25. Mai 2021 / 12:05 Uhr

Bollwerk und Bedenken: So kam Wolfsburg in die Champions League

Bollwerk und Bedenken: So kam Wolfsburg in die Champions League

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Wolfsburgs Weg in die Champions League.
Wolfsburgs Weg in die Champions League.
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Trotz Quali-Aus in Europa, Corona-Sorgen und Trainer-Diskussion wurde der VfL Wolfsburg Vierter in der Bundesliga und erreichte die Champions League. Der Erfolg krönt eine stetige Entwicklung.

Der Weg des VfL Wolfsburg zur dritten Champions-League-Teilnahme begann vor knapp zwei Jahren und er hatte mit Felix Klaus zu tun. Der Stürmer, der mittlerweile für Fortuna Düsseldorf spielt, schloss im ersten Wolfsburger Testspiel vor der Saison gegen Hansa Rostock nach nur 46 Sekunden einen Angriff ab, der so aussah, wie sich Oliver Glasner Fußball vorstellt: Balleroberung möglichst schon in der Hälfte des Gegners, direktes Spiel in die Spitze, schneller Abschluss, Tor.

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22 Monate später schloss sich der Kreis. Balleroberung in der gegnerischen Hälfte, schnelles Spiel nach vorn, diesmal über Außen, präzise Hereingabe von Ridle Baku, Abschluss von Maximilian Philipp - so fiel das zweite der beiden VfL-Tore beim 2:2 in Leipzig am 33. Spieltag, es war der Treffer, der am Ende die Champions-League-Teilnahme sicherte. Der Weg vom Klaus-Tor zum Philipp-Treffer war allerdings alles andere als geradlinig.

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Glasner war angetreten, um in Wolfsburg einen anderen Fußball spielen zu lassen als Vorgänger Labbadia. Mit einer Dreierkette hinten und hoch spielenden Außen wollte er dafür sorgen, dass nach Ballgewinnen schnelles Spiel nach vorn möglich ist. Es ging schief. Die Mannschaft fremdelte mit dem ungewohnten System, nach einem 0:1 in Freiburg im Dezember passierte Erstaunliches. Einerseits rüffelte Glasner seine Spieler öffentlich mit ungewohnt deutlichen Worten, andererseits nahm er selbst die entscheidende Veränderung vor, ließ wieder mit Viererkette verteidigen. Und änderte an seiner Formation zwischen 4-3-3 und 4-2-3-1 fortan nichts mehr.

Am Ende der ersten Glasner-Saison, als Corona längst dabei war, den Fußball und dessen Wahrnehmung zu verändern, stand ein siebter Platz - die Wiederholung von Rang sechs aus der Vorsaison wurde auch ein bisschen vom Spielplan verhindert, der dem VfL beim Saisonfinale eine Statisten-Rolle gegen die Bayern zudachte, die nach einem 4:0 in Wolfsburg die Meisterschale bekamen. Zeitgleich ließ Borussia Dortmund die Saison mit einem 0:4 gegen Hoffenheim locker ausklingen, die Kraichgauer schubsten damit den VfL noch aus der Europa-League-Gruppenphase in die Europa-League-Qualifikation.

Diese Quali brachte mit dem 1:2 in Athen und dem Ausscheiden in der letzten Runde vor der Gruppenphase einen sportlichen Rückschlag für den VfL, der sich als Glücksfall erweisen sollte. In einer Saison, die wegen kurzer Vorbereitung und Länderspielreisen mit einem eher ungünstigen Trainingsrhythmus begann, sorgte der Wegfall der englischen Wochen im Herbst für entspanntere Übungseinheiten, in denen der typische VfL-Fußball 2020/21 entstand. Pressing mit aufgerückter Viererkette, schnelle Abwehrspieler als Absicherung, Torgefahr im Umkehrspiel. Wolfsburg wurde zu der Mannschaft, gegen die man besonders ungern antrat. Dass das oft unterkühlt wirkende Formationsspiel dabei manchmal nicht für begeisternden Fußball sorgte, war egal – auf den Rängen saß ja sowieso niemand, den man hätte begeistern müssen. Und andersrum gilt: In vollen Stadien hätte der Erfolg dieses Spielstils ja womöglich für eine euphorische Wechselwirkung gesorgt, die vorm Fernseher nicht entstehen kann.

Das Gebilde wirkte plötzlich so gefestigt, dass auch Störgeräusche das Fundament nicht erschüttern konnten. Trainer Glasner machte im Herbst öffentlich, dass Transferziele nicht erreicht wurden und ließ zu, dass das als Kritik an der sportlichen Führung interpretiert wurde. Zur Fortsetzung der Zusammenarbeit brauchte es eine Aussprache mit Manager Jörg Schmadtke und Sportdirektor Marcel Schäfer, das Verhältnis Glasner/Schmadtke war seitdem quasi nicht mehr existent. Dem Team war’s egal, es brauchte die Bayern und Weltfußballer Robert Lewandowski, um dem VfL Mitte Dezember (!) die erste Saisonniederlage beizubringen.


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Und auch als sich Corona-Ausfälle häuften, Glasner im letzten Bundesliga-Spiel vor Weihnachten seine Startelf so stark ändern musste wie nie, blieb der VfL stabil - und verdiente sich so das Glück, das beim 1:0-Erfolg gegen Stuttgart half. Zu dem Zeitpunkt war längst klar, dass dem Duo Schmadtke/Schäfer zwei richtige Volltreffer auf dem Transfermarkt gelungen waren. Der aus der 2. Liga Frankreichs geholte Maxence Lacroix und der spät von Mainz 05 verpflichtete Ridle Baku wurden nicht nur sofort Stammspieler, sondern in fast atemberaubender Geschwindigkeit Top-Akteure der Liga.

Die erst im Januar beendete Hinrunde schloss der VfL als Fünfter ab. Und Schmadtke zeigte sich nicht nur als guter Einkäufer, sondern auch als guter Prophet. „Wir bräuchten mal eine Serie von vier, fünf Siegen in Folge“, sagte er im AZ/WAZ-Sonderheft zur Rückrunde. Anschließend gab es in acht Partien sechs Siege (davon tatsächlich vier in Folge) und zwei Unentschieden. Der VfL war plötzlich Dritter. Und die Champions League ein realistisches Ziel – vor allem, weil der VfL plötzlich ein Bollwerk war, phasenweise schon mit der Attitüde anzutreten schien, dass Gegentore quasi ausgeschlossen sind.

Als dann bekannt wurde, dass Glasner per Ausstiegsklausel gehen könnte und der Österreicher immer mehr suggerierte, dass ein Verbleib in Wolfsburg bestenfalls eine von vielen Optionen seiner mittelfristigen Planung ist, rückte die Mannschaft – in der die Arbeit des Trainers immer auch mal kritisch gesehen wurde – noch enger zusammen.

Bedenken, dass die erneute Trainer-Diskussion den Erfolg gefährden könnte, ließ dieses Team aber für sich schlicht nicht zu. „Teamgeist und Spirit“, so Maximilian Arnold nach dem letzten Saisonspiel gegen Mainz „waren ausschlaggebend“. Den Lohn dafür und für eine fast zwei Jahre währende stetige Entwicklung hatte sich der VfL eine Woche vorher mit dem Punkt in Leipzig gesichert. Drei Jahre nach der zweiten Rettung in der Relegation darf er zum dritten Mal in seiner Geschichte in der Champions League spielen.