11. Januar 2022 / 20:00 Uhr

Bob Hanning über Juri Knorr, EM-Chancen der DHB-Auswahl und Sorge um ganze Generationen

Bob Hanning über Juri Knorr, EM-Chancen der DHB-Auswahl und Sorge um ganze Generationen

Marius Böttcher
Märkische Allgemeine Zeitung
Ex-DHB-Vizepräsident Bob Hanning spricht unter anderem über die EM-Chancen der deutschen Nationalmannschaft.
Ex-DHB-Vizepräsident Bob Hanning spricht unter anderem über die EM-Chancen der deutschen Nationalmannschaft. © IMAGO/camera4+
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Vor dem Start der Handball-Europameisterschaft in Ungarn und der Slowakei blickt der Geschäftsführer der Füchse Berlin dem ersten Großturnier nach seiner achtjährigen Amtszeit beim Deutschen Handballbund mit Freude entgegen. Kritisch äußert sich der 53-Jährige dagegen über Juri Knorr – der 21-jährige Spielmacher der Rhein Neckar Löwen verpasst die EM, weil er nicht geimpft ist.

Vier Welt- und vier Europameisterschaften sowie zwei Olympische Spiele erlebte Bob Hanning in seiner Amtszeit als Vizepräsident des Deutschen Handballbundes zwischen 2013 und 2021. Auf die am Donnerstag in Ungarn und der Slowakei startende Europameisterschaft blickt der 53-Jährige, der als Geschäftsführer des Bundesligisten Füchse Berlin und Trainer des Drittligisten VfL Potsdam tätig ist, dennoch mit Freude. Im Interview mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland, spricht Hanning über Neujahrsvorsätze, den möglichen Verlust von Generationen wegen der Corona-Pandemie, die deutschen Chancen beim Kontinentalturnier und das Fehlen vom ungeimpften Juri Knorr.

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SPORTBUZZER: 2022 ist fast zwei Wochen alt – konnten Sie Ihre Neujahrsvorsätze schon umsetzen?

Bob Hanning (53): Ich hab zumindest wieder zwei der sieben überflüssigen Kilos runter, von daher bin ich da auf dem Weg. Mehr Sport zu treiben nehme ich mir seit fünf Jahren vor – das habe ich wieder auf 2023 gelegt. Ansonsten ist der Aufstieg mit dem VfL Potsdam das große Ziel, die Füchse will ich so flott machen, dass sie in der nächsten Saison Richtung Champions-League-Plätze angreifen können und der Traum vom Haus am See dürfte in diesem Jahr Realität werden, der Antrag für den Steg ist gerade gestellt. Es gibt also genügend private und sportliche zu erreichende Ziele.

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Welche Ereignisse in diesem Jahr bereiten Ihnen große Vorfreude?

Zu euphorisch bin ich grundsätzlich nicht. Es gilt, die im Vorfeld erwähnten Ziele zu erreichen. Ich bin mir außerdem immer wieder extrem bewusst, wie privilegiert wir im Sport sind und wie privilegiert ich in meiner Person bin. Die Dinge so machen zu dürfen, den Traum jeden Tag leben zu dürfen und dabei gesund zu sein, darüber bin ich sehr dankbar. Ich mache mir viel mehr Sorgen um unsere Gesellschaft.

Erläutern Sie.

Ich kann es für den Handball und für die Gesellschaft runterbrechen. Ich bin erst mal froh, dass sich der DHB bei der Thematik Mitgliederentwicklung breiter aufgestellt hat, dass der Spielbetrieb von der Bundesliga bis in die 3. Liga und darüber hinaus bei den Junioren aufrechterhalten werden konnte. Wir, die Füchse Berlin als Beispiel, sind so was von privilegiert – wir haben Staatshilfen und Unterstützung aus dem Land bekommen, konnten und können unser Leben leben. Und trotzdem mache ich mir riesige Sorgen um die Sportart. Wenn du elf Mädels hast und drei Mädels hören auf, dann geht eine Handballmannschaft verloren. Wenn unsere D-Jugend im letzten Jahr gar kein Spiel gemacht und in dieser Saison vier Spiele absolviert hat, dann gehen uns auch die Mitglieder verloren.

"Es wird der Europameister, der die wenigsten Corona-Fälle hat"

Wie kann man dagegen steuern?

Unser Riesenglück ist, dass mit der Junioren-WM, der Europameisterschaft 2024 oder der Weltmeisterschaft 2027 – alle in Deutschland – eine unfassbare Strecke an großen Erfolgen für diese Sportart vor uns liegt, die wir dann auch nutzen müssen. Ich mache mir aber insgesamt einfach große Sorgen um unsere Kinder, wenn es so weitergeht, verlieren wir ganze Generationen – das macht bei den Kids auch was in Sachen Motorik oder Sozialverhalten. Das umtreibt mich, man muss sich schleunigst Gedanken machen.


Das Jahr startet – wie immer – mit einem Handballhöhepunkt: Der Europameisterschaft in Ungarn und der Slowakei. Nicht das erste Turnier in Corona-Zeiten – dennoch das am schwersten einzuschätzende?

Es wird der Europameister, der die wenigsten Corona-Fälle hat. Ich glaube, dass es in den letzten Jahren schon ein gutes Management zu diesem Thema gab. Ich bin ja immer ein Freund von großen Zielen und sehe in der EM eine große Chance – die vielen Absagen und Rücktritte im internationalen Handball geben der Sportart die Möglichkeit, neue Stars zu gebären. Ich bin sehr gespannt, wir werden sicherlich einige positive Überraschungen haben. Das erinnert mich an unseren EM-Titel 2016, wo keiner mit uns gerechnet hat, und wo wir aber Schritt für Schritt weiter gekommen sind. Die Aufgabenstellungen, die wir in der Vorrunde haben, müssen wir alle lösen. Wichtig ist, dass die deutsche Nationalmannschaft wieder Spaß macht – unabhängig vom Resultat, unabhängig von ganz großen Zielen.

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Berlin (Max-Schmeling-Halle) ©

Was trauen Sie der DHB-Auswahl, die in der Vorrunde auf Belarus, Österreich und Polen trifft, zu?

Ich bin nicht mehr verantwortlich, von daher könnte ich die Messlatte bewusst nach oben setzen (lacht). Aber ganz im Gegenteil, meine klare Erwartungshaltung ist, dass uns diese Truppe mit Leidenschaft begeistert. Auch wenn ich jemand bin, der predigt, dass das Ergebnis und eben nicht das Erlebnis zählt, sage ich diesmal, dass es eine Wechselwirkung von Erlebnis und Ergebnis ist. Natürlich müssen wir eine Nation wie Österreich an jedem Tag, an jedem Ort schlagen – andererseits haben wir jetzt auch die Chance, uns gegen große Teams zu zeigen und zu sehen, was dann noch fehlt. Ich fühle mich wie gesagt sehr an 2016 zurückerinnert, ohne jedoch den Druck machen zu wollen, das gleiche Resultat zu erreichen.

Wissen Sie, was diesmal anders ist als bei den letzten zehn Großturnieren?

Puh, nein. Verraten Sie es mir.

Es ist das erste große Turnier nach ihrem Rückzug als DHB-Vizepräsident. Mit welchem Blick verfolgt Bob Hanning künftig diese Turniere?

Erst mal bin ich extrem stolz, was wir bewegt haben – vor allem mit dem Ausblick, was noch kommt. Ich habe mich, bevor ich beim DHB angefangen habe, massiv gegen Widerstände durchgesetzt und immer wieder für die Nationalmannschaft gesprochen. Gleiches werde ich auch in Zukunft tun, finde aber, dass der Respekt gebührt, den anderen das Feld zu überlassen. Das Feld ist bestellt und das muss jetzt entwickelt werden. Ich bin mit Freude aber auch mit der nötigen Distanz dabei, habe bewusst auch jegliche Anfragen von Auftritten abgelehnt.

Denken Sie, dass Ihre Arbeit der letzten Jahre beim DHB schnell wieder verpufft?

Das halte ich für ausgeschlossen. Die Strukturen sind alle so aufgebaut, dass man sich nicht um den Verband sorgen muss. Die handelnden Personen sind maximal intrinsisch motiviert, den Verband weiterzuentwickeln. Dementsprechend sehe ich positiv in die Zukunft. Wir sind ausvermarktet und konnten uns den Hauptsponsor aussuchen.

Hanning über EM-Nominierung: "Es gibt keinen Spieler, der mir in der Besetzung, wie sie möglich war, fehlt"

Hat Sie die Nominierung des 19er-Kaders von Bundestrainer Alfred Gislason überrascht?

Sie hat mich gefreut. Weil wir ein paar neue Gesichter haben, weil wir ein bisschen mit Mut was machen müssen. Es gibt keinen Spieler, der mir in der Besetzung, wie sie möglich war, fehlt. Einige müssen sich freischwimmen – Marcel Schiller muss den Zweikampf auf seiner Position nun auch mal gewinnen, Timo Kastening die Entwicklung zu einer gestandenen Stammkraft machen. Ich freue mich über Johannes Golla als Kapitän, über die jungen Spieler und das Torhütertrio um den Kopf Andreas Wolff plus Talente. Da sind viele interessante Themen drin.

Mit Julian Köster ist gar ein Zweitligaspieler vom VfL Gummersbach dabei. Gewagt, mutig oder fragwürdig?

Es ist völlig richtig. Wenn ein Trainer von etwas überzeugt ist, dann muss er das tun und es auch tun dürfen. Mir fehlt niemand, dem er einen Platz wegnimmt. Das ist auch ein Fingerzeig Richtung Qualifikation für die Olympischen Spiele in Paris 2024. Ich habe wohlüberlegt für die EM 2024 in Deutschland gekämpft, da stand schon damals eine Strategie dahinter, warum wir das so machen wollen. Je mutiger desto besser – und hier stimmt diesmal auch die Mischung.

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Im DHB-Aufgebot sucht man vergebens nach Spielern der Füchse Berlin – erstmals seit sieben Jahren. Paul Drux und Marian Michalczik kamen Verletzungen dazwischen, Fabian Wiede nannte familiäre Gründe und verpasst damit sein viertes Turnier in Folge. Können Sie seine Entscheidung nachvollziehen?

Fabi ist ja wie mein Kind, den habe ich quasi großgezogen. Ich hätte ihn gerne in Tokio bei Olympia gesehen und bin auch der Meinung, dass es vertretbar gewesen wäre. Die jetzige Situation kann ich zu 100 Prozent nachvollziehen, da ich den Hintergrund kenne.

Das sagen Sie als Geschäftsführer der Füchse Berlin. Hätten Sie die Frage als DHB-Funktionär auch so beantwortet?

Jeder weiß, wie ich die Nationalmannschaft liebe und wie ich die Themenfelder angehe. Die Entscheidung aus der Sicht von Fabian war und ist aber richtig. Sie ist sogar alternativlos.

Juri Knorr ist einer, der sich den Ruf als Hoffnungsträger des deutschen Handballs erarbeitet hat. Der 21-Jährige von den Rhein Neckar Löwen ist beim 2G-plus-Turnier aber nicht dabei, weil er sich noch nicht gegen Covid-19 impfen lassen möchte. Was sagen Sie dazu?

Wir im Sport sind so privilegiert, dass wir auch Vorbilder sein sollten, von daher fällt es mir schwer, seine Entscheidung zu akzeptieren. Am Ende des Tages ist das aber auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. Da ich bei ihm die näheren und tiefgründigen Beweggründe jedoch nicht weiß, kann ich dazu nichts Weiteres sagen. Ich sage aber eine Sache ganz klar: Mit der gezeigten Leistung in dieser Saison gehört er auch nicht in die Nationalmannschaft.

Das Turnier findet in Ungarn und der Slowakei statt. Kapitän Johannes Golla sagte jüngst, dass er auch zu gesellschaftspolitischen Themen wie etwa der umstrittenen Haltung des Präsidenten Viktor Orban zu Homosexualität aus dem Land des Co-Gastgebers Ungarn seine Meinung äußern wird. War die Vergabe des Turniers nach Ungarn falsch?

Ich finde zunächst einmal die Aussage von Johannes richtig und wichtig, sich zu Themenfeldern zu bekennen. Wichtig ist, dass der Sport sich aber nicht missbrauchen lässt – ich war nie ein Freund von Absagen bei Olympia aus politischen Gründen, weil die Sportlerinnen und Sportler Sport treiben sollen und nicht politische Systeme aufeinandertreffen. Klare Bekenntnisse sind gut, wir müssen aber auch toleranter zu vielen Themen sein. Nur weil der Deutsche sagt, dass es unsere Sichtweise ist, heißt es noch lange nicht, dass es woanders die gleiche Meinung zu diesem Thema geben muss. Toleranz gehört dazu, die hat aber natürlich auch Grenzen, wenn es um massive Menschenrechtsverletzungen geht.

Richten wir den Blick in die hiesige Region: Sie verfolgen in diesem Jahr andere Ziele. Als Trainer des VfL Potsdam wollen Sie in die 2. Bundesliga aufsteigen, derzeit belegt man in der Vorrundenstaffel den ersten Rang. Wie optimistisch sind Sie, dass dies gelingt?

Für mich ist der Aufstieg alternativlos, das ist das einzige Ziel, welches wir verfolgen, deswegen betreiben wir diesen Aufwand. Ich sehe aber leider nicht bei allen die notwendige Entwicklung für jenes Ziel. Der Januar ist der Monat der Wahrheit, in dem wir gegen die Zweitligisten Eisenach und HC Elbflorenz sowie Bundesligist TuS N-Lübbecke testen. Ich will diesen Monat abwarten, Anfang Februar werden wir uns zusammensetzen und sehr klar entscheiden, wie der Kader für die weiteren Monate aussieht. Wir müssen alles schneller machen beim VfL, als Verein wachsen, mittlerweile haben aber glaube ich alle verstanden, wie gut ich es meine. Da geht es nicht nur um die Mannschaft, sondern um die Gesamtstruktur.

Unmittelbar vor dem Weihnachtsfest gab es aber einige Dämpfer – sowohl für die Potsdamer Adler mit drei Punkteteilungen in Folge als auch für Ihre Füchse mit nur einem Punkt aus den Partien gegen Balingen und Melsungen. Gibt es eine Erklärung für diese Ausrutscher?

Die drei Remis mit dem VfL taten noch nicht so sehr weh, die zwei Füchse-Partien taten aus vielerlei Hinsicht weh. Welche individuelle Fehler da gemacht wurden, von Spielern, die zur Weltklasse gehören wollen, ist nicht akzeptabel. Wir haben eine überragende Saison bis dahin gespielt und wenn ich das gerade sage, dann ärgere ich mich schon wieder immens.

"Ein bisschen um mich kämpfen muss man auch"

Wer wird Deutscher Meister?

Ich glaube Magdeburg, die eine tolle Saison spielen, die wenigsten Verletzten haben und nicht in der Champions League spielen müssen. Und ganz ehrlich, das würde dem Handball auch guttun.

Was haben die Füchse Berlin und der VfL Potsdam am Saisonende erreicht?

Der VfL ist in die 2. Bundesliga aufgestiegen und die Füchse werden Vierter – hinter Magdeburg, Kiel und Flensburg.

Und Bob Hanning bleibt auch über den Sommer hinaus an beiden Standorten im Amt?

Ich glaube, dass ich dem Projekt in Potsdam als Trainer noch ein weiteres Jahr gut tun würde und bin durchaus bereit, es ein weiteres Jahr zu machen. Das hängt aber auch davon ab, wie wir jetzt in der Struktur wachsen. Die Spieler müssen mir über das Training und deren Entwicklung beweisen, dass es Sinn macht, und der Verein muss mir beweisen, dass der positiv eingeschlagene Weg beibehalten wird. Ich möchte etwas hinterlassen, wo es sich gelohnt hat, Herzblut und Leidenschaft mit reinzunehmen. Grundsätzlich ist meine Bereitschaft vorhanden, ein bisschen um mich kämpfen muss man aber auch.