25. März 2022 / 11:50 Uhr

Das große Rechnen im Brandenburger Fußball

Das große Rechnen im Brandenburger Fußball

Christoph Brandhorst
Märkische Allgemeine Zeitung
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Der Luwigsfelder FC (l.). der SV Altlüdersdorf (r.u.) und die Potsdamer Kickers (r.o.) können sich im Auf-und-Abstiegskampf nicht nur auf die eigene Liga fokussieren. © Feller/Sittig/Schütt/Sportbuzzer-Collage
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Knackpunkt Oberliga: Die Auswirkung der Auf- und Abstiegsregelung zieht sich durch alle Spielklassen im märkischen Fußball.

Wer vorher rechnet, rechnet zweimal. Und trotzdem lohnt es sich für viele Fußballclubs im Land, jetzt schon einmal die möglichen Szenarien der Auf- und Abstiegsregelung durchzukalkulieren, wenn sie am Saisonende nicht böse überrascht werden wollen. „Ich schaue schon jeden Spieltag, was Viktoria Berlin macht“, gesteht Philipp Karaschewitz. Der Sportliche Leiter des Fußball-Oberligisten Ludwigsfelder FC weiß, dass über das sportliche Schicksal des eigenen Clubs auch in der 3. Liga entschieden wird. Denn ein Abstieg der Hauptstädter hätte aufgrund der komplexen Auf- und Abstiegsregeln Konsequenzen bis in die Landesklasse.

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Neben dem LFC, derzeit 13. der Oberliga Nord des Nordostdeutschen Fußballverbands (NOFV), dürfte man vor allem beim MSV Neuruppin (15.), dem Brandenburger SC Süd (16.) und Victoria Seelow (18.) mitzittern. Das märkische Quartett ist akut gefährdet. Denn selbst im besten Fall – also wenn die abstiegsbedrohten Berliner in der 3. Liga bleiben und der Meister der Nordost-Regionalliga sich in der Relegation durchsetzt – gäbe es pro Oberliga-Staffel vier feste Absteiger und eine Relegation der beiden Tabellen-15.

So lest ihr die Tabelle:

Schafft der Meister die Regionalliga Nordost in der Relegation (gegen den Meister der Nord-Staffel) den Aufstieg in die 3. Liga, gelten die Varianten A bis D. Schafft er es nicht, gelten die Spalten E bis H.

Je nach der Anzahl der NOFV-Absteiger aus der 3. Liga (aktuell liegt kein Klub auf einem Abstiegsplatz) gelten die Spalten mit den Werten 0 bis 3. Daraus ergibt sich die Anzahl der Absteiger in die Ligen darunter.

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Beispiel Spalte A: Steigt der NOFV-Meister auf und kein Ostteam aus der 3. Liga ab, steigen wegen der geplanten Staffelreduzierung drei Regionalligisten ab, die jeweiligen Oberliga-Staffelsieger steigen auf.

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Darstellung der verschiedenen Möglichkeiten zum Auf- und Abstieg. © Brandhorst/Scheerbath/Sportbuzzer-Collage

Staffelreduzierung in der Regionalliga bleibt bestehen

Karaschewitz weiß, dass Ludwigsfelde längst nicht aus dem Schneider ist. „Wir schauen darauf mit dem Gefühl, dass wir uns mitten im Abstiegskampf befinden“, sagt er. Zumal der NOFV jüngst erklärte, an der geplanten Reduzierung der Regionalliga-Staffelstärke auf 18 Teams festzuhalten und damit etwa dem Wunsch des FSV Optik Rathenow widersprach, weiter mit der Maximalzahl von 20 Mannschaften zu operieren. Karaschewitz findet, die daraus resultierende Absteigerflut ist ein hausgemachtes Problem. „Ich habe es schon damals kritisch gesehen, dass man Mannschaften aufsteigen ließ, es aber keine Absteiger gab. Jetzt muss man die Ligen wieder abschwemmen.“

An der Schnittstelle zwischen Regional- und Landesverband sind die Auswirkungen der Abstiegswelle am heftigsten. „In der Brandenburgliga muss gezittert werden, die trifft es am härtesten“, weiß Wilfried Riemer, der Spielausschuss-Vorsitzende des Fußball-Landesverbandes Brandenburg (FLB). Dort würde es bei vier Brandenburger Absteigern aus der Oberliga sogar noch ein Team mehr geben, das in den sauren Apfel beißen muss. Dann gäbe es in der höchsten Landesspielklasse fünf Absteiger – die halbe Liga muss bangen. Den Tabellenachten SV Altlüdersdorf (24 Punkte) würden dann nur vier Zähler vom ersten Abstiegsrang auf Platz zwölf trennen, den derzeit Frankonia Wernsdorf belegt (20 Punkte). „Es ist keine Phrase, dass es für uns um den Klassenerhalt geht, die Situation ist schon speziell“, sagt Vereinschef Fritz Müller vom Achtplatzierten aus dem Norden von Oberhavel. Zwar würden beim SVA längst noch nicht die Alarmglocken schrillen, aber angesichts von fünf möglichen Absteigern, von denen auch Müller ausgeht, „müssen wir schon zusehen, dass wir noch unsere Pünktchen sammeln“.

Mehr Sport aus Brandenburg

Vorbereitet ist der Verband sogar auf noch extremere Varianten. Die Zahl der Brandenburgliga-Absteiger aber hatte man schon vor dieser Spielzeit auf fünf gedeckelt. Sollten noch mehr märkische Teams aus der Oberliga absteigen, würde man die Liga aufstocken. „Das sind aber Extremfälle, die gerade nicht in Sicht sind“, weiß Riemer. Es gehe vor allem darum, Rechtssicherheit für alle Varianten zu schaffen.

Keine Revolte im Brandenburger Fußball

In der Landesliga setzt sich die Rechnung fort – und wird noch verstärkt, weil der FLB in der Nordstaffel von der coronabedingt auf 17 Teams aufgestockten Liga wieder zu einer 16er-Staffel zurückkehren will. Einen Vorstoß wie den des FSV Optik in der Regionalliga, mit der vergrößerten Staffelstärke weiterzumachen, gebe es im Brandenburger Fußball bislang nicht, erklärt Riemer. „Im Gegenteil, die Vereine sind froh, wenn sie wieder auf 16 Mannschaften runterkommen“, sagt der Funktionär. Gleiches gilt für die Landesklasse-Staffeln West und Süd, die derzeit ebenfalls mit 17 Mannschaften spielen.

Allerdings werde die Absteigerwelle in unteren Spielklasse abgeschwächt, da sich die Zahl dort auf immer mehr Staffeln verteile, glaubt Wilfried Riemer. Die Rechnerei aber nimmt sogar noch zu. Ein Beispiel: Drei Absteiger aus der Oberliga in die Brandenburgliga hätten zur Folge, dass 13 Teams aus den vier Landesklasse-Staffeln absteigen müssten. In diesem Fall wären das die Clubs auf den Plätzen 17 bis 15 der West- und Süd-Staffeln sowie auf den Rängen 16 und 15 der Nord- und Ost-Staffeln – und zusätzlich die drei punkt- und torschlechtesten Tabellen-14. nach Quotientenregel.


Derzeit wären die Potsdamer Kickers aus der West-Staffel der lachende Vierte. Die Landeshauptstädter sind mit 18 Punkten derzeit der beste der vier Tabellen-14. – und wären damit gerettet. Thomas Welskopf, Trainer der Kickers, bleibt gelassen: „Wir beschäftigen uns überhaupt nicht mit diesen Eventualitäten und fangen gar nicht erst mit irgendwelchen Rechenspielen an.“ Vielmehr wolle man am Ende einen Platz belegen, der sicher zum Klassenerhalt berechtigt. „Nur das haben wir in der eigenen Hand“, so der 40-Jährige, der von 2006 bis 2008 selbst für den BSC Süd 05 auflief.

Auch am Erfolg seines Ex-Clubs liegt es nun, wie viele Teams in der Mark noch zittern müssen. Schließlich hänge alles maßgeblich von der Zahl der Oberliga-Absteiger ab, betont Riemer. „Mein Herz schlägt für die Brandenburger Mannschaften. Ich hoffe natürlich, dass es uns nicht so hart trifft. Ich drücke die Daumen, das ist ganz klar“, sagt der Spielausschuss-Chef.

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