02. März 2021 / 17:34 Uhr

Bernd Schröder über erstes Turbine-Training: "Von 40 Mädels waren nur noch 20 da!"

Bernd Schröder über erstes Turbine-Training: "Von 40 Mädels waren nur noch 20 da!"

Christoph Brandhorst
Märkische Allgemeine Zeitung
Bernd Schröder
45 Jahre bei Turbine Potsdam in der Verantwortung: Bernd Schröder. © Christoph Schmidt
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Frauenfußball: Trainer-Urgestein Bernd Schröder spricht im SPORTBUZZER-Interview zum Club-Jubiläum über die Gründungsversammlung, den Aufstieg zur internationalen Top-Adresse und Turbine Potsdams heutige Titelchancen.

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Bernd Schröder (78), studierter Montanwissenschaftler aus Freiberg in Sachsen und früher Torwart von Lok Leipzig, übernahm 1971 als Trainer die Gründungsmannschaft von Turbine Potsdam. Bis 2016 war er 45 Jahre lang in verantwortlicher Position, als Trainer und Manager, für den Verein tätig. Heute ist Schröder Ehrenpräsident des 1. FFC, mit dem er je sechs Meistertitel in Gesamtdeutschland und der DDR, zwei Europapokalsiege und drei DFB-Pokalsiege errang.

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Herr Schröder, am 3. März 1971 wurde die Frauenfußball-Sektion der BSG Turbine im Klubhaus „Walter Junker“ gegründet. Die Legende besagt, Sie wollten dort nur etwas essen und sind dann Trainer geworden.

Bernd Schröder: Naja, ich wusste schon, dass die da irgendwas vorhaben. Es gab dort damals eine kleine Gaststätte. Meine Familie lebte in Freiberg in Sachsen, also bin ich am Nachmittag ins Klubhaus und habe gegessen. Es war auf jeden Fall nicht vorbereitet. Wären wir vorbereitet gewesen, hätte es sicher ein anderer gemacht.

Es war also Zufall, dass Sie Turbine-Trainer wurden?

Die Trainer liefen damals nicht in Scharen herum. Das war Neuland. Wir haben da gesessen und waren erstaunt, dass über 40 Mädels gekommen waren. Ein Grundprinzip von mir ist: Verantwortung hat man nicht nur für das, was man tut, sondern auch für das, was man unterlässt. Und ich wollte nichts unterlassen. Es war unser Betrieb, da habe ich mich einfach verantwortlich gefühlt. Und es hat auch keiner widersprochen.

In Bildern: 50 ehemalige Spielerinnen vom 1. FFC Turbine Potsdam – und was aus ihnen wurde

Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spielerinnen vom 1. FFC Turbine Potsdam. Zur Galerie
Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spielerinnen vom 1. FFC Turbine Potsdam. ©

Lief am Anfang alles so reibungslos wie die Trainersuche?

Beim ersten Training, zwei oder drei Tage später, waren von den 40 Mädels nur noch 20 da. Ich habe gesagt: Wenn ich das übernehme, wird das ein hartes Brot für euch. Dadurch haben wir wohl die Hälfte gleich verloren.

Wurden Sie belächelt?

Die BSG Turbine war ein großer Verein, wir wurden aufgenommen wie in einer Familie. Ich wusste aber, wenn wir nichts abliefern, sind wir tot. Wir hätten Probleme bekommen, wenn wir nicht diesen Leistungsgedanken gehabt hätten. Es ging um Geld, um Unterstützung und es ging um Busse.

Um Busse?

Wir hatten zwei Busse im Betrieb. Ich war wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Direktor und habe von vorneherein gesagt: Den Bus nehmen wir! Da gab es am Anfang Konflikte. Aber die waren schnell aus der Welt, als die gemerkt haben, dass wir den Sport ernsthaft betreiben. Das hätte woanders gar nicht funktioniert. Natürlich hat es nicht nur Freunde gegeben. Es gab auch die, die meinten, Frauenfußball solle Volkssport bleiben.

Als 1979 die erste DDR-Bestenermittlung ausgetragen wurde, hat Turbine die Endrunde in Templin trotzdem verpasst.

Da wurden zweimal 20 Minuten gespielt – das war gar nicht unsere Welt. Es fehlten ein oder zwei Spielerinnen, im Mittelfeld hatten wir ein Problem. Du kannst so eine Mannschaft auch nicht so lange zusammenhalten. 1976, 1977 hatten wir schon die ersten Abgänge – und das waren nicht die Schlechtesten. Wir haben uns davon aber nicht aus der Bahn werfen lassen.

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Bis zur Wende holte der Verein sechs DDR-Meistertitel und auch die Zeit danach meisterte Turbine. Wie konnte das gelingen, obwohl der Trägerbetrieb wegfiel?

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Das war für uns besonders schwierig. Durch meinen Posten bei der Energiewirtschaft hatte ich einige Kontakte, die habe ich genutzt, um uns erstmal irgendwie über die Wende zu retten. Wir haben schon am Hungertuch genagt. Es war immer ein schmaler Grat, selbst später noch. Nach den drei Vize-Meisterschaften 2001, 2002 und 2003 waren wir immer kurz vor dem Abkrepeln. Der Pokalsieg 2004 hat uns gerettet.

Wer war die beste Spielerin, die Sie trainiert haben?

Steffi Jones hat einmal gesagt: In Potsdam ist die Mannschaft der Star. Aber Ariane Hingst, die 1997 als erste Nationalspielerin zähneknirschend hierhergekommen ist, war eigentlich die Mutter des Erfolges. Wenn dann, wie 2003, vier Spielerinnen Weltmeister werden, zieht das natürlich auch in Europa.

Ist Turbine heute noch titeltauglich?

Wir haben große Talente bei uns. Ich glaube, dass das Potenzial da ist. Natürlich haben Wolfsburg und Bayern die besten Spielerinnen geholt. Wenn die nicht besser wären als wir, hätten sie einen Fehler gemacht. Es steckt viel in unserer Mannschaft drin. Es geht jetzt darum, die Qualität individuell noch zu steigern. Auch früher sind ja Spielerinnen als No-Name zu uns gekommen. Man muss aber auch daran glauben und überzeugt sein.