24. Juni 2021 / 15:03 Uhr

Brandenburger Olympia-Serie: Im Rausch der Kurve

Brandenburger Olympia-Serie: Im Rausch der Kurve

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Emma Hinze
Gold im Visier: Die deutsche Topsprinterin Emma Hinze will in Tokio durchstarten. © Soeren Stache
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Emma Hinze, Roger Kluge und Maximilian Levy tragen in Tokio die deutschen Bahnrad-Hoffnungen. Im sechsten Teil seiner Olympia-Serie stellt der SPORTBUZZER den Zweirad-Wettbewerb vor.

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1 - Historie

„Weißbier-Ulle“, titelte die Bild-Zeitung 2004, als Jan Ullrich mit dem entsprechenden Kaltgetränk auf Platz 19 im Straßenrennen von Athen anstieß. „Im Fahren flop, im Feiern top!“, schrieb das Blatt über den damaligen Radstar und erstellte ein „Feier-Vollgas-Protokoll“. Die Häme fiel wohl auch deshalb so groß aus, weil Ullrich 2000 in Sydney noch Olympiasieger geworden war – ein Triumph, den im Straßenradsport mit DDR-Starter Olaf Ludwig (Seoul 1988) bis heute nur ein weiterer deutscher Fahrer schaffte. Eine deutsche Olympiasiegerin gab es auf der Straße bislang nicht. Nimmt man alle Radsportdisziplinen zusammen, regiert Frankreich die Zweiradwelt: 86 Medaillen hat die Grande Nation schon geholt, BRD- und DDR-Fahrerinnen und -Fahrer kommen auf 36.

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Einzelkämpfer
Maximilian Levy freut sich auf seine vierten Olympischen Spiele. © Peter Dejong

2 - Gelände, Straße und Bahn

Während die Wettbewerbe auf der Straße (Einzelrennen/Einzelzeitfahren) und im Gelände – BMX-Einzelrennen/BMX-Freestyle und Mountainbike/Cross-Country – recht überschaubar sind, wird’s in der Halle etwas komplizierter. Denn auf der Bahn gibt es gleich sechs Disziplinen: Sprint, Teamsprint, Keirin (Kampfsprint), Madison (Zweier-Mannschaftsfahren), Mannschaftsverfolgung und Omnium (Ein-Tages-Mehrkampf, bestehend aus vier Teildisziplinen).

3 - Velodrom

Ein spezielles Konstrukt ist allein schon die meist aus Holz konzipierte Bahn, auch Velodrom genannt. Der ovalförmige Kurs mit 250 Metern Länge und überhöhten Kurven (Neigungswinkel zwischen 30 und 60 Grad) garantiert Spitzengeschwindigkeiten bis 80 km/h. „Geschwindigkeit ist Sicherheit. Die Stabilität wird besser je schneller man fährt“, erklärt Spitzensprinter Maximilian Levy, der in Tokio zum vierten Mal an Olympischen Spielen teilnimmt. „Mit 50 km/h kommt man angenehmer durch die Kurven als mit 30 km/h.“ Dann nämlich ist die Haftung höher und der Fahrer muss weniger Kraft aufwenden. Die Kunst bei der rasenden Fahrt bestehe vor allem darin, mit dem Kurvendruck umzugehen, meint der bald 34-Jährige. Bremsen oder Rücktritt sind an Bahnrädern nicht installiert, die Aktiven steuern alles über Tempo und Fahrlinie. Und wie ist nun das Gefühl, durch die Kurven zu sausen? „Geil! Das macht es ja aus, die Geschwindigkeit“, findet Levy.

4 - Richtung

Immer im Kreis herum geht’s, das ist klar – aber warum immer gegen den Uhrzeigersinn? Levy weiß es auch nicht, aber: „Andersherum fahren ist äußerst unangenehm, total eklig, das machen wir nur zum Spaß.“

5 - Keirin

Kaum ein Radrennen auf der Bahn ist spektakulärer als der Kampfsprint, der im Fachjargon Keirin heißt. Sechs Athleten treten gegeneinander an und rasen mit bis zu 80 km/h in den Schlusssprint. Zu Beginn zieht der neutrale Schrittmacher auf einem Elektrorad (auch Derny genannt) das Tempo auf rund 50 km/h an, bevor die Sprinter übernehmen. Kämpfen im wahrsten Sinne des Wortes, denn beim Keirin ist auch Körpereinsatz erlaubt. „Ein Kopfstoß führt zur Disqualifikation und entscheidend ist, dass ich nicht in die Fahrlinie des anderen fahre“, erklärt Keirin-Spezialist Levy. Denn Überholen oder der Konkurrenz den Weg abschneiden („dichtmachen“), kann übel enden. Die rote Linie ist die Sprinterlinie. Wer unterhalb dieser Linie fährt, darf innen nicht überholt werden. Umgekehrt gilt: Wer oberhalb der roten Markierung fährt, darf nicht dichtmachen, wenn ein Konkurrenz innen vorbeifährt – außer der Vorsprung beträgt mindestens eine Radlänge. „Man muss wachsam sein, möglichst vorne fahren und im Kopf schnell reagieren“, resümiert der Cottbuser Levy.

6 - Ursprung

Der Begriff Keirin stammt aus Japan und heißt übersetzt Radrennen. Erfunden wurde die Disziplin nach dem Zweiten Weltkrieg, als die japanischen Staatskassen leer waren. Keirin, gedacht als Wettsportart, sollte zu einem gesunden Haushalt beitragen. Neben Levy gilt im deutschen Team auch Emma Hinze als herausragende Keirin-Spezialistin.

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7 - Madison

Erstmals seit 2008 findet wieder ein Madison-Rennen bei Olympia statt, bei den Frauen feiert die Disziplin gar Premiere. Hierzulande ist Madison vor allem wegen des Berliner Sechstagerennens ein Begriff. Bei Olympia wird der Eisenhüttenstädter Roger Kluge ein Madison-Paar mit seinem langjährigen Teamkollegen Theo Reinhardt bilden und die 50 Kilometer auf der Bahn (Frauen: 30 Kilometer) im Wechsel zurücklegen. Etwa eineinhalb Runden geht ein Fahrer volles Tempo, danach wird per Schleudergriff übergeben. Am Ende siegt das Team, das die meisten Punkte in den Zwischenwertungen holt. Besonders stark gewichtet wird ein Rundengewinn. „Das Rennen ist sehr taktisch und man kann durch die Technik beim Schleudergriff viel gutmachen oder viel Zeit verlieren“, sagt Kluge.

8 - Schleudergriff

Alle rund eineinhalb Runden lösen sich die Fahrer ab. Derjenige, der mit rund 60 km/h um die Bahn gerast ist, gibt an denjenigen ab, der im Bummeltempo (40 km/h) die Beine schonen durfte. Die Übergabe erfolgt meist mit dem Schleudergriff (Bild unten): Der Fahrer, der mit rund 60 km/h von hinten angerauscht kommt, packt den Arm seines Teamkollegen und zieht beziehungsweise „schleudert“ ihn für kurze Zeit nach vorn. „Bei uns passiert das etwas länger und harmonischer, nicht ganz so ruppig“, sagt Kluge.