13. Oktober 2021 / 14:00 Uhr

Box-Europameister ist nach Groß Ilsede gezogen: „Besser kann ich es mir nicht vorstellen“

Box-Europameister ist nach Groß Ilsede gezogen: „Besser kann ich es mir nicht vorstellen“

Matthias Preß
Peiner Allgemeine Zeitung
Michael Wallisch hat zum Trainieren einen Sandsack auf seiner Terrasse aufgehängt. Daran kann er sich auch zwischendurch mal austoben.
Michael Wallisch hat zum Trainieren einen Sandsack auf seiner Terrasse aufgehängt. Daran kann er sich auch zwischendurch mal austoben. © Foto: Matthias Press
Anzeige

Der Profiboxer Michael Wallisch hat viel erlebt, auch viel Negatives – und engagiert sich auch deshalb sozial. „Anderen zu helfen ist ein gutes Gefühl, das bleibt“, sagt er. In Groß Ilsede ist er jetzt heimisch geworden.

Wenn Michael Wallisch auf seiner Terrasse sitzt, blickt er weit über Felder und Natur. Er ist 35 Jahre alt, Profiboxer, und hat inzwischen auch im übertragenen Sinn Weitblick. „Materielles macht Dich allenfalls für einen kurzen Moment zufrieden. Anderen zu helfen – das ist ein gutes Gefühl, das anhält“, sagt er.

Anzeige

Diesen Weitblick hat er in der Jugend nicht gehabt. Immer wieder durchbrach er Regeln. Seinen Vater kennt er nicht, seine Mutter nahm Drogen, er kam als Säugling in eine Pflegefamilie, dann in ein Heim, dann ins nächste Heim...

Mehr vom Peiner Sport

„Insgesamt waren es 16“, erzählt er. „Oft war ich nur ein paar Tage dort. Wenn mir ein Gesicht nicht passte, gab’s Ärger.“ Mit neun Jahren stibitzte er zusammen mit zwei Freunden den Pontiac eines Vaters und bretterte mit 200 über die Autobahn und in die Leitplanken. Er nahm Drogen, wurde verhaftet – aber er hatte im Boxen schon früh einen Anker gefunden. Von 2003 (mit 18 Jahren) bis 2007 kämpfte er für Chemnitz in der Bundesliga, 2010 wurde er Profi.

19 Mal in Folge unbesiegt

Und was für einer! Von 2010 bis 2018 blieb er in 19 Kämpfen ungeschlagen. Er holte Titel als Deutscher Meister (Bund Deutscher Berufsboxer – BDB), internationaler Deutscher Meister (BDB), Europameister (World Boxing Organization – WBO), Weltmeister (Global Boxing Union – GBU) und war von 2015 bis 1017 auf Platz 6 der Weltrangliste (WBO). In Las Vegas kämpfte er live im Fernsehen – das war vorher aus Deutschland nur Axel Schulz vergönnt. Unter anderem trainierte Michael Wallisch bei Boxtrainer-Legende Ulli Wegner.

Kopfstoß ins Auge

Der Kampf gegen Christian Hammer um den WBO-Europatitel beendete die Siegesserie. „Ich bekam einen Kopfstoß ins linke Auge und dachte, ich werde blind“, sagt Wallisch. Die Konzentration auf den Gegner war weg. Blind wurde er nicht, Seh-Probleme sind aber geblieben, und seitdem sieht sein linkes Auge schmaler aus. Eine folgende Burnout-Phase hat er inzwischen überwunden.

Es folgten neben drei Siegen noch vier Niederlagen gegen Boxer aus den Top 20 der Welt. „Ich hatte Übergewicht, teilweise bekam ich erst drei Wochen vor dem Kampf Bescheid“, erzählt Wallisch. Nach der Niederlage gegen Joe Joyce im Juli 2020 hat er sein Training „komplett resettet“. Er fährt oft nach Hamburg, arbeitet dort mit Trainer Andre Walther, und vor allem: „Ich lebe und denke seitdem wieder wie ein Sportler.“ Vielleicht steigt er noch in diesem Jahr wieder in den Ring. „Die Gespräche laufen“, sagt er.


Auch privat hat er eine Kehrtwende im Vergleich zu früheren Jahren vollzogen. Großen Anteil daran haben seine Frau Angelina und Sohn Milan, der fünf Jahre alt ist. In diesen Tagen wird das zweite Kind von Ehepaar Wallisch auf die Welt kommen. „Noch vor ein paar Jahren war ich nicht fähig, eine soziale Ader zu entwickeln, weil ich so sehr mit dem eigenen Leben beschäftigt war“, sagt er. Aber dann habe er sich intensiv mit sich selbst auseinandergesetzt, auch mal mit dem Buddhismus beschäftigt und festgestellt: „Ich würde gern anderen helfen, denn es ist ein gutes Gefühl. Letztlich helfe ich mir damit selbst.“

So lebt jetzt ein 14-Jähriger in der Familie, vermittelt über eine Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung. „Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung“ (ISE) wird das genannt, und Wallisch hält sie für sehr sinnvoll. „Sozialpädagogen in festen Einrichtungen haben einen Acht-Stunden-Tag. Wenn sie gebraucht werden, haben sie Feierabend und sind nicht da.“

Der Werdegang des 14-Jährigen erinnert ihn an seinen. Das Jugendamt kam nicht klar mit dem Jungen aus Bremen, er nahm Drogen, die Abwärtsspirale schien unausweichlich. Doch nach wenigen Tagen in Ilsede rauchte er nicht mehr und hat sich sportliche Ziele gesetzt. „Solche Kinder brauchen ein Ventil, sonst wird es immer in Aggression enden. Sport ist dafür die beste Droge. Wenn Du ausgelastet bist, hast Du keine Lust mehr, irgendwelchen Mist zu machen“, sagt Wallisch.

Pädagogische Ausbildung

Bis zum Juli macht der Boxer eine entsprechende pädagogische Ausbildung. „Sie wird vom Paritätischen abgenommen“, sagt der 35-Jährige.

Auch in Groß Ilsede will er sich engagieren. Beim Sportverein VT Union wird er einen Box-Workshop anbieten, der zu einer Dauereinrichtung werden könnte. Eine Schul-AG „Boxen“ in Zusammenarbeit mit VT Union ist in Planung.

„Für die Schule zu arbeiten, hatte ich ursprünglich gar nicht vorgehabt“, sagt Wallisch. Aber als er seine Familie bei VT Union angemeldet hat, entsprang im Gespräch mit VTU-Sportreferent Michael Rekel diese Idee. „Zeitlich bin ich zum Glück flexibel“, sagt der Profiboxer, der täglich anderthalb bis zwei Stunden trainiert.

Michael Walisch trifft Knife Didier Kilola.
Michael Wallisch trifft Knife Didier © imago images/Torsten Helmke

Buch kommt bald heraus

Im November wird Wallisch 36 Jahre alt, und er hat in dieser Zeit mehr erlebt, als mancher doppelt so alte Mensch. Deshalb hatte er auch reichlich Stoff für sein Buch, das er gerade fertiggestellt hat, und das in Kürze herauskommen wird. „Es handelt über mein Leben und geht nicht nur ums Boxen – auch wenn das ein zentrales Thema ist.“

Michael Wallisch stammt aus München, er lebte mit seiner Frau in Dresden, später zogen sie nach Braunschweig, um näher bei ihren in Peine lebenden Eltern zu sein. Mit Kind im vierten Stock war es aber nicht optimal, und als in Groß Ilsede das Neubaugebiet entstand, nutzte das Ehepaar Wallisch die Gelegenheit, zog im Juni dorthin – und fühlt sich wohl. „Besser kann ich es mir nicht vorstellen“, sagt Michael Wallisch.

Anzeige

Von Matthias Press