06. März 2021 / 10:12 Uhr

Brachland oder Hochburg? So sieht’s in Sachsen mit den neuen olympischen Sportarten aus

Brachland oder Hochburg? So sieht’s in Sachsen mit den neuen olympischen Sportarten aus

Simon Ecker
Leipziger Volkszeitung
Bei den nächsten Olympischen Spielen sollen mit Skateboarden (im Hintergrund), Baseball und Wellenreiten neue Sportarten hinzukommen.
Bei den nächsten Olympischen Spielen sollen mit Skateboarden (im Hintergrund), Baseball und Wellenreiten neue Sportarten hinzukommen. © dpa/SPORTBUZZER Montage
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Bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio und 2024 in Paris werden insgesamt sechs neue Sportarten hinzukommen – auch wenn einige davon gar nicht unbedingt wollten. Doch nun müssen sie in kurzer Zeit Strukturen aufbauen. Kann das gelingen? Ein Blick nach Sachsen.

Leipzig. Manch einer dürfte sich während der Olympischen Sommerspiele 1904 wie auf dem Jahrmarkt vorgekommen sein. Im amerikanischen St. Louis standen damals – man glaubt es kaum – tatsächlich Sportarten wie Sackhüpfen, Tabak-Weitspucken oder Tonnenspringen auf dem Programm. Heutzutage undenkbar, sind die Olympischen Spiele doch längst eines der größten Sportereignisse der Welt.

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Der Kreis der olympischen Sportarten wird dabei regelmäßig verändert, 33 Sportarten bedeuten bei den diesjährigen Wettkämpfen Rekord – neu hinzu kommen in Tokio Baseball/Softball, Karate, Surfen, Sportklettern und Skateboarding. Während sich die ersten beiden Sportarten bei den Spielen 2024 in Paris schon wieder verabschieden, bleibt der Rest erhalten und wird um Breakdance ergänzt.

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Der SPORTBUZZER beleuchtet in einer zweiteiligen Serie, wie es um diese neuen bzw. vorübergehend olympischen Sportarten in Sachsen bestellt ist. Welche Strukturen gibt es im Breiten- und Leistungssport? Und welche Chancen haben sächsische Athletinnen und Athleten hier an den Olympischen Spielen teilzunehmen? Los geht‘s im ersten Teil mit Skateboarding, Surfen und Baseball/Softball:


Skateboarding

In Leipzig gibt es mit dem Heizhaus in Grünau seit 2018 einen Regionalstützpunkt für die Sportart Skateboarding in Mitteldeutschland. Von einer monetären Förderung profitiert das Heizhaus momentan dennoch nicht. „Fördergelder verlangen Strukturen, aber Strukturen kann man nur mit Fördergeldern aufbauen“, bringt Heizhaus-Geschäftsführer Sven Bielig das Dilemma auf den Punkt. Anders gesagt: Förderung erhält nur, wer eine bestimmte Anzahl an Mitgliedern und sportliche Erfolge vorweisen kann. Doch damit tut sich das Skateboarding schwer, denn die Sportart ist kein typischer Vereinssport, sondern in der Freizeit- und Kulturszene beheimatet.

In Sachsen gibt es circa 15 Skateboard-Vereine, nur drei davon sind allerdings im sächsischen Rollsport- und Inlineverband (RIVS) integriert. „Wir stecken noch in den Kinderschuhen, sind mitten im Aufbau, und müssen organisierte Strukturen erst entwickeln“, erklärt Bielig – und stellt klar: „Olympia wollte Skateboarding, und nicht anders herum.“ Ein großes Problem liegt in der fehlenden Infrastruktur, das Heizhaus steht hier mit einer wetterunabhängigen Anlage im Innenbereich sowie einem Skatepark im Außenbereich, der momentan gebaut wird, aber relativ gut da.

Die meist jungen Leute können im Skaterpark „Heizhaus“ in Grünau ihrem Trendsport nachgehen.
Die meist jungen Leute können im Skaterpark „Heizhaus“ in Grünau ihrem Trendsport nachgehen. ©

Im Regionalkader Mitteldeutschland trainieren aktuell junge Talente bis 16 Jahre, im vergangenen Jahr wurden zudem erstmalig sechs Personen als Trainer im Leistungssportbereich ausgebildet. Scouts sind bei Skate-Contests regelmäßig auf der Suche nach neuen Talenten. Dennoch hatte Skateboarding bislang keinen wirklichen Leistungssport-Charakter. „Wir sind interessiert etwas in diese Richtung zu entwickeln, brauchen aber die Ressourcen“, verdeutlicht Bielig. Ein Konzept sei vorhanden, die Umsetzung benötige aber noch viel Zeit. Denn zum einen müsse man die Einstellung der Aktiven verändern, die Skateboarding bislang nur als Freizeitsport wahrgenommen hätten. Und zum anderen müsse man die Förderer überzeugen, da es Gelder brauche, um Infrastruktur aufzubauen und Trainer zu bezahlen. Mit schnellen Ergebnissen ist nicht zu rechnen. Wie sich die Situation bei den nächsten Olympischen Spielen in drei Jahren darstellt, steht in den Sternen. Trotz aller Bemühungen soll sich das Heizhaus aber nicht in ein reines Leistungssportzentrum verwandeln, sondern weiterhin für den Breitensport und die Kulturszene offen sein.

Surfen

Im Gegensatz zu Tokio hat Sachsen einen entscheidenden Nachteil – zumindest was das Wellenreiten angeht: Es liegt nicht am Meer. Mit seinen zahlreichen Seen ist der Freistaat ein Paradies für Windsurfer, große Möglichkeiten zum Wellenreiten sind aufgrund fehlender natürlicher Gegebenheiten allerdings nicht vorhanden. Einzige Ausnahme: Im Kanupark Markkleeberg kann zumindest auf einer stehenden Welle gesurft werden. Die Angebote lägen aber alle „im kommerziellen Bereich und richten sich an Freizeitsportlerinnen und -sportler“, sagt der Leiter des Kanuparks, Christoph Kirsten. Weder ihm noch Burkhard Oha vom Segler-Verband Sachsen (SVS) ist bekannt, dass es im Freistaat bislang organisierte Vereinsstrukturen im Wellenreiten oder gar Wettkämpfe gibt. Kirsten geht allerdings davon aus, dass das Surfen auf stehenden Wellen im olympischen Kreisen bald populärer wird.

Wellenreiten neu erleben: Eine neue Attraktion im Kanupark Markkleeberg ist die „stehende Welle“, die es zu surfen gilt.
Wellenreiten neu erleben: Eine neue Attraktion im Kanupark Markkleeberg ist die „stehende Welle“, die es zu surfen gilt. © André Kempner

Dennoch ist eine stehende Welle, die immer gleich läuft, nur bedingt mit solchen im offenen Meer zu vergleichen, was ein zielgerichtetes Training für die Olympischen Spiele zusätzlich erschwert und Sachsen auch auf lange Sicht wohl nicht zu einem Zentrum des Wellenreitens macht.

Baseball/Softball

Bis 2008 waren Baseball und Softball Teil des olympischen Programms, in Tokio feiern beide ihre Rückkehr. Ein deutsches Team wird allerdings weder bei den Männern (Baseball) noch bei den Frauen (Softball) dabei sein – und damit auch keine sächsischen Athletinnen oder Athleten. In Sachsen gebe es momentan sowieso andere Baustellen, betont Daniel Nestke. Der Präsident des Mitteldeutschen Baseball- und Softballverbands (MBSV) erklärt, dass es für die Region zwar einen Landesverbandstrainer gebe und Leistungssport-Strukturen somit theoretisch vorhanden seien, es aber schlicht und ergreifend an Nachwuchs fehle.

Baseball bei den Leipzig Wallbreakers (2. Bundesliga) im Ballpark an der Dortmunder Straße: Pitcher Daniel Kolb beim Wurf.
Baseball bei den Leipzig Wallbreakers (2. Bundesliga) im Ballpark an der Dortmunder Straße: Pitcher Daniel Kolb beim Wurf. © Christian Modla

Die Folge: Jugendmannschaften haben nicht genügend Spielerinnen und Spieler und können nicht an einem regelmäßigen Spielbetrieb teilnehmen. „Wir veranstalten ein paar Mal im Jahr Kinder- und Jugendspieltage, an denen wir alle aus den Vereinen zusammenholen und in Teams packen, damit sie wenigstens hier mal spielen können“, sagt Nestke. Immerhin gibt es mit den Leipzig Wallbreakers ein Baseball-Team, das bis vor kurzem noch in der 2. Bundesliga spielte. Ansonsten sind Baseball und Softball mittlerweile oft Teil des Hochschulsports, der Zug für eine leistungssportliche Entwicklung ist in diesem Alter aber schon abgefahren. Nestke hofft daher, dass die Sportart durch die Olympischen Spiele einen Schub erhält und sich wieder mehr Kinder und Jugendliche dafür interessieren. Denn für Leistungssport ist eine breite Basis unerlässlich.

Im zweiten Teil der Serie sind in den kommenden Tagen die Sportarten BreakdanceKarate und Sportklettern an der Reihe ...