27. Juni 2022 / 06:39 Uhr

Biograf von Novak Djokovic zum Wimbledon-Start: "Es gab bei ihm keinen Plan B"

Biograf von Novak Djokovic zum Wimbledon-Start: "Es gab bei ihm keinen Plan B"

Sebastian Harfst
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Djokovic-Biograf Daniel Müksch spricht unter anderem über die Mentalität des Tennis-Superstars.
Djokovic-Biograf Daniel Müksch spricht unter anderem über die Mentalität des Tennis-Superstars. © IMAGO/HochZwei/Shutterstock (Montage)
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Novak Djokovic ist die vielleicht umstrittenste Figur der Tennis-Szene. Bevor der Serbe ab Montag in London seinen siebten Wimbledon-Titel ins Visier nimmt, hat der SPORTBUZZER, das Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) mit Djokovic-Biograf Daniel Müksch gesprochen.

SPORTBUZZER: Herr Müksch, finden Sie Novak Djokovic eigentlich sympathisch?

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Daniel Müksch (41): Er hat sympathische Züge. Viele Dinge, die er sagt, kann ich nachvollziehen. Er hat aber auch Extreme in die andere Richtung. Mir fällt da das geweihte Wasser ein, manchmal begibt er sich in ganz andere Sphären. Auf einer Sympathieskala von eins bis zehn bekäme er eine Sieben.

Was treibt Djokovic an?

Er will etwas beweisen, hat das Gefühl, dass er von bestimmten Personen – auch vom Weltgeschehen – daran gehindert werden sollte, Tennisprofi zu werden. Das wiederum hatte er sich schon früh in den Kopf gesetzt. Der Jugoslawien-Krieg war dabei ein entscheidender Faktor, weil er seine Startbedingungen verschlechtert hat. Seine Konkurrenten Federer und Nadal sind relativ clean durch die Fördersysteme gelaufen, er musste sich Umwege suchen. Trotzdem hat er es geschafft, auf Augenhöhe mit beiden zu gelangen. Er will bewusst machen, gegen welche Widerstände er gekämpft hat.

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Woher kam sein Ehrgeiz?

Seine Eltern hatten im Bergort Kapaonik eine Pizzeria, in der sie sehr viel gearbeitet haben, hatten entsprechend wenig Zeit für den Jungen. Dass genau gegenüber zwei Tennisplätze waren, auf denen er seiner Entdeckerin Jelena Gencic in die Hände gefallen ist, hat schon etwas Schicksalhaftes. Sie hat dann gesagt, dass er zwar nicht sofort der perfekte Tennisspieler war. Aber man habe gesehen, dass er etwas Besonderes ist, wenn man in seine Augen blickte. Er ist dem Blick nicht ausgewichen – das kennt man sonst von Fünfjährigen eher nicht. Seine Haupttalente, extreme Fokussierung und Konzentrationsfähigkeit, waren schon damals erkennbar.

Die Familie hat sich für seine Karriere verschulden müssen. Musste er deshalb einfach erfolgreich sein?

Ich glaube schon, dass er erfolgreich sein musste, es gab keinen Plan B. Die Familie hat alles auf Novak gesetzt. Man merkt das bis heute – zum Beispiel im Verhältnis zu seinem Vater. Vieles von dem, was der Vater sagt, beispielsweise Anfang des Jahres in Australien die Vergleiche mit Jesus, sieht Novak sehr negativ. Gleichzeitig weiß er aber, was der Vater in ihn investiert und auf sich genommen hat. Entsprechend würde er nie etwas Negatives über den Vater in der Öffentlichkeit sagen.

Boris Becker war Djokovics Trainer. Erst hat das hervorragend funktioniert, dann nicht mehr. Warum?

Da muss man Boris zunächst ein Kompliment machen. Mit Andre Agassi und Djokovic hat es später schließlich nicht geklappt. Agassi war nicht bereit, sich unterzuordnen. Er sah sich auch als Superstar. Becker war bereit, sich in die zweite Reihe hinter Djokovic zu stellen. Irgendwann kam dann der Djokovic durch, den man eben als unsympathisch bezeichnet. Da fühlte er sich zu dem spanischen Tennisguru Pepe Imaz hingezogen. Der geht Tennis eher spirituell an, hat in Marbella so eine Art Hippie-Tennisakademie. Da haben sich Becker und Djokovic verloren. Als Imaz stundenlange Meditationen mit Djokovic angeleitet hat, war das eine Welt, die Becker nicht mehr nachvollziehen konnte. Novak hat versucht, das Boris bleibt. Die Trennung ging am Ende mehr von Boris aus.

Ist Djokovic der beste Tennisspieler aller Zeiten?

Alle aktuellen Profis und Ex-Profis, mit denen ich für das Buch geredet habe, haben gesagt: Ja, er ist der Beste! Nicht alle wollten damit zitiert werden. Aber ich habe keinen getroffen, der gesagt hat, dass Djokovic nicht der Beste ist. Für die Spieler sind einerseits die großen Titel entscheidend, wo er aktuell zwei Siege bei Grand-Slam-Turnieren hinter Nadal steht, andererseits die Zeit auf Platz eins der Weltrangliste. Da liegt er so weit vorne im Vergleich mit allen anderen. Das drückt besondere Kontinuität aus.

Daniel Müksch hat die Biografie "Novak Djokovic – Ein Leben lang im Krieg" geschrieben. Das Buch ist im Verlag Die Werkstatt erschienen und kostet 22 Euro.

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