22. Februar 2018 / 10:26 Uhr

Erblindet und Sportschütze: Reiner Barckmann "sieht mit den Ohren"

Erblindet und Sportschütze: Reiner Barckmann "sieht mit den Ohren"

Nicola Wehrbein
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Reiner Barckmann vertraut auf sein Gehör und visiert an.
Reiner Barckmann vertraut auf sein Gehör und visiert an. © Wehrbein
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Reiner Barckmann ist blind. Und Sportschütze. Dank eines speziellen Luftgewehrs zielt er nach akustischen Signalen. Und das sehr erfolgreich: zweimal wurde Barckmann in seiner Disziplin Landesmeister, zweimal deutscher Vizemeister.

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Ein wenig klingt es wie ein Metalldetektor bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen. Oder ein Geigerzähler. Ein hoher Ton. Und je näher das Ziel kommt, desto schriller piept es. Dieses akustische Signal dient Reiner Barckmann zur Orientierung. Der 61-Jährige ist ein erfolgreicher Sportschütze und blind. Der „beste Mann im Stall“, sagen seine Kameraden vom Schützenverein Gümmer.

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Barckmann will Deutscher Meister werden

Derzeit nimmt Barckmann am internationalen Fernschießen blinder und sehbehinderter Schützen teil – und liegt aussichtsreich im Rennen. Er scheint auf bestem Wege, eine Medaille abzuräumen. Sein nächstes großes Ziel hat der Seelzer auch schon fest im Visier: die deutsche Meisterschaft im Sportschießen Anfang September in München.

Er hat die Messlatte hoch gelegt: „540 Ringe, das wäre perfekt.“ Gelingt das, dürfte es dieses Mal klappen mit dem Titel, dicht dran war er schon. Barckmann ist zweifacher deutscher Vizemeister in der Disziplin Luftgewehr sitzend, Freihand mit Hilfsmittel (das ist ein Federständer, auf dem das Gewehr aufliegt). Auf Landesebene sicherte er sich 2015 und 2016 den obersten Podestplatz. Von seinen Volltreffern, Triumphen und zig Trophäen auf Kreisebene (unter Sehenden) und bei etlichen Wettkämpfen ganz zu schweigen ...



"Blindenfußball sollen mal die jungen Burschen spielen"

Dabei ist Barckmann ein Späteinsteiger. „Früher habe ich allenfalls beim Schützenfest an einer Bude zum Gewehr gegriffen.“ Früher, damit meint er die Zeit vor seiner Erblindung. 26 Jahre ist es her, dass er infolge einer Netzhautablösung sein Augenlicht verlor. „Bei meiner Rehabilitations- und Umschulungsmaßnahme im Bildungszen­trum für Blinde und Sehbehinderte in Würzburg gab es einen Schießstand“, erzählt Barckmann. Schach sei auch im Angebot gewesen, „aber das habe ich nie lernen wollen. Und Blindenfußball sollen mal die jungen Burschen spielen.“

Das Schießen hingegen war auf Anhieb sein Ding. „Es machte mir Spaß, mich in die Sache reinzufuchsen.“ Vor knapp fünf Jahren fand Barckmann schließlich seine sportliche Heimat beim SV Gümmer. Seither stellen sich Erfolge ein. „Hier fühle ich mich gut aufgehoben, ich werde nicht in die Ecke gestellt, sondern bin voll dabei, sei es bei den Vereinsmeisterschaften, dem Pokalschießen oder anderen Veranstaltungen.“

Schießen nach Gehör: Ehefrau Evelin unterstützt Reiner Barckmann.
Schießen nach Gehör: Ehefrau Evelin unterstützt Reiner Barckmann. © Wehrbein

Ein Piepton führt zum Ziel

Zweimal die Woche trainiert der ehrgeizige Sportler, in der Vorbereitung auf wichtige Wettkämpfe auch häufiger. Sein Gewehr ist ein Standard-Luftgewehr mit einer speziellen Visiereinrichtung, die im Prinzip aus einer High-Tech-Hochgeschwindigkeitskamera besteht, der sogenannten „Optronic“. Dieses Gerät auf dem Gewehr tastet die Zielscheibe ab – und wandelt Lichtstärken in akustische Signale um, die Barckmann über seinen Kopfhörer als lang gezogenen Piepton wahrnimmt. Spannung aufbauen, Atmung kontrollieren. Je höher der Ton, desto genauer zielt er. So kann er sich treffsicher ans Zentrum annähern. Und abdrücken.

„Man sieht mit den Ohren, es läuft alles über das Gehör“, erläutert Barckmann. Die technische Hilfe ist das eine. Unverzichtbar ist außerdem seine Ehefrau Evelin. „Ich unterstütze meinen Mann beim Einrichten des Schießstands, helfe beim Laden des Gewehrs, teile ihm seine Ergebnisse mit, die elektronisch angezeigt werden, und einiges mehr.“

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3500 Euro für ein Gewehr

Jeder blinde Schütze muss einen Begleitsportler an seiner Seite haben. Bei den Meisterschaften und Schieß-Wettbewerben tritt das Ehepaar Barckmann also gemeinsam auf. Es ist ein eingespieltes Team. „Das Ganze ist eine ziemlich teure Angelegenheit, schließlich müssen wir die Reisekosten und alles andere selbst bezahlen“, betont Reiner Barckmann.

Allein das Gewehr plus Optik kostet rund 3500 Euro. Auch ins Trainingslager nach Österreich hat Evelin ihren Mann vergangenes Jahr begleitet. „Andere Länder – etwa Österreich und die Schweiz – sind in Sachen Inklusion von Blinden und Sehbehinderten im Schießsport schon einen Schritt weiter“, erzählt die Lohnderin, dort seien bereits viele Schießanlagen umgerüstet und die erfolgreichen Sportschützen würden finanziell unterstützt.

Die Paralympics sind ihr großer Traum

Für ihren großen Traum, eine Teilnahme bei den Paralympischen Spielen, müssten die Eheleute tief in die eigene Tasche greifen. Also träumen sie einstweilen nur ein bisschen davon. Und konzentrieren sich auf die naheliegenden Ziele, das Marathonschießen in Bremen etwa: 100 Schuss in 100 Minuten.