28. Dezember 2020 / 09:02 Uhr

Betrifft Corona auch die Wolfsburg-Transfers? „Momentan ist nicht alles machbar“

Betrifft Corona auch die Wolfsburg-Transfers? „Momentan ist nicht alles machbar“

Marcel Westermann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
VfL-Geschäftsführer Dr. Tim Schumacher im SPORTBUZZER-Interview.
VfL-Geschäftsführer Dr. Tim Schumacher im SPORTBUZZER-Interview. © Boris Baschin
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Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen - Tim Schumacher, der Finanz-Geschäftsführer des VfL Wolfsburg, blickt zurück und spricht über die Auswirkungen der Corona-Pandemie für den Fußball-Bundesligisten.

Das Jahr 2020 war geprägt von den Folgen der Corona-Pandemie – auch für den VfL. Im SPORTBUZZER-Interview spricht Tim Schumacher, Finanz-Geschäftsführer des Wolfsburger Fußball-Bundesligisten, über Einschränkungen, die Lage des Klubs zum Jahreswechsel und mögliche Auswirkungen auf die Planungen für das kommende Jahr.

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Herr Schumacher, wie viele schlaflose Nächte hat Ihnen die Corona-Krise in diesem Jahr bereitet?
Ich glaube, jeder hatte in der Corona-Krise schon schlaflose Nächte. Es ist auf jeden Fall eine besondere Situation, die uns alle vor immense Herausforderungen stellt.

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Das Thema Corona ist ja auch im Privatleben immer präsent…
Ja, klar. Die Pandemie prägt derzeit alles. Das Privatleben ist stark betroffen. Familie und Freunde zu treffen, ist derzeit nicht bzw. nur sehr eingeschränkt möglich. Der Schulalltag hat sich auch komplett geändert. Aber das sind leider notwendige Einschränkungen.

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Sie sind seit 2013 beim VfL Wolfsburg, seit 2016 sind Sie Geschäftsführer: War 2020 das schwerste Jahr in Ihrer Laufbahn?
Ja, mit Sicherheit. Ich dachte eigentlich, dass ich beim VfL auch aufgrund der beiden Relegations-Jahre schon vieles miterlebt habe, aber die Corona-Pandemie ist die absolut größte Herausforderung für uns alle. Das Wichtigste ist, dass alle gesund bleiben und gut durch die Pandemie kommen.

Warum macht Corona das Jahr so schwer?
Die Pandemie prägt derzeit unser Leben, die gesamte Gesellschaft ist immens betroffen. Auch für den VfL hat die Pandemie enorme Auswirkungen, was unter anderem die Organisation des Trainings- und Spielbetriebs mit den notwendigen Hygienevorschriften angeht. Aber auch die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend verändert, dass zum Beispiel die Spiele ohne Zuschauer durchgeführt werden. Und ansonsten hat sich auch der Arbeitsalltag komplett gewandelt, viele Kollegen sind beispielsweise im Homeoffice. Zudem haben wir Kurzarbeit angemeldet. Wirtschaftlich hat die Krise auch große Auswirkungen auf alle Branchen und genauso auf den Verein.

Die da wären?
Den wirtschaftlichen Schaden können wir noch nicht genau beziffern, weil entscheidend ist, wie es in den nächsten Wochen und Monaten weitergeht. Insgesamt geht es um fehlende Einnahmen im zweistelligen Millionenbereich. Es gibt keinen Ticketverkauf, kein Hospitality für VIP-Gäste und die Vermarktung ist natürlich schwieriger geworden.

Zwischendurch waren ja teilweise bis zu 6000 Zuschauer wieder erlaubt, hat sich das aus wirtschaftlicher Sicht gelohnt?
Aus finanzieller Sicht hat sich das nicht gerechnet. Aber darum ging es uns nicht. Wir wollten es unseren Fans unter den damals geltenden Regelungen natürlich ermöglichen, endlich wieder in die Volkswagen Arena zu kommen, die Spiele direkt mitzuerleben und die Mannschaft zu unterstützen. Das war uns wichtig.

Wie lange kann der VfL diese Situation noch verkraften?
Wir sind froh, dass wir mit unserer Konzernmutter Volkswagen einen verlässlichen Partner haben und daher robust aufgestellt sind. Aber wir sind auch von erheblichen Kosten-Effizienzprogrammen geprägt, die wir umsetzen. Wir priorisieren alle Themen, verschieben Projekte, die derzeit nicht umsetzbar sind, und konzentrieren uns auf das Betriebsnotwendige, um bestmöglich durch die Krise zu kommen.

Rechnen Sie mit langfristigen Folgen für den deutschen Profi-Fußball?
Das Entscheidende ist erst einmal, dass unsere Gesellschaft gut durch die Pandemie kommt, dass alle gesund bleiben und dass wir durch die jetzt beginnende Impfung langsam wieder eine gewisse Normalität erreichen. Das Gesundheitssystem, beispielsweise in den Krankenhäusern und Gesundheitsämtern, leistet dabei eine tolle Arbeit. Und wenn sich die Lage insgesamt hoffentlich normalisiert, wird auch der Alltag im Fußball und in allen anderen Sportarten zurückkehren.

Wie läuft denn die Zusammenarbeit zwischen dem VfL, der Stadt Wolfsburg und dem Gesundheitsamt?
Die Zusammenarbeit läuft sehr gut und wir sind in einem engen und konstruktiven Austausch. Die Stadt Wolfsburg und vor allem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitsamt leisten eine ganz tolle Arbeit, die für die gesamte Gesellschaft fundamental wichtig und unerlässlich ist.

Gab’s manchmal auch Reibungspunkte?
Das Gesundheitsamt ist mit unserem Hygienekonzept seit Beginn an sehr vertraut. Wir stimmen uns immer ab, bewerten fortlaufend gemeinsam die aktuelle Situation und nehmen bei Bedarf Anpassungen vor.

Gab es einen Zeitpunkt, an dem die Existenz des VfL bedroht war?
Wir fahren immer auf Sicht. Aber gerade im Frühjahr, als wir alle die Folgen der Pandemie nicht abschätzen konnten, war jeder unsicher.

Was kann der VfL tun oder tut er auch schon, um die Millionenverluste auszugleichen?
Neben Ersparnissen durch verschobene Projekte wurden insbesondere die Personalkosten im Profi-Bereich in den vergangenen Jahren enorm gesenkt. Aber die Konsolidierung des Kaders dauert natürlich mehrere Spielzeiten.

Dann sollten jetzt alle Bundesligisten noch genauer auf ihr Geld achten…
Ich denke, dass die Pandemie allen gezeigt hat, dass es wichtig ist, bodenständig zu sein und dass ein noch nachhaltigeres und wirtschaftlicheres Haushalten absolut notwendig ist. Das gilt für alle Branchen und natürlich auch für den Fußball.


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10 Highlights 2020 der VfL-Frauen zum Durchklicken ©

Also könnte sich das auch auf Spielertransfers und Transfersummen auswirken?
Ja, natürlich. Momentan ist sicherlich nicht alles machbar, was letztes Jahr vielleicht noch möglich gewesen wäre.

Das dürfte ja auch für den VfL gelten.
Wir haben – unabhängig von den Auswirkungen der Pandemie – in den Transferphasen der vergangenen Jahre darauf geachtet, beim VfL Wolfsburg einen anderen Weg einzuschlagen, den wir jetzt konsequent weitergehen wollen.

Welchen Einfluss hatte das Europa-League-Aus in Athen aus wirtschaftlicher Sicht auf den Klub?
Das hat uns sportlich wie auch finanziell wehgetan. Die Einnahmen fehlen natürlich. Es hat aber noch weitreichendere Auswirkungen, denn durch eine internationale Teilnahme steigert sich natürlich die Attraktivität des Klubs insgesamt, zum Beispiel für Fans und Sponsoren.

Über welche Summe sprechen wir da?
Da geht es schon um einen hohen Millionenbetrag, wobei die genaue Summe natürlich davon abhängt, wie die Gruppenphase gelaufen wäre und ob wir weitergekommen wären.

Einige Mitarbeiter sind derzeit in Kurzarbeit, auf der anderen Seite verdienen Spieler Millionen: Wie passt das zueinander?
Aus meiner Sicht ist das kein Widerspruch. Im Frühjahr hatten Spieler, sportliche Leitung und die Geschäftsführung auch auf Teile ihres Gehalts verzichtet. Und Kurzarbeit erfolgt durch den entstandenen Arbeitsausfall. Das trifft beim VfL aus verschiedenen Gründen zu. Deswegen ist Kurzarbeit leider erforderlich.

War der Gehaltsverzicht denn durchweg freiwillig oder auch zwingend erforderlich?
Das war eine freiwillige Aktion. Allen war vor Anfang an klar, dass jeder einen Beitrag leisten muss.

Was sagt Ihr Gefühl, wann kehrt wieder Normalität ein?
Das kann momentan wohl niemand sagen. Wichtig ist, dass unsere Gesellschaft bestmöglich durch die Pandemie kommt, alle gesund bleiben und es mit dem Impfstoff klappt. Das kann sicherlich mehrere Monate oder Jahre dauern, bis wieder eine komplette Normalität herrscht.

Was sind Ihre Wünsche fürs neue Jahr?
Dass wir alle gut und vor allem gesund durch die Pandemie kommen und darauf achten, dass wir die Schwächsten in unserer Gesellschaft unterstützen. Das ist das wichtigste. Und natürlich würde ich mich auch freuen, wenn das Jahr 2021 bei den Männern und bei den Frauen sportlich erfolgreich sein wird.