04. Mai 2021 / 09:30 Uhr

Die Bilanz von Fritz Keller als DFB-Chef: Deshalb hat er an der Verbandsspitze keine Zukunft

Die Bilanz von Fritz Keller als DFB-Chef: Deshalb hat er an der Verbandsspitze keine Zukunft

Frank Hellmann
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die Zeichen stehen auf Trennung: Präsident Fritz Keller beim DFB.
Die Zeichen stehen auf Trennung: Präsident Fritz Keller beim DFB. © IMAGO/Sven Simon (Montage)
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Die Amtszeit von Fritz Keller als Präsident beim Deutschen Fußball-Bund könnte bald vorbei sein. Der Winzer aus dem Kaiserstuhl hat sich an der Aufgabe beim Verband verhoben. Auch für Friedrich Curtius wird es eng. Die Verwerfungen beim DFB werden nicht geringer.

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Einsam und unbeholfen wie zu Beginn fühlt sich Fritz Keller derzeit als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Unvergessen, wie der gerade zum neuen Oberhaupt des größten deutschen Sportverbandes ernannte Gastronom vom Kaiserstuhl auf der Bühne der Frankfurter Messe mit einem Blumenstrauß in der Hand herumlief und fragte: "Wo soll ich denn hin?"

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Das war am 27. September 2019, als auf dem DFB-Bundestag 257 Delegierte nach einem einstimmigen Votum noch Applaus spendeten. Davon ist 584 Tage später nichts mehr geblieben. Seit dem Wochenende hängt ein historisches Misstrauensvotum über dem 13. Präsidenten der DFB-Historie. Die Chefs der Regional- und Landesverbände fordern den Rücktritt: mit 26 Ja-Stimmen für die Abberufung, neun Nein-Stimmen, zwei Enthaltungen. Der 64-Jährige muss für sich ausloten, wie lange er das Kreuzfeuer der Kritik noch aushält. Auch wenn sein Intimfeind, Generalsekretär Friedrich Curtius, der ebenfalls seines Amtes enthoben werden soll, Vizepräsident Rainer Koch und Schatzmeister Stephan Osnabrügge bei je 13 Gegenstimmen nicht unerheblich beschädigt sind. Curtius ließ nach dem Votum am Montag über den DFB mitteilen: "Ich stehe für Gespräche zu konstruktiven Lösungen für den DFB jederzeit zur Verfügung, dies umfasst selbstverständlich auch meine Funktion." Persönliche Konsequenzen zog er zunächst nicht.

Muss der DFB-Vorstand Keller zum Rücktritt zwingen?

Doch erst einmal blickt alles auf Keller. Trifft der Präsident keine Entscheidung, muss der DFB-Vorstand entscheiden. Es könnte auf eine Kampfabstimmung mit etlichen Verlierern hinauslaufen. Dass erst ein außerordentlicher Bundestag die Machtfrage entscheidet, soll eigentlich verhindert werden. Beugt sich der preisgekrönte Winzer dem öffentlichen Druck, würden zuerst die beiden DFB-Vizepräsidenten übernehmen: also ein drittes Mal Strippenzieher Koch und Peter Peters als Stellvertretender Sprecher des Präsidiums der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Keller wäre nach Wolfgang Niersbach und Reinhard Grindel der dritte DFB-Boss, der nach einer Schlammschlacht scheidet.

Alle Skeptiker könnten sich bestätigt fühlen, dass sich der ehemalige Präsident des SC Freiburg an dieser Herausforderung verheben musste. Um die Klammer zu bilden, fehlte ihm einiges – auch an Gespür für die internen Strömungen. Amateure und Profis lagen bereits bei seinem Amtsantritt im Clinch, die Frauen fühlten sich als fünftes Rad am Wagen, den oft wie ein Gutsherr führenden Grindel mit seinen Zuständigkeiten in UEFA und FIFA konnten viele Verbandsangestellte nicht mehr gut leiden: Diese Gräben sollte der leutselige Genussmensch schließen. Nur: Wenn die damals herrschenden Streitpunkte einer kleinen Schlucht am Kaiserstuhl glichen, hat sich jetzt ein Grand Canyon aufgetan. Dass ausgerechnet Keller seinen Gegenspieler Koch mit einem der schlimmsten Nazi-Richter verglich, machte ihn für viele untragbar. Die hauseigene Ethikkommission hat den Fall geprüft und für mögliche Konsequenzen an das Sportgericht beim Verband verwiesen.

Rekordnationalspieler Lothar Matthäus prescht in seiner Kolumne für den TV-Sender Sky bereits vor – mit klaren Vorstellungen der neuen DFB-Spitze: Karl-Heinz Rummenigge, der den FC Bayern München als Vorstandsboss Ende des Jahres verlässt, als Präsident und Bayer Leverkusens Sportchef Rudi Völler als dessen Vize. "Rummenigge und Völler genießen Ansehen und Renommee in der Welt des Fußballs", wirbt Matthäus für dieses Duo.

Noch ist Keller im Amt – doch die Bilanz liest sich unschön. Der Präsident wollte oft das Richtige, machte es aber häufig schlecht. In der Pandemie unterliefen Keller sogar Fehler im Umgang mit Joachim Löw. Selbst der Bundestrainer ging auf Distanz zu einem Mann, der als DFB-Chef keine Zukunft hat.