12. Januar 2021 / 08:14 Uhr

DHB-Vizepräsident Bob Hanning vor dem WM-Start: "Wir haben viel Talent im Team"

DHB-Vizepräsident Bob Hanning vor dem WM-Start: "Wir haben viel Talent im Team"

Christoph Dach
Märkische Allgemeine Zeitung
Für Bob Hanning ist es die letzte WM als Vizepräsident des DHB.
Für Bob Hanning ist es die letzte WM als Vizepräsident des DHB. © dpa/Montage
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Der DHB-Vizepräsident spricht über den Start der Handball-WM in Ägypten, die massive Kritik am Turnier, Bundestrainer Alfred Gislason und die Perspektiven der Nationalmannschaft

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Bob Hanning ist seit 2013 Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB) mit dem Schwerpunkt Leistungssport. Das Turnier in Ägypten wird seine letzte Weltmeisterschaft in offizieller Mission sein. Vor dem WM-Start am Mittwoch sprach der 52-Jährige mit dem SPORTBUZZER.

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Herr Hanning, verbinden Sie irgendwelche Erinnerungen mit Ägypten?

Ich war oft in offizieller Mission dort, 1999 zur Handball-Weltmeisterschaft etwa, damals noch als junger Kerl und Co-Trainer der Nationalmannschaft. Zuletzt war ich in Ägypten, als Deutschland den Zuschlag für die WM bekommen hat. Im Grunde habe ich also nur positive Erinnerungen. Und bevor die Frage kommt: Ja, ich freue mich auch auf das Turnier jetzt.

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Stand jemals zur Debatte, dass Sie nicht fahren würden?

Diesen Gedanken hatte ich nicht einmal, nein.

Einige Spieler und Verantwortliche haben die Ausrichtung der WM scharf kritisiert, ebenso die Tatsache, dass Zuschauer zugelassen werden sollten. Wie sehen Sie das?

Ich habe für jeden Spieler Verständnis, der Sorge hat. Deshalb sage ich auch: Es sollen nur die Leute mitfahren, die sich mit dieser Wahl wohl fühlen. Wir haben mündige Spieler, die alle in der Lage sind, für sich Entscheidungen zu treffen. Ich kann weiterhin sagen, dass ich bei uns im Verein, also bei den Füchsen Berlin, zwei Mal grundsätzliche Fragen gestellt habe. Eine lautete: Wollen wir in Zeiten von Corona überhaupt im Europapokal antreten? Die andere an die Nationalspieler lautete: Wollt ihr zur WM fahren? Beide Abstimmungen endeten einstimmig: ja!

Carsten Bissel, der Aufsichtsratschef des Bundesligisten HC Erlangen, sagte in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“: „Die angebliche Blase in Kairo ist ein Witz.“

Das ist doch purer Populismus! Mir missfällt die Arroganz, die uns Deutsche manchmal umgibt. Dieser Glaube, dass wir alles besser können als andere Länder. Wir hatten doch in der deutschen Nationalmannschaft auch mehrere Corona-Fälle. Wie kann man sich da also hinstellen und so tun, als wären wir die Größten und alles um uns herum ist dumm? Deshalb fand ich die Kritik von Herrn Bissel auch fürchterlich, weil er über eine Blase gesprochen hat, die er gar nicht kennt.

Wie haben Sie die zurückliegenden zehn Corona-Monate bei den Füchsen Berlin, also in ihrem Verein, und bei der Nationalmannschaft erlebt?

Es ist ja unstrittig, dass kein Mensch diese Pandemie und ihre Folgen braucht. Trotzdem hat das Ganze auch einen spannenden Aspekt, so schlimm es auch ist: Man sieht, was die Krise mit uns macht. Krisen machen nämlich immer ehrlich, da muss man die Hosen runterlassen.

Die besten Handballer aller Zeiten

Bernhard Kempa (Deutschland, * 19. November 1920, † 20. Juli 2017) prägt den deutschen Handball wie kein anderer nach dem Zweiten Weltkrieg. Er war ab 1948 der überragende Spieler bei Frisch Auf Göppingen. 1954 holte er als Spielertrainer mit der Mannschaft sensationell die deutsche Hallenmeisterschaft und wenige Monate später auch die Feldmeisterschaft. Sein Name lebt in dem sogenannten Kempa-Trick weiter, bei dem der Ball einem in den Kreis einspringenden Angreifer zugespielt wird, der ihn direkt verwandelt. Zur Galerie
Bernhard Kempa (Deutschland, * 19. November 1920, † 20. Juli 2017) prägt den deutschen Handball wie kein anderer nach dem Zweiten Weltkrieg. Er war ab 1948 der überragende Spieler bei Frisch Auf Göppingen. 1954 holte er als Spielertrainer mit der Mannschaft sensationell die deutsche Hallenmeisterschaft und wenige Monate später auch die Feldmeisterschaft. Sein Name lebt in dem sogenannten Kempa-Trick weiter, bei dem der Ball einem in den Kreis einspringenden Angreifer zugespielt wird, der ihn direkt verwandelt. ©

Was meinen Sie genau?

Ich habe Menschen gesehen, die denunzieren. Menschen, die zwar quer denken, aber leider nicht geradeaus. Menschen, die keine Krise können, wofür ich vollstes Verständnis habe. Die Politik zum Beispiel war ein Stück weit überfordert, was ich fast schon logisch finde – weil sie in einem privilegierten Land wie Deutschland gar kein richtiges Krisenmanagement gewohnt ist. Weil viele Politiker noch ein Unternehmen geführt haben. Auch dafür habe ich Verständnis. Und dann gibt es Leute, die plötzlich über sich hinauswachsen. Aber wissen Sie, was mich am meisten gefreut hat?

Erzählen Sie!


Es gab viele wirklich schöne, positive Erlebnisse. Aber das Beste war die Erkenntnis, dass ich in meiner Menschenkenntnis vor Corona zu 99 Prozent richtig gelegen habe, was meinen Freundeskreis und meine Arbeit mit den Menschen angeht, denen ich vertraue. Es gab viele Momente menschlichen Miteinanders. Ich habe das als wunderbare Bestätigung empfunden. Deshalb gehöre ich auch nicht zu denjenigen, die jetzt fragen: Warum dürfen wir denn nicht vor 500 Zuschauern spielen, wenn das Sicherheitskonzept zu 100 Prozent greifen würde? Mir ist bewusst: Ich bin Teil eines gesamten Systems und da geht es auch darum, Rücksicht aufeinander zu nehmen.

Lassen Sie uns zum Sportlichen kommen: Bundestrainer Alfred Gislason muss auf sieben Spieler verzichten, die für die WM abgesagt haben. Welche Konsequenzen hat das?

Vor ein paar Wochen gab es ein Gespräch zwischen dem Bundestrainer, Sportdirektor Axel Kromer, Präsident Andreas Michelmann und mir. Und ganz ehrlich: Ich war damals schon ein großer Befürworter davon, nicht alle Spieler mit zur WM zu nehmen. Die Nationalspieler des THW Kiel waren ja noch bis kurz vor dem Jahreswechsel aktiv und haben die Champions League gewonnen und dabei richtig viel Kraft gelassen. Deshalb sehe ich die WM jetzt auch als Chance für unsere jungen Spieler. Die können sich zeigen und über sich hinauswachsen – und wenn einer genauso gut ist wie ein Konkurrent, der jetzt nicht dabei ist, wird er sicher einen Vorteil haben und in der Pole Position stehen, wenn es um die Olympischen Spiele geht. Außerdem müssen die jungen Spieler ihre Erfahrungswerte nicht erst in Tokio sammeln, sondern können das jetzt in Ägypten tun. Das kann ein unschätzbarer Vorteil sein.

"Alfred ist ein Mann mit unglaublicher Erfahrung"

Alles halb so schlimm also?

Noch einmal: Der Grund, warum es jetzt so gekommen ist, ist zwar nicht gut. Aber dass wir jetzt so eine Situation haben, ist definitiv nicht schlecht. Wir verfolgen ja nach wie vor das Ziel, eine Medaille bei den nächsten Olympischen Spielen zu holen.

Welche Rolle spielt Bundestrainer Alfred Gislason, der ganz kurz vor Ausbruch der Pandemie das Amt übernommen hat? Wie haben Sie ihn seither erlebt?

Alfred ist ein Mann mit unglaublicher Erfahrung, der natürlich mit der besten Mannschaft spielen will – wie jeder andere Trainer auch. Ich hätte ihm gewünscht, dass er unter anderen Bedingungen arbeiten kann, er selbst würde das auch sofort unterschreiben. Grundsätzlich mache ich mir über den Trainer gar keine Gedanken, weil ich weiß: Da ist jemand, der alles erreicht und erlebt hat, was man in unserem Sport erleben kann. Deshalb strahlt er immer eine gewisse Gelassenheit aus, selbst in Zeiten wie diesen. Die Tatsache, dass so ein erfahrener Mann an der Seitenlinie steht, tut der Mannschaft gut. Das hat man in den Testspielen schon gut beobachten können.

Erzählen Sie doch mal eine typische Alfred-Gislason-Geschichte, die ihn charakterisiert.

Da muss ich nicht lange überlegen: Vor ein paar Wochen haben wir uns in Berlin getroffen, die Nationalspieler waren zu dieser Zeit auch in der Stadt. Ich habe ihn gefragt, ob er nicht Lust hat, eine Einheit mit der Mannschaft zu machen – und gemerkt: Er war da sofort Feuer und Flamme. Am liebsten hätte er an diesem Tag noch über die zweite Stunde hinaus trainieren lassen, aber ich habe ihn dann gebremst. Die Geschichte zeigt: Wenn Alfred irgendwo Talent sieht, das er trainieren kann, will er mit diesem Talent etwas anstellen. Und wir haben viel Talent im deutschen Team.

"Zum Abschluss eine Medaille beim Olympia"

Die Zielsetzung lautet also?

Egal, in welcher Besetzung eine deutsche Handball-Nationalmannschaft zu einem Turnier fährt: eine gute Platzierung in der Hauptrunde ist Pflicht, das Viertelfinale wäre schön. Über alles andere will ich gar nicht spekulieren. Das hängt auch davon ab, wie die Mannschaft sich findet und entwickelt. Es gibt ja einige Beispiele dafür, dass Teams während eines Turniers einen besonders guten Drive entwickeln und sich in einen Rausch spielen. Ich denke da nur an die EM 2016, die wir sensationell gewonnen haben.

Das Turnier in Ägypten wird auch ihre letzte WM als Vizepräsident des Deutschen Handballbundes, weil Ende des Jahres ein neues Präsidium gewählt wird und Sie schon vor langer Zeit bekannt gegeben haben, nicht mehr kandidieren zu wollen.

Ich hoffe natürlich, dass wir zum Abschluss eine Medaille bei Olympia holen werden. Mit diesem Ziel sind wir damals angetreten und daran werden wir uns messen lassen müssen. Grundsätzlich glaube ich, dass wir aus dem Pflegefall DHB wieder ein funktionierendes System gemacht haben.

Was geben Sie ihren Nachfolgern mit auf den Weg?

Ich hoffe, dass sie es noch besser machen als wir. Darüber würde ich mich persönlich sehr freuen.