdigung der treuesten Fans.

Reichelts Frau Birgit, die als Berufsschullehrerin in Minden arbeitet, überraschte er vor vielen Jahren mal damit, als er einen Zoobesuch in Münster vorschlug. Als zweiten Programmpunkt zog er dann vor Ort plötzlich das Spiel Preußen Münster gegen Hannover 96 aus dem Ärmel, das „die Roten“ 1:0 gewannen. Birgit hat sich an die Fußball-Leidenschaft ihres Mannes gewöhnt. Sie kennt ihn nur so. Bevor es in den Urlaub nach Österreich geht, muss Bernd Reichelt noch schnell den Rasen auf dem Sportplatz mähen: „Denn es muss ja weitergehen.“