22. Dezember 2021 / 19:57 Uhr

Brad Loesing – Der Basketballprofi von nebenban

Brad Loesing – Der Basketballprofi von nebenban

Sebastian Lindner
Ostsee-Zeitung
Familie Loesing mit Maren, Kilian, Tilla und Brad im heimischen Wohnzimmer. Fürs Foto durfte auch Hund Tucker mal mit aufs Sofa.
Familie Loesing mit Maren, Kilian, Tilla und Brad im heimischen Wohnzimmer. Fürs Foto durfte auch Hund Tucker mal mit aufs Sofa. © Gunnar Rosenow
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Am Tag vor dem Topspiel gegen Tabellenführer Jena gibt Seawolves-Aufbauspieler Brad Loesing Einblicke in sein Leben als Mensch und Basketballer.

Die alte Wohnung in Hafennähe wurde einfach zu klein. Schließlich müssen sich Brad und Maren Loesing seit zwei Wochen zusätzlich zu Sohnemann Kilian (1) nun auch um Töchterchen Tilla kümmern. Seit im Sommer klar wurde, dass Brad für mindestens ein weiteres Jahr bei den Rostock Seawolves Basketball spielt, war ein Umzug beschlossene Sache.

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Nun wohnt das Paar mit den zwei Kindern im Rostocker Bahnhofsviertel. Erste Etage eines Mehrfamilienhauses, schicke Küche, funktional, aber gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer. Schon im Treppenhaus macht sich Mischlingsrüde Tucker bemerkbar. Neue Gesichter, er kommt nur seiner Pflicht nach. Amerikanischer als der Name des Hundes, den Brad aus seiner Heimat mitgebracht hat, wird es im Hause Loesing nicht mehr.

Loesings sind "Weihnachts-Leute"

Brad öffnet die Tür zur Wohnung mit Tilla auf dem Arm, durch den Flur saust Kilian – klar, mit einem Basketball in den Händen. Die Deko im Haus ist trotzdem nicht in Gefahr, da der Kleine für sein Alter schon ein gutes Ballgefühl hat. Und alle weihnachtlichen Verzierungen sicher platziert sind. „Wir sind beide Weihnachts-Leute“, sagt Brad, der sich generell auch gerne mit der Dekoration der Wohnung beschäftigt. „Ich bin begeistert, aber sie“, erklärt er und schaut zu Maren, „ist Profi.“

Auch das gemeinsame Haus in Kentucky in der Nähe von Brads Familie, das die beiden in den Vereinigten Staaten besitzen und in den spielfreien Sommermonaten bewohnen, hat sie eingerichtet. „Ich habe das ganze bunte, grelle Zeug von ihm rausgeschmissen und dafür schöne Sachen reingemacht“, freut sie sich diebisch. Das Pärchen hat sich „vor sechs Jahren und einer Woche“ in Marens Heimat Stuttgart kennengelernt, damals spielte Brad in der Basketball-Bundesliga für die Riesen Ludwigsburg. Seitdem ist er rumgekommen, spielte auch in Oldenburg, Würzburg, Jena. Und seit Sommer 2020 in Rostock.

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Brad Loesing: "Wir sind ganz normale Menschen"

„Es ist hier anders als an den anderen Orten“, erzählt Maren. Besser. „Wir haben hier das Gefühl, willkommen zu sein. Und die Leute interessieren sich mehr für Basketball.“ Die Nachbarn wissen, dass Brad Profi ist, wollen auch wieder in die Halle, um ihn zu unterstützen. Eine Sonderbehandlung, weil er Profisportler ist, möchte Brad nicht. „Wir sind durch die Spiele oder Werbung immer mal im Fernsehen, aber das gehört zum Job. Wir versuchen, dass das kein großes Thema wird. Wir sind ganz normale Menschen, wollen Teil der Gesellschaft sein“, sagt er.

Darum sucht er auch das Gespräch mit den Nachbarn, ist nahbar. „Es ist toll, wenn die Leute mal Hallo sagen, auch zu Maren. Ich würde nicht wollen, dass Leute fernbleiben, nur, weil ich Profisportler bin.“ Deshalb freut er sich auch, wenn er „ab und zu“ mal auf der Straße erkannt wird. „Ich bin aber nicht so auffällig“, lacht er und spielt auf seine Größe an. Mit 1,83 Meter ist er für einen Basketballer nicht gerade ein Riese, bei den Seawolves der Kleinste im Team.

Am 17. September starteten die Rostock Seawolves in die neue Saison. Klares Ziel sind auch in diesem Jahr wieder die Play-offs.

Das offizielle Mannschaftsfoto der Rostock Seawolves Zur Galerie
Das offizielle Mannschaftsfoto der Rostock Seawolves ©

Trotzdem aber einer der Lautesten. Mit seinen 32 Jahren zählt er zu den Ältesten und Erfahrensten in der Mannschaft. Seit zehn Jahren ist er jetzt Profi. Deshalb weiß er auch, dass Basketball nicht nur auf dem Feld gespielt wird. Die Gemeinschaft ist wichtig. „Ich versuche, auch hinter den Kulissen für das Team da zu sein.“ Auch mal zusammen mit seiner Frau als Gastgeber. „Wir treffen uns auch manchmal hier, essen dann zusammen oder machen Spieleabende.“

Kurzes Fest für den gläubigen Katholiken

Als Vater von mittlerweile zwei Kindern wird die Zeit aber immer knapper. Weil er mit dem Team oft auf Achse ist, liegt viel Arbeit im Haus bei Maren. Sie ist Krankenschwester. Aufgrund von Mutterschutz und Elternzeit musste sie in der Pandemie aber noch nicht arbeiten. „Ich freue mich aber drauf, wenn es dann wieder losgeht.“

Bis dahin wird aber noch ein bisschen Zeit vergehen. Erstmal ist Weihnachten. „Wir sind beide Vegetarier, deswegen gibt es bei uns Raclette“, sagt Maren. Dazu einen schönen Wein, ergänzt Brad. Auch als Profi kann er sich mal was gönnen, auch mal ein paar Kekse. „Die sieht man jetzt gerade bloß nicht, weil die immer so schnell weg sind.“ Allzu viel bleibt ihm auch nicht vom Fest. Ein Spiel am Tag vor Heiligabend, dann schon wieder am 2. Weihnachtsfeiertag und am 2. Januar. Da ist dann auch Brads Familie aus Amerika zu Besuch, um Töchterchen Tilla kennenzulernen. „Als ich hier angefangen habe, war das noch nicht so. Aber Basketball entwickelt sich in Deutschland.“

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Nicht optimal für den Katholiken Brad Loesing. „Ich bin sehr gläubig“, sagt er. Neben der Eingangstür hängt eine Jesusfigur, mindestens einmal in der Woche ist er zusammen mit seinem Sohn in der Herz-Jesu-Gemeinde am Lindenpark. Seine Frau akzeptiert das. Und auch an die Spieltermine an den Feiertagen hat sie sich „mittlerweile gewöhnt“. Schließlich ist ein Ende absehbar.

„Ein paar Jahre“ wolle er noch aktiv spielen, sagt Brad. Einen Titel möchte er bis dahin gerne noch gewinnen, das ist sein großes Ziel. Ein Aufstieg mit den Seawolves wäre immerhin ein Anfang. „Wir haben hier die Chance, etwas Einzigartiges zu schaffen.“

Amerika oder Deutschland? Alles offen

Wie es nach der Karriere weitergeht, steht noch in den Sternen. Amerika oder Deutschland, vielleicht sogar Rostock? Alles offen. „Wir fühlen uns hier wohl, haben ein Zuhause-Gefühl entwickelt“, sagt Brad. „Und unsere beiden Kinder sind hier geboren.“ Auch hinsichtlich seiner beruflichen Zukunft ist noch nichts in Stein gemeißelt. Dem Basketball möchte er aber in jedem Fall treu bleiben. Als Trainer. „Ich weiß aber noch nicht, ob hauptamtlich oder nur nebenbei.“ Schließlich habe er auch einen Uni-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften, mit dem sich etwas anfangen ließe. Und auch mit Immobilien kenne er sich ein wenig aus.

Erstmal steht aber noch die aktive Karriere im Fokus. Und das Spiel am Donnerstag gegen Jena, seinen alten Klub. Ein paar Kontakte hat er noch, „das ist auch das Schöne am Profisport, man lernt viele Leute kennen“. Besonders schön wäre es allerdings, die alten Weggefährten zu besiegen. In einer Stunde ist Training, die letzte Einheit vor dem Spieltag. „Es wird sicher nochmal intensiv, aber nicht ganz so lang wie üblich“, sagt er, als er sich verabschiedet, immer noch Tochter Tilla, die die ganze Zeit geschlafen hat, auf dem Arm.

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