05. Juni 2020 / 10:04 Uhr

Blick zurück: Als Dynamo Dresden 1990 im Berliner Regen den letzten großen Titel gewann

Blick zurück: Als Dynamo Dresden 1990 im Berliner Regen den letzten großen Titel gewann

Jochen Leimert
Dresdner Neueste Nachrichten
Dynamo Dresden holt sich den letzten Titel im DDR-Fußball, gewinnt das Finale im FDGB-Pokal gegen den PSV Schwerin 2:1. 
Die Siegermannschaft von 1990 mit dem begehrten Pokal. © imago images/Camera 4
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Anfang Juni 1990 machten Jörg Stübner und Ulf Kirsten mit ihren Toren im Finale von Berlin den siebenten Pokalsieg für die Schwarz-Gelben perfekt. Trotz Unterzahl drehten sie das Spiel und gewannen am Ende mit 2:1.

Dresden. Dass Dynamo einmal verzweifelt ums Überleben in der 2. Liga kämpfen würde, das konnte sich vor 30 Jahren kein Mensch vorstellen. Am Ende einer turbulenten Saison, erschüttert vom Mauerfall, dem Zerfall der DDR und dem Lockruf der DM-Mark, gewann die seit Anfang April von Reinhard Häfner gecoachte Startruppe die Meisterschaft. Der 3:1-Heimsieg gegen Lok Leipzig sicherte am 26. Mai 1990 den achten Titel. Groß gefeiert wurde wenig später aber gleich noch einmal, denn am 2. Juni glückte der eben erst in 1. FC Dynamo Dresden umbenannten Sportgemeinschaft das dritte Double: Im Berliner Jahnsportpark gewann die Häfner-Elf durch ein 2:1 gegen den Zweitligisten PSV Schwerin zum siebenten Mal den FDGB-Pokal. Es sollte bis heute der letzte große Titel für die Schwarz-Gelben bleiben.

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Unruhe beim Meister

Der historische Triumph musste hart erkämpft werden, denn der Underdog aus Mecklenburg war damals heiß wie Frittenfett. Jeder im Außenseiterteam von Trainer Manfred Radtke wusste: Das ist die Chance unseres Lebens! Ihr Selbstbewusstsein zogen die Nordlichter vor allem aus den Überraschungssiegen gegen Magdeburg (Viertelfinale/3:1) und Lok Leipzig (Halbfinale/1:0). Und der Heißsporn Radtke gab bei der Kabinenansprache vor dem Anpfiff noch einmal alles: „Beweist den Dresdnern, dass es auch einen Schweriner Kreisel gibt, nicht nur den Dresdner!“

DURCHKLICKEN: Bilder vom FDGB-Pokalfinale 1990

02. Juni 1990: Fans der SG Dynamo Dresden verfolgen im Berliner Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark das Finale im FDGB-Pokal zwischen den Schwarz-Gelben und dem PSV Schwerin. Zur Galerie
02. Juni 1990: Fans der SG Dynamo Dresden verfolgen im Berliner Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark das Finale im FDGB-Pokal zwischen den Schwarz-Gelben und dem PSV Schwerin. ©

Vollgas geben gegen den mit Nationalspielern gespickten Favoriten aus Dresden, das wollten alle Schweriner. Mancher wusste nur nicht recht, wie: „Ich war 18, hab’ mir in die Hosen geschissen. Ich war völlig überfordert mit dem Spiel, wusste gar nicht, wo ich hinlaufen soll“, erinnert sich Steffen Baumgart in der NDR-Doku „Das letzte Pokalfinale in der DDR“. Für den heutigen Trainer des Bundesligisten SC Paderborn war das Spiel die erste große Feuertaufe.

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Das Endspiel verlief aber besser als erwartet für den Zweitligisten. Der profitierte von der Unruhe beim Meister: Die Asse Matthias Sammer und Ulf Kirsten hatten schon in Stuttgart und Leverkusen unterschrieben. Hans-Uwe Pilz, Matthias Döschner und Andreas Trautmann waren sich mit Fortuna Köln einig. „Man hatte da viele Sachen im Kopf, hat sich auf etwas Neues gefreut“, blickt Trautmann zurück. Dynamos damaliger Libero Frank Lieberam weiß noch: „Wir waren für alle Agenten ein gefundenes Fressen.“

Ein Moment für die Ewigkeit

Wirklich motivierend war die Atmosphäre für die erfolgsverwöhnten Stars im trist-verregneten und mit nur 5750 Fans fast leeren Stadion an der Cantianstraße auch nicht. Kirsten gibt zu bedenken: „Bei den anderen Pokalfinals waren immer 48 000 da, davon 40 000 aus Dresden.“ Doch im Wendejahr war vielen Fans Reisefreiheit und Konsum wichtiger als Fußball. Trautmann gesteht heute: „Prickelnd war das nicht.“ Der DDR-Fußballer des Jahres 1989 saß am Finaltag verletzungsbedingt nur auf der Tribüne. Doch nicht nur „Trautl“ fehlte Häfner in der Abwehr, auch Ralf Hauptmann und Matthias Maucksch waren verletzt. Im Tor stand der erst 20 Jahre alte Frank Schulze, da auch Ronny Teuber und Thomas Köhler passen mussten. So traute sich Schwerins Matthias Stammann ein Solo, tanzte mehrere Dresdner aus und flankte in die Mitte, wo André Kort das frühe 1:0 gelang (5.).

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Dynamo reagierte mit wütenden Gegenangriffen, vergab mehrere Chancen, ehe Jörg Stübner von der Strafraumgrenze abzog und Andreas Reinke zum 1:1 überwand (18.). Mit Glück retteten die Schweriner den Spielstand in die Pause und schöpften erst in der 54. Minute neue Hoffnung, als Pilz mit Rot vom Platz flog. Zu zehnt musste Dynamo arg kämpfen, lange auf die Erlösung warten: „Wir haben uns schwer getan, aber am Ende das Ding verdient gewonnen“, ist Kirsten bis heute überzeugt. Er war es, der in seinem letzten Pflichtspiel für Dynamo noch den 2:1-Siegtreffer markierte. Als Sammer einen Eckball Stübners aufs Tor köpfte, lenkte der „Schwarze“ die Kugel ins Netz (84.). Ein Moment für die Ewigkeit – und als Trost spendende Erinnerung gerade in schweren Zeiten stets willkommen.