22. März 2021 / 15:31 Uhr

BG Göttingen: Für Rihards Lomazs kommt erst das Team, dann der Rekord

BG Göttingen: Für Rihards Lomazs kommt erst das Team, dann der Rekord

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Geballte Fäuste: Rihards Lomazs genießt seine 38 Punkte im Spiel gegen Bon still.
Rihards Lomazs vs. Peyton Siva ... oder: Volumen vs. Nadelstiche. Mit durchschnittlich 16,6 Punkten ist Rihards Lomazs (Göttingen) der fünftbeste Scorer der BBL. Zudem hält der nachverpflichtete Guard mit 38 Zählern den aktuellen Saison-Höchstwert aller aktiven Akteure. Solch offensive Ausbrüche kommen der BG, die lange Zeit bravourös um die Vergabe der Playoff-Tickets mitspielte, mehr als gelegen. Lomazs hat von Headcoach Roel Moors durchgehend das grüne Licht, um aus allen Lagen drauf zu halten, wodurch der Lette einer der wenigen Spieler ist, der mehr als zehn Würfe pro Begegnung abfeuert. © Swen Pförtner
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38 Punkte in einem Spiel, so oft hat in dieser Saison in der Basketball-Bundesliga noch kein Spieler getroffen: BG-Topscorer Rihards Lomazs stellt sich allerdings in den Dienst der Mannschaft und betrachtet Saisonrekord als positiven Nebeneffekt.

Spannend, bisweilen mit einer hohen Fehlerquote behaftet, nichts für schwache Nerven, aber mit einem guten Ende für die BG Göttingen: So lassen sich die 45 Minuten im Heimspiel gegen die Telekom Baskets Bonn in aller Kürze zusammenfassen. 102:99 stand es nach der Verlängerung eines Spiels, das in Rihards Lomazs seinen Hauptdarsteller hatte, der anschließend die Siegeshumba nicht mitfeiern konnte, weil er im Fernseh-Interview bei MagentaSport Rede und Antwort stehen musste. Er hätte sich wohl gern feiern lassen, denn sein Blick schweifte während des Gesprächs mit Moderator Stefan Koch immer wieder ab zu seinen Teamkameraden, die das erste Mal in dieser Saison so ausgelassen gejubelt haben.

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MagentaSport-Höhepunkte vom Heimspiel der BG Göttingen gegen die Telekom Baskets Bonn

Schon früh hatte sich angedeutet, dass Lomazs sich wohl viel vorgenommen hatte. Er startete extrem gut in die Partie gegen Bonn und hatte nach den ersten 7:42 Minuten bereits 15 Zähler auf dem Konto, zur Pause waren es bereits satte 25 Punkte. Der Lette der BG Göttingen warf und warf und traf und traf in seinem zehnten Spiel für die Veilchen. Nach dem Seitenwechsel wurde es zwar zunächst ein wenig ruhiger um Lomazs, doch spätestens in der Verlängerung war er wieder zur Stelle und kam am Ende auf 38 Punkte, wobei er sieben seiner zwölf Dreierversuche versenkte (58,3 Prozent) und auch aus kurzer Distanz (75 Prozent) sowie von der Freiwurflinie (83,3 Prozent) Top-Quoten hatte.

Auch nach dem Seitenwechsel nahm sich der Lette nicht zurück: Neun Zähler trug der Euroleague-erfahrene Flügelspieler dazu bei, dass die Veilchen bis zur Viertelpause den Rückstand noch einmal verkürzen konnten. Doch nun wurde es kurios: Denn von Lomazs kam nun nichts mehr, aber die Göttinger drehten die Partie: Mitte des Viertels lagen sie plötzlich mit 82:75 vorn, während Lomasz, der zwischendrin einige Minuten auf der Bank gesessen hatte, weiterhin bei 34 Zählern verharrte.

BG Göttingen - Telekom Baskets Bonn 2020/21

Tolle Moral, großer Kampf: Die BG Göttingen hat mit einer Energieleistung und viel Charakter einen Sieg gegen die Telekom Baskets Bonn eingefahren. Zur Galerie
Tolle Moral, großer Kampf: Die BG Göttingen hat mit einer Energieleistung und viel Charakter einen Sieg gegen die Telekom Baskets Bonn eingefahren. © Swen Pförtner

In der Verlängerung kam er dann wieder: Per Dreier holte sich der 24-Jährige den Saisonrekord. Dass er damit noch den wichtigen 94:94-Ausgleich herstellte, war fast Nebensache (43.). Doch elf Sekunden vor dem Ende markierte Alex Hamilton für Bonn das 99:98 – Auszeit Göttingen. Und Akeem Vargas fand Harper Kamp, der einlegen konnte zum Sieg der Veilchen.

Diese 38 Punkte bedeuten Saisonbestwert in der Basketball-Bundesliga. Bislang war Routinier Rickey Paulding von den EWE Baskets Oldenburg Inhaber dieser Marke. Er hatte am 12. Dezember 36 Zähler gegen Crailsheim aufgelegt. Diese 38 Punkte sind die dritthöchste Punkteausbeute der vergangenen zehn Jahre, die neben Lomazs auch TJ Bray (Vechta, 2019), John Bryant (Gießen, 2018), Kerron Johnson (Ludwigsburg, 2014) und Jordan Hasquet (Hagen, 2011) schafften. Frantz Massenat (40 Punkte für Oldenburg 2019) und Kassius Robertson (39 Zähler für Bayreuth 2019) konnten noch mehr Punkte erzielen.

Lomazs ist auf den Sieg fokussiert

Einen Tag nach seinem großen Auftritt sagt Lomazs: „Das Wichtigste ist, dass wir das Spiel gewonnen haben. Ich fokussiere mich nicht auf andere Sachen. Aber es fühlt sich natürlich besonders an, der einzige zu sein, der in dieser Saison so viele Punkte in einem Spiel erzielt hat.“ Wenn die Mannschaft verloren hätte, wäre es aber egal gewesen, „ob ich 50, 60 oder 70 Punkte erzielt hätte“, betont der 24-Jährige.


Seine Leistung hat jedenfalls für Aufsehen gesorgt – nicht nur beim Anhang der BG Göttingen und den Konkurrenten in der Basketball-Bundesliga. „Einige Freunde haben mir nach dem Spiel geschrieben und gefragt: Was ist passiert? Bist du verrückt?“, erzählt Lomazs lachend. Eine Erklärung für seinen Punkterausch hat der Lette indes nicht: „Ich weiß nicht, ich habe einfach meine Würfe getroffen. Zu Beginn des Spiels habe ich einige Körbe erzielt, und es hat sich gut angefühlt. Ich habe es nicht erzwungen, sondern auf die Situationen gewartet, in denen ich werfen konnte. Ich muss mich bei meinen Mitspielern bedanken, die mich gefunden haben.“

38 Punkte sind kein Druck für den Letten

Lomazs stellt sich also ganz in den Dienst der Mannschaft, die nach den Spielen gegen Frankfurt und Berlin eine Reaktion habe zeigen müssen, was gegen Bonn zumindest offensiv gelungen sei. „Der Sieg ist wichtig für unser Selbstbewusstsein“, sagt Lomazs. Daran sollte es ihm nach diesem Spiel am wenigsten mangeln. Gleichzeitig verspüre er keinen Druck, diese Leistung wiederholen zu müssen, sagt er. Auch im nächsten Spiel zähle nur der Sieg.

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Weit entfernt sind Lomazs und die anderen BBL-Spieler der vergangenen Jahre allerdings von den Höchstwerten aus der Vergangenheit: Keith Gray erzielte 1988 beim 142:82-Sieg gegen Braunschweig für Hagen 65 Punkte. Auf Platz sieben dieses Rankings liegt Terry Schofield, der 1974 für den ASC 46 Göttingen 52 Punkte gegen Osnabrück gemacht hat, für einen Sieg reichten die aber nicht. Die Königsblauen verloren damals das Auswärtsspiel mit 88:92. Ein zweites Mal taucht Schofield in dieser Statistik mit 47 Punkten auf, die er ebenfalls im Jahr 1974 markierte. Hier lohnte sich die Trefferquote jedoch, beim 93:69 gegen Berlin steuerte der Amerikaner und spätere Meistertrainer des ASC 46, etwas mehr als die Hälfte der Punkte zum Sieg seiner Mannschaft bei.

Quelle für diese Übersicht ist neben der digitalen Datenbank der easyCredit Basketball-Bundesliga, die seit der Saison 1998/99 geführt wird, das Archiv der ehemaligen Basketball-Zeitung, die vor der digitalen Ära das amtliche Organ des Deutschen Basketball Bundes und damit des Ausrichters (bis 1998) der Basketball Bundesliga war. Dort wurden unregelmäßig Tabellen mit historischen Bestleistungen veröffentlicht, wobei allerdings nicht immer alle Informationen abgedruckt wurden.

Von Kathrin Lienig und Filip Donth