28. Dezember 2021 / 06:00 Uhr

"Winterspiele sollen wieder werden, was sie waren" – Biathlet Erik Lesser lehnt Olympiaboykott ab

"Winterspiele sollen wieder werden, was sie waren" – Biathlet Erik Lesser lehnt Olympiaboykott ab

Chantal Ranke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Erik Lesser wird in Peking seine dritten und zugleich letzten Olympischen Spiele bestreiten.
Erik Lesser wird in Peking seine dritten und zugleich letzten Olympischen Spiele bestreiten. © IMAGO / Eibner Europa
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Im Interview mit dem SPORTBUZZER erklärt Biathlet Erik Lesser, warum ein Olympiaboykott für ihn nicht infrage kommt, was er in Peking erwartet und weshalb es für den deutschen Athleten definitiv die letzten Olympischen Spiele sein werden.

Die Olympischen Winterspiele in Peking stehen aktuell hauptsächlich wegen der politischen Debatten im Fokus. Immer mehr Nationen wollen die Spiele diplomatisch boykottieren. Im Interview mit dem SPORTBUZZER und dem RedaktionNetzwerk Deutschland erklärt Biathlet Erik Lesser (33), warum das für den Sport nicht infrage kommt und welchen Wunsch er an das IOC hat.

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SPORTBUZZER: Herr Lesser, etwas mehr als einen Monat vor den Olympischen Spielen häuft sich die Kritik, immer mehr Nationen entscheiden sich für einen diplomatischen Boykott. Haben Sie selbst an einen Boykott gedacht?

Erik Lesser (33): Ich finde es nicht okay, von Sportlern zu erwarten, die Spiele zu boykottieren. Das würde ich nicht machen. Den Schuh muss sich das IOC anziehen – auch wegen der Vergabe. Zum einen ist China kein Wintersportort und zum anderen natürlich auch wegen der politischen Situation.

Lassen sich Sport und Politik noch voneinander trennen?

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Da bin ich optimistisch. Auch 2014 wurde im Vorfeld viel über die Probleme mit Russland und der Krim diskutiert und es wurde gefordert, dass die Spiele abgesagt werden. Kaum brannte aber die Flamme, sprach die Welt nicht mehr darüber. Dieses Mal wird es genauso sein. Wenn die Wettkämpfe starten, dann guckt die ganze Welt auf diesen Wettkampf und will wissen, wer der beste Athlet ist.

Könnte ein sportlicher Boykott das Ende einer Karriere bedeuten?

Ich mache ja nicht mehr so lange (lacht). Nee, wir Wintersportler können uns Sprüche wie ‚Dann haben wir vier Jahre umsonst gearbeitet‘ nicht leisten, denn wir haben jedes Jahr den Weltcup und die Weltmeisterschaft. Bei uns wäre eher die Arbeit einer Saison futsch. Aber als Sportler kannst du dort etwas erreichen, was nie vergessen wird. Ein WM-Titel verblasst schnell. Da ist man nur einer unter vielen. Aber ein Olympiasieg wird immer genannt.

Olympiastrecke: Wir wissen quasi nichts

Inwiefern sprechen Sie im Team über die Bedingungen?

Das ist bei uns gar kein Thema. Auch ich informiere mich nicht aktiv darüber. Den Bericht über die Rodler habe ich natürlich mitbekommen. Wir sind aber erst mal darauf erpicht, die Norm zu erreichen. Ich kann mir im Dezember doch nicht den Kopf zermartern, wie das alles ist, und dann bin ich am Ende gar nicht dabei.

Die Informationslage über die Strecken und die Bedingungen in Peking sind relativ schlecht. Was wissen Sie?

Wir wissen quasi nichts. Wir haben nur Fotos von der Strecke gesehen und die Langlaufstrecken über eine VR-Brille besichtigt. Leider ist nun auch noch der Trip von unseren Technikern ausgefallen, die sich die Wettkampfstätten anschauen wollten.

Langsam ist es Zeit für mich zu gehen

Sie haben bereits angekündigt, dass Sie 2026 in Cortina d’Ampezzo nicht mehr dabei sein werden. Sind Spiele in einem Traditionsort für Wintersport nicht Motivation genug?

Es wäre schon cool, aber das Leben geht auch weiter. Meine Motivation ist nicht mehr so groß, dann gibt es auch noch die Familie, und bis Cortina ist echt noch ein ganz weiter Weg. Meine Leistung in den letzten Jahren zeigt eher eine Stagnation und andere kommen nach – so langsam ist es Zeit für mich zu gehen.

Wenn Sie sich eine Sache vom IOC wünschen könnten, was wäre das?


Ich wünsche mir, dass die neuen Regularien für Austragungsorte strikt umgesetzt werden und Nachhaltigkeit eine Rolle spielt. Es wäre auch schön, wenn die Nominierungsprozesse vereinfacht werden. Winter- und Sommerspiele sollen wieder das werden, was sie mal waren, und es soll nicht einfach nur auf Diplomatie geachtet werden.

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