12. November 2022 / 11:54 Uhr

Bochum-Trainer Thomas Letsch über die Gründe für seinen Wechsel und seine Philosophie

Bochum-Trainer Thomas Letsch über die Gründe für seinen Wechsel und seine Philosophie

Andreas Kötter
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Thomas Letsch folgte beim VfL Bochum auf den entlassenen Thomas Reis.
Thomas Letsch folgte beim VfL Bochum auf den entlassenen Thomas Reis. © IMAGO/Sven Simon (Montage)
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Seit Ende September ist Thomas Letsch der neue Trainer des abstiegsbedrohten Bundesliga-Klubs VfL Bochum. Im Interview spricht der ehemalige Mathematiklehrer über seine ersten Wochen an der Ruhr und wie er mit dem VfL spielen will.

Vor dem Bundesliga-Spiel des VfL Bochum beim FC Augsburg an diesem Samstag (15.30 Uhr, Sky) spricht Bochums Trainer Thomas Letsch mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND), über seine Erkenntnisse wenige Wochen nach seinem Wechsel von Vitesse Arnheim.

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SPORTBUZZER: Herr Letsch, warum wechselt man von einem Klub, mit dem man seit zwei Jahren erfolgreich ist, zu einem, der stark abstiegsbedroht ist?

Thomas Letsch (54): Schwierige Frage, denn ich hatte in der Tat zwei tolle Jahre bei Vitesse. Allerdings hatte ich zunehmend das Gefühl, dass wir am Limit sind, dass mehr als das, was wir bereits erreicht haben, kaum möglich ist. Als die Anfrage vom VfL Bochum kam, habe ich sofort gespürt, dass ich große Lust habe auf diese Aufgabe. Und mir war dann relativ schnell klar, dass ich diese Herausforderung unbedingt annehmen will.

War das unmittelbar folgende 0:4 in Leipzig ernüchternd?

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Ich war nicht ernüchtert, aber für den Moment doch enttäuscht. Diese Enttäuschung hat sich aber relativ schnell verflüchtigt, und ich habe aus diesem Spiel viele Erkenntnisse und damit noch mehr Klarheit gewinnen können, wo wir ansetzen müssen.

Welche Erkenntnisse waren das?

Obwohl ich vor Leipzig gerade einmal ein paar Tage mit der Mannschaft arbeiten konnte, wollte ich für alles eine Lösung parat haben, nach dem Motto ‚Wenn Plan A nicht funktioniert, dann greift auf jeden Fall Plan B‘. Da wollte ich zu viel auf einmal. Wir haben uns dann darauf kon­zen­triert, was diese Mannschaft kann und wofür dieser Klub steht. Der Fokus liegt jetzt ganz klar auf dem Spiel gegen den Ball, auf einem aggressiven, gemeinsamen und höheren Attackieren des Gegners, während das eigene Spiel mit Ball im Augenblick etwas weiter nach hinten gerückt ist. Wir wollen in erster Linie unangenehm sein, in den Heimspielen, aber auch auswärts.

"Selbstverständlich müssen wir Konstanz reinbringen"

Nach den erfolgreichen Heimspielen gegen Eintracht Frankfurt und Union Berlin folgte auswärts wieder eine Niederlage mit vier Toren.

Wir haben jetzt, inklusive Pokal, sechs Spiele gemeinsam gemacht, drei haben wir gewonnen, drei verloren. Würden wir diesen Rhythmus bis zum Ende der Saison durchziehen, würden wir definitiv in der Liga bleiben.

Aber was macht dieses Wechselbad der Gefühle mit dem Selbstbewusstsein der Spieler?


Natürlich kann man kritisieren, dass wir nach dem Sieg gegen die Eintracht wieder vier Tore kassiert haben. Okay, aber im folgenden Heimspiel haben wir mit Union den Tabellenführer geschlagen. Selbstverständlich müssen wir Konstanz reinbringen, aber das geht nicht von heute auf morgen. Und wenn ich nun ein erstes Zwischenfazit ziehen müsste, würde ich nicht sagen, ‚zwölf Gegentore in drei Auswärtsspielen, das ist eine Katastrophe‘, sondern ich würde herausstellen, dass wir 50 Prozent unserer Spiele gewonnen haben.

Sie waren Mathematiklehrer. Ist es für einen Naturwissenschaftler nicht frustrierend, dass Gleichungen, die an der Tafel aufgehen, auf dem Rasen plötzlich keinen Sinn ergeben?

(lacht) Im Gegenteil, das macht mich sogar fröhlich. Ansonsten müsste der VfL Bochum diese Saison absteigen. Denn wenn man unseren Etat oder den Marktwert unserer Spieler rein mathematisch mit dem der Konkurrenz vergleichen würde, dann bräuchten wir gar nicht erst anzutreten.

Letsch kommt aus RB-Trainerschule: "Die meisten sind ihren Weg gegangen"

Sie kommen aus der RB-Trainerschule, hören das aber nicht so gerne ...

Das ist so nicht ganz richtig. Grundsätzlich habe ich kein Problem mit dem Begriff RB-Schule oder RB-Kosmos. Ich bin fraglos extrem geprägt von meiner Zeit in Salzburg. Als Ralf Rangnick damals eingestiegen ist, hat er mich relativ früh dazu geholt, und ich durfte mit erleben, wie man etwas komplett Neues innerhalb kürzester Zeit implementieren und damit Erfolg haben kann. Aber das liegt zehn Jahre zurück, und die Welt hat sich auch im Fußball weiter gedreht. Nehmen Sie Oliver Glasner, Adi Hütter oder Roger Schmidt. Sie alle sind geprägt worden durch ihre Zeit in Salzburg, haben dann aber ihren eigenen Weg gefunden.

Gefühlt gibt es nur noch wenige Bundesligisten, die nicht schon einen ehemaligen RB-Trainer hatten oder haben sind; was macht diese Trainerausbildung so besonders?

Bei RB gibt es eine ganz klare Richtlinie, wie man Fußball spielen will, und die gilt bis hinunter in den Jugendbereich. Ralf Rangnick hat das damals vorgegeben, und danach wurden auch die Trainer ausgesucht. Als ich in Salzburg Roger Schmidts Co-Trainer war, habe gleichzeitig die U18 trainiert, und es galt folgerichtig: so wie wir oben spielen, wollen wir auch unten spielen. Bei vielen anderen Klubs dagegen richtet sich der Fußball danach, wer gerade Cheftrainer ist. Da kann die Fußball-Philosophie von einem Trainer zum nächsten völlig auf den Kopf gestellt werden.

Überspitzt gesagt: wer einen RB-Trainer holt, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Erfolg?

Das kann man so natürlich nicht sagen. Und so sollten Vereine auch nicht an eine Trainersuche herangehen. Ich glaube, es ist wichtig, dass ein Verein zunächst ein Profil erstellt, was für einen Trainer man möchte und welcher Trainer überhaupt zur eigenen Mannschaft passt. Denn es geht heute nicht nur um das reine Fußball-Verständnis, sondern gerade auch die Art und Weise, wie jemand ein Team führt, ist wichtig. Was man über die RB-Trainer aber auf jeden Fall sagen kann: die meisten sind ihren Weg gegangen, das muss man schon sagen. Mich wundert es jedenfalls nicht, dass viele von ihnen heute in der Bundesliga oder irgendwo anders im internationalen Fußball auftauchen.

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