01. Dezember 2020 / 12:08 Uhr

Bezirksliga-Rekorde: Weinert, Wernicke und Co. wussten, wo das Tor steht

Bezirksliga-Rekorde: Weinert, Wernicke und Co. wussten, wo das Tor steht

Frank Müller und Rainer Hertle
Leipziger Volkszeitung
Bei den Markkleeberger Kickers mischte Mario Wernicke (r., im Zweikampf mit Enrico Ueberschär) die Bezirksliga auf.
Bei den Markkleeberger Kickers mischte Mario Wernicke (r., im Zweikampf mit Enrico Ueberschär) die Bezirksliga auf. © LVZ-Archiv
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Nicht nur im deutschen Fußball-Oberhaus gibt es erfolgreiche Torjäger. Seit ihrer Gründung hat die Bezirksliga der Region Leipzig immer wieder Knipser hervorgebracht, die schnell auch höherklassig auf sich aufmerksam machten. Wir blicken zurück und stellen einige von ihnen vor.

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Leipzig. So schlecht die „Corona-Pause“ für die Amateurfußballer ist, gibt sie doch Muße, um auf regionale Torschützenkönige früherer Jahre zurückzuschauen. Seit 1918/19 gibt es die Bezirksliga, auch wenn sich der Name der Liga sowie der federführenden Verbände seitdem mehrfach änderten. Heute heißt die Leipziger Bezirksliga Landesklasse Nord. Alle Goalgetter dieser mittlerweile über 100-jährigen Reihe aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen, doch einige herausragende Torschützenkönige seien erwähnt.

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Hans Meyer wollte Weinert

Am häufigsten holte sich Andreas Weinert von Motor Schmölln die Torjägerkrone. Zwischen 1980 und 1989/90 ging die Trophäe sechsmal an ihn, in den Spieljahren 1980/81 bis 1983/84 gar viermal in Folge. Lok Leipzig bekundete folglich lebhaftes Interesse an Weinert. „Ich wollte aber aus persönlichen Gründen nicht zu Lok gehen“, erklärt er. Beim 1. FC Lok nahm man das so übel, dass das Leistungszentrum seinen Einfluss gar bei Medien geltend machte und die Erwähnung des Torjägers untersagte. Doch selbst zu DDR-Zeiten klappte diese Form der Zensur nur partiell, das Totschweigen Weinerts war angesichts dessen nicht wegzuleugnenden Erfolges einfach zu albern.

Auch Rot-Weiß Erfurts damaliger Trainer Hans Meyer wollte den Schmöllner haben, doch Lok drohte bei einem Wechsel nach Erfurt mit einer Sperre. Als Weinert dann zu Sachsenring Zwickau ging, durfte er auf Betreiben der Leipziger tatsächlich weder in erster noch zweiter Liga spielen. Als man die Sanktion aufhob, atmete er kurz auf. „Doch gleich danach wurde ich zur Armee eingezogen, das war kein Zufall“, beschreibt der Torjäger die nächste Schikane. Heute kann er mit mittlerweile 59 Jahren darüber lachen und kickt noch immer ein wenig in einer Betriebsmannschaft.

Horst Zedel: Von Grimma nach Rostock

In der Saison 1980/81 musste sich Weinert den Thron noch mit Wolfgang Lischke teilen. Der vorherige Oberliga-Stürmer von Dynamo Dresden und Chemie Leipzig kickte 1980/81 für Chemie Markkleeberg. So wie Lischke wusch auch Hans-Jörg Leitzke nach höherklassiger Karriere in der Bezirksliga nach. Für Grün-Weiß Eilenburg wurde er – da schon 38-jährig – 1997/98 und 1998/99 bester Torjäger auf Bezirksebene. Zwar half ihm die bei Chemie und Lok Leipzig gesammelte Oberliga- und internationale Erfahrung, doch er gestand: „Es gibt keine Liga, auch keine untere, in der man den Ball nehmen und einfach durchlaufen kann.“ Womit er den Bezirksliga-Verteidigern quasi seinen Respekt zollte. Umgekehrt wusste man natürlich erst recht, wer da im Strafraum auftaucht.

Hans-Jörg Leitzke 1997 im Eilenburger Trikot (in einer Partie gegen Lipsia Eutritzsch).
Hans-Jörg Leitzke 1997 im Eilenburger Trikot (in einer Partie gegen Lipsia Eutritzsch). © LVZ-Archiv

Bei Erscheinen anderer Torjäger der zu DDR-Zeiten immerhin dritthöchsten Liga gingen die Alarmlampen bei den Abwehrspielern meist ebenfalls an. Wenn die Goalgetter noch nicht höherklassig gespielt hatten, erregten sie oft spätestens dann die Aufmerksamkeit von Spitzenvereinen. Ein Beispiel dafür ist der Grimmaer Horst Zedel, der 1950/51 durch seine Torgefährlichkeit auffiel, und deshalb 1952 erst vom damaligen DDR-Ligisten Empor Wurzen und 1955 gar von Oberligist Empor Rostock (heute Hansa) engagiert wurde. Im gleichen Jahr wurde Wolfgang Jahn von Stahl Lippendorf zu Oberligist SC Rotation Leipzig „delegiert“. Es gibt weitere Beispiele, wobei der Sprung nach oben keineswegs immer nachhaltig war. Immerhin bis auf bestimmter Ebene erfolgreich war Sebastian Gasch, der 2004/05 für den Döbelner SC sogar 35 Tore schoss und dann zwar nicht ganz oben, aber für den ZFC Meuselwitz immerhin zu Regionalliga-Ehren gelangte. Rekordhalter ist Martin Schwibs, er traf 2017/18 für den HFC Colditz in der Landesklasse gar 43 Mal, doch – durchaus mögliche – höhere Gefilde als die Sachsenliga scheute er.

Lok und Chemie lockten Wernicke

Geradezu zum „Wandervogel“ wurde Marcus Hausmann. Der Ostrauer weckte als Torschützenkönig des Hausdorfer SV 2002/03 sowie 2003/04 vielerorts Begehrlichkeiten und zog in die „weite Welt“, die in seinem Falle aus Borna, Bautzen, Bannewitz, Naunhof, Radebeul und Grimma bestand. Dagegen war Cieslaus Respondek weit vorher nicht aus Markranstädt wegzulocken. Er wurde zweimal (1937/38 und 1940/41) für die Sportfreunde bester Torjäger, nach dem Krieg dann 1947/48 ein drittes Mal für Nachfolger SG Markranstädt. Schon in den 30er Jahren sollte er – wie später Weinert – nach Probstheida, damals zum VfB Leipzig. Er schlug dessen Angebot aus. Doch das ist eine andere Geschichte.

Durchaus auch bodenständig und ähnlich begehrt war viel später Mario Wernicke. Aus Krostitz und dem Nachwuchs von Chemie Leipzig kommend, sprang er bei der SG LVB in den Männerbereich. Dort fiel der großgewachsene Linksbeiner erneut auf, kam über die SpVgg. 1899 Leipzig zu den Markkleeberger Kickers, für die er die Bezirksliga 2000/01 (25 Treffer) und 2001/02 (31) aufmischte – und mit ihnen in die Sachsenliga aufstieg. Schon zuvor hatte Trainer Eduard Geyer für den FC Sachsen angefragt, 1993 auch der VfB Leipzig gelockt. Als Wernicke in einem Freundschaftsspiel für LVB gegen Bundesligist Werder Bremen die beiden Leipziger Tore schoss (Endstand 2:5), bekundete Werders damaliger Coach Hans-Jürgen Dörner Interesse. „Das war mein Highlight, doch ich wollte die Auto-Werkstatt meines Vaters übernehmen. Außerdem war mir Spaß am Fußball wichtiger als Geld“, betont Wernicke.

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Spaß hatte er auch noch nach seiner Laufbahn. Mit LVB wurde er fünfmal Alt-Herren-Landesmeister, dabei zweimal Torschützenkönig und ist heute mit 51 Jahren noch in der Ü40 aktiv. Und Achtung: Der Mann ist immer noch gefährlich.