29. Oktober 2019 / 08:00 Uhr

Bochums Vorstandssprecher Ilja Kaenzig im Interview: Darum ist der FC Bayern kein Traumlos

Bochums Vorstandssprecher Ilja Kaenzig im Interview: Darum ist der FC Bayern kein Traumlos

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Erklärt, warum der FC Bayern kein Traumlos ist: Bochums Vorstandssprecher Ilja Kaenzig.
Erklärt, warum der FC Bayern kein Traumlos ist: Bochums Vorstandssprecher Ilja Kaenzig. © imago images/Sven Simon/Montage
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Bochums Vorstandssprecher Ilja Kaenzig erklärt, warum der VfL so besonders in Deutschland ist und wie sich der Verein von anderen Klubs abheben will. Außerdem spricht er über die DFB-Pokal-Partie gegen den FC Bayern und erläutert, warum der Rekordmeister kein Traumlos ist.

Wenn am Dienstagabend um 20 Uhr (So könnt ihr es sehen!) im Vonovia Ruhrstadion die DFB-Pokal-Partie des VfL Bochum gegen Titelverteidiger FC Bayern München angepfiffen wird, bekommt die ewige Geschichte des Wettbewerbs – der Kampf eines Außenseiters gegen einen Topklub – ein weiteres Kapitel. Im SPORTBUZZER-Interview erläuert Ilja Kaenzig, Sprecher der VfL-Geschäftsführung, warum die Bayern dennoch kein Traumlos sind.

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Herr Kaenzig, am Dienstag kommen die Bayern nach Bochum, der VfL steckt mitten im Abstiegskampf der zweiten Liga – ein Höhepunkt zur Unzeit?

Natürlich ist es ein Highlight, auch wenn die Bayern schon vor drei Jahren hier waren. Aber das Spiel wird im Free-TV übertragen, Leute aus Politik und Wirtschaft kommen, der Klub ist national präsent, das Stadion ausverkauft, es gibt eine Fanfreundschaft – das ist speziell. In unserer schwierigen sportlichen Situation können wir es leider nicht richtig genießen, denn wir dürfen den Fokus auf die Liga nicht verlieren. Realistisch ist ein Weiterkommen nicht, aber wer weiß? Angesichts unserer prekären tabellarischen Situation könnte man von einem Hammer zur Unzeit sprechen. Andererseits hat uns das Weiterkommen im Pokal nach der zuletzt eher schwachen Performance in diesem Wettbewerb gefreut. Da hätte es gerne einen anderen Gegner geben können. Denn wirtschaftlich ist es kein Traumlos.

Das müssen Sie erklären.

Das Erreichen der nächsten Runde hätte uns 700 000 Euro sowie ein weiteres Spiel beschert. Wenn wir dann in München, Dortmund oder Schalke gespielt hätten, wären durch die höheren Zuschauerzahlen die geteilten Einnahmen ebenfalls siebenstellig gewesen. Da kommen wir hier natürlich nicht ran.

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Der VfL will bewusst eine Art Gegenentwurf zum BVB oder Schalke sein. Können Sie uns das näher erläutern?


Diese Klubs müssen mit ihren 400, 500 Millionen Euro Umsatz international denken und handeln, immer mehr Geld reinholen, immer größer werden. Ich denke, wir können unsere Nische nutzen in einer Fußballwelt, die immer glattgebügelter wird, in der es immer mehr um Show geht. Wir wollen das Ganze mehr aufs Wesentliche reduzieren, sozusagen auf die Seele. Auf das, was den Fußball ausmacht. Wir wollen nahbar sein, transparent, bodenständig. Das fängt damit an, dass wir in einem der letzten echten Stadien Deutschlands spielen. Fast alle anderen haben neue Arenen oder umgebaute Parks, die x-beliebig sind. Das Ruhrstadion ist ein Markenzeichen, das für den Charakter dieses Klubs steht. Zudem suchen wir die Nähe zu den Fans, ich gehe mit unserem Sportdirektor Sebastian Schindzielorz fast wöchentlich auf Tour zu unseren Fanklubs. Jede Trainingseinheit ist öffentlich. Wir wollen unsere Tradition pflegen, ohne dabei Ewiggestrige zu sein. Das müssen aber auch alle leben, vom Vorstand bis zum Platzwart. In Europa verabschiedet sich der Fußball immer mehr vom Volkssport, wir wollen ihn erhalten.

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Bochum will Identifikation hochhalten

Also würden Sie beispielsweise einen Trainer, der seine Einheiten unter Ausschluss der Öffentlichkeit abhalten will, nicht einstellen?

Exakt. Wenn ein Trainer innovativ sein will, technische Hilfsmittel anwendet – bitte sehr! Das hat auch nichts mit Romantik zu tun. Aber öffentliche Trainings sind zementiert. Dazu wollen wir die Identifikation hochhalten, fast die Hälfte unseres Kaders stammt aus dem eigenen Nachwuchs.

Dennoch hat man das Gefühl, dass der VfL wieder auf dem Weg zur grauen Maus ist.

Wenn man mit 13 Millionen Sympathisanten in Deutschland eine graue Maus ist, sind wir das gerne. Aber die kommen nicht irgendwo her. Der VfL hat es immer geschafft, aus wenig viel zu machen. Wir gehören zu den zehn Klubs, die seit 1965 immer in den obersten beiden Ligen spielen. Sollte das auch in den nächsten 54 Jahren so sein, wäre ich glücklich.

Der VfL als St. Pauli des Ruhrgebiets – gehen Sie da mit?

Nein. Ohne Pauli zu nahe treten zu wollen – aber da steckt auch eine politische Gesinnung dahinter, der Klub steht für gesellschaftliche Werte, die er auch besetzt. Wir sind apolitisch, bei uns geht es um Fußball pur.

Bei all den Werten, für die der VfL stehen möchte: Wie würde da der geplante Einstieg eines Investors reinpassen?

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Der Wunsch der Mitglieder ist es, einen Investor zu finden, weil wir ohne ihn den erwähnten Gegenentwurf langfristig schwer aufrechterhalten können. Wichtig ist, dass wir den richtigen finden. Nämlich einen, der in die Nachhaltigkeit, in die Basis des Klubs investiert und nicht einen, der mit aller Gewalt aufsteigen will wie Ismaik bei 1860 oder Ponomarew in Uerdingen. Ein Investor muss unsere Idee mittragen, einen Kompromiss werden wir nicht machen.

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Letzte Frage: Sie kämpfen für eine Umsetzung des Financial Fairplay – wie realistisch ist dieses Szenario?

Ich sitze ja in der Arbeitsgruppe der DFL zu diesem Thema und es geht darum, dass wir Zustände wie in England verhindern wollen, wo ein Aufstieg in die Premier League mindestens 50 Millionen Pfund Jahresverlust kostet. Durch Investoren, die mit aller Macht hochwollen, explodieren die Gehälter, andere müssen nachziehen und viele Klubs bleiben auf der Strecke. Das darf in Deutschland auf keinen Fall passieren. Financial Fairplay soll diese Exzesse verhindern, daran arbeiten wir.