25. April 2020 / 08:00 Uhr

Gladbach-Star Matthias Ginter über die Corona-Krise, soziales Engagement und den Tod von Robert Enke

Gladbach-Star Matthias Ginter über die Corona-Krise, soziales Engagement und den Tod von Robert Enke

Andreas Kötter
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Matthias Ginter von Borussia Mönchengladbach versucht in der Corona-Krise zu helfen.
Matthias Ginter von Borussia Mönchengladbach versucht in der Corona-Krise zu helfen. © Imago Images/Revierfoto/Montage
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Nationalspieler Matthias Ginter (26) von Borussia Mönchengladbach spricht im SPORTBUZZER-Interview über die privilegierte Stellung von Fußballern in der Corona-Krise, sein soziales Engagement und Vergleiche mit Robert Enke. 

SPORTBUZZER: Herr Ginter, wie haben Sie den Corona-Shutdown bisher verkraftet?

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Matthias Ginter (26): Recht gut. Seit einigen Tagen trainieren wir wieder als Mannschaft, wenn bisher auch nur in kleinen Gruppen. Auf dem Rasen zu stehen und einen Ball am Fuß zu haben, das fühlt sich deutlich besser an. Auch in den Wochen zuvor habe ich jeden Tag aufs Neue versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Ich habe zuhause trainiert oder mich mit anderen Dingen beschäftigt. Langweilig war mir nicht.

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Ein Lagerkoller drohte also nie?


Keine Spur. (lacht) Natürlich will man als Leistungssportler raus auf den Platz, wie wohl jeder Arbeitnehmer wieder an seinen Arbeitsplatz möchte. Aber es ist weder so, dass ich verzweifelt im stillen Kämmerlein sitzen würde, noch dass ich mich in den vergangenen Wochen neu erfunden hätte. Wahrscheinlich hilft mir beim Ruhe bewahren auch, dass ich die Zwangspause nicht als Ungerechtigkeit empfinde, sondern als Notwendigkeit sehe.

Sie sind im Januar zum ersten Mal Vater geworden.

Wenn diese Krise etwas Positives für mich hat, dann, dass wir drei unsere kleine Familie zurzeit gemeinsam genießen können.

Gab es in den Wochen vor dem Trainingsstart engeren Kontakt zu Team-Kollegen?

Lars Stindl ist mein direkter Nachbar, Breel Embolo, Stefan Lainer, Jonas Hofmann, Tobias Sippel, Max Grün und Marcus Thuram wohnen in der Nähe, sodass man sich fast zwangsläufig hin und wieder gesehen hat, etwa bei einem Spaziergang mit der Familie. Und selbstverständlich gibt es auch Whats­app-Gruppen, in denen wir untereinander den Kontakt halten.

Für einen Profi-Fußballer und Nationalspieler ist die Krise kaum existenzbedrohend. Nehmen Sie dennoch die Nöte vieler Menschen genau wahr?

Ich glaube, dass jeder in seinem Umfeld Menschen hat, die weniger Angst vor einer Ansteckung und Erkrankung haben als davor, dass die Folgen der ohne Frage notwendigen Maßnahmen ihre Existenz zerstören könnten. Ich denke zum Beispiel an meinen Friseur oder an die Besitzer kleiner Läden bei mir im Viertel, die von einem Tag auf den anderen keine Einnahmen mehr hatten und vielleicht nicht wissen, wie sie ihre Miete bezahlen sollen.

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Juan Arango, Marko Marin und Mo Idrissou - nur drei ehemalige Gladbach-Stars, die nicht nur "Fohlen"-Fans ein Begriff sind. Der SPORTBUZZER zeigt 50 Ex-Borussen und was aus ihnen wurde. ©

Gibt es solche Schicksale auch in Ihrem ganz privaten Umfeld?

Mein Schwiegervater hat in Freiburg einen kleinen Weinladen, von dem er lebt. Da ist die Situation mittlerweile auch sehr bedrohlich. Fußballer sind sehr privilegiert, und ich wollte schon früher immer meine Dankbarkeit zeigen.

Und Sie tun das auch schon länger.

Meine Frau und ich haben vor einigen Jahren die „Matthias Ginter Stiftung“ gegründet, die geistig, körperlich und sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche im Raum Freiburg unterstützt. Die Corona-Krise haben wir zum Anlass genommen, neue Projekte zu starten. So hat die Stiftung Notgruppen ins Leben gerufen für Kinder, deren Eltern in systemrelevanten Berufen tätig sind. In diesen Gruppen werden die Kids betreut. Für die Freiburger Kinderklinik wiederum wurden 15 iPads angeschafft, dank denen die zum Teil schwer erkrankten Kinder trotz Kontaktverbot per Videotelefonie mit Eltern, Familie und Freunden kommunizieren können. Und mit „Bücher für Kinder“ haben wir ein Projekt gestartet, dass Jugendlichen trotz der Schließung von Schulen und Bibliotheken weiter den Zugang zu Büchern ermöglichen soll. Hier wurden für 15 000 Euro Bücher angeschafft und ein System installiert, das es möglich macht, sich die gewünschten Titel per Fahrradkurier ins Haus bringen zu lassen.

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Hätten Sie auch Verständnis für eine Forderung der Politik nach einem Gehaltsverzicht bei Profi-Fußballern?

Wir bei Borussia waren uns einig, auf Gehalt zu verzichten, weil wir auf diese Weise etwas für die Angestellten unseres Vereins tun konnten. Und so – auf freiwilliger Basis – halte ich es auch für den besseren Weg. In der jetzigen Situation ist es ohne Frage wichtig, anderen Menschen zu helfen, denen es vielleicht nicht so gut geht. Und ich hoffe, dass viele das so sehen. Die Politik sollte sich da nicht einmischen.

Glauben Sie, dass die jetzige Krise zu einem grundsätzlichen Umdenken im Profi-Fußball führen kann?

Ich wünsche mir das sehr. Niemand wird leugnen können, dass sich der Profi-Fußball immer mehr – nennen wir es – überhitzt hat. Von Saison zu Saison ist immer noch mehr Geld geflossen, und vielleicht ist der einzelne Mensch dabei bisweilen auf der Strecke geblieben. Ich befürchte allerdings, dass der Wunsch nach Veränderungen mittel- und langfristig wenig Gehör finden wird. Nach dem Tod von Robert Enke haben alle gesagt, dass sich in diesem Geschäft etwas ändern, dass es wieder menschlicher zugehen muss. Trotzdem war nach ein paar Monaten wieder alles beim Alten. Oder nehmen wir die Anschläge von Paris oder den Anschlag auf den Dortmunder Mannschaftsbus. Danach haben alle mehr Sicherheit, aber auch mehr Rücksichtnahme auf die Befindlichkeit der Spieler nach einem so schrecklichen Erlebnis gefordert. Wirklich geändert aber hat sich bis heute nichts.