14. Juni 2021 / 08:03 Uhr

Brandenburger Olympia-Serie: Einblicke in den Rudersport

Brandenburger Olympia-Serie: Einblicke in den Rudersport

Tobias Gutsche
Märkische Allgemeine Zeitung
Der Doppelvierer ist eine Skull-Bootsklasse. Die Aktiven - wie Hans Gruhne aus Potsdam (2.v.l.) - bedienen pro Hand ein Ruder auf jeder Seite. 
Der Doppelvierer ist eine Skull-Bootsklasse. Die Aktiven - wie Hans Gruhne aus Potsdam (2.v.l.) - bedienen pro Hand ein Ruder auf jeder Seite.  © imago images/Sven Simon
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Rückwärts, stemmen, Krebs fangen: Ruderer skullen oder legen sich in die Riemen und das jeweils mit viel Kraft sowie Gefühl. In seiner Serie erklärt der SPORTBUZZER mit den beiden Brandenburger Olympia-Startern diesen Sport. 

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1 - Eselsbrücke

Rudern und Kanusport werden oft miteinander verwechselt – stets zum Unmut beider Parteien. Daher sei allen Unwissenden eine Eselsbrücke zur Hilfe genannt. R wie Rudern, r wie rückwärts. Denn während die Kanuten nach vorne schauen und auch dorthin paddeln, ziehen die Ruderer mit dem Rücken in Fahrtrichtung über das Wasser

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2 - Wettkampfstrecke

Bei Olympia finden die Ruder- und Kanu-Wettkämpfe traditionell auf derselben Regattastrecke statt. Jedoch müssen dafür Veränderungen vorgenommen werden. Für das Rudern ist wegen der größeren seitlichen Ausdehnung mehr Platz nötig. Im Wettkampfbetrieb werden nur sechs Bahnen mit je 13,5 Meter Breite genutzt, was für die Kanuten zu neun Bahnen á neun Meter umgebaut wird. Noch ein Unterschied: Beim Rudern sind lediglich die 2000 Meter Programm, im Kanu-Rennsport wird über 200, 500 und 1000 Meter gefahren, fernab von Olympia auch über die 5000.

Sechs Bahnen mit jeweils 13,5 Meter Breite werden im Wettkampfbetrieb genutzt. Hier die Regattastrecke im italienischen Sabaudia.
Sechs Bahnen mit jeweils 13,5 Meter Breite werden im Wettkampfbetrieb genutzt. Hier die Regattastrecke im italienischen Sabaudia. © imago images/ZUMA Wire

3 - Disziplinen

Gerudert wird in zwei verschiedenen Disziplinen. Beim Skull bedienen die Aktiven pro Hand ein Ruder, das sogenannte Skull – das eine Ruderblatt wird auf Backbord (in Fahrtrichtung links) durch das Wasser gezogen, das andere auf Steuerbord (rechts). Die dazugehörigen Bootsklassen sind: Einer, Doppelzweier und Doppelvierer. Beim Riemen bedient jeder Athlet mit beiden Händen nur einen Riemen und dabei wird die Bootsbesatzung gleichmäßig zu beiden Seiten hin verteilt. Die Bootsklassen: Zweier, Vierer ohne oder mit Steuerfrau/-mann, Achter mit Steuerfrau/-mann. „Es gibt kein Gesetz, wer für was besser geeignet ist. Das ist eine Gefühlssache”, sagt die Potsdamer Olympiateilnehmerin Daniela Schultze, die bereits in beiden Disziplinen zur deutschen Nationalmannschaft gehörte. Derzeit skullt sie.

Blick ins Innere eines Ruderbootes.
Blick ins Innere eines Ruderbootes. ©

4 - Leichtgewichte

Ruderer sind groß und kräftig. Aber auch kleinere, etwas schmächtigere Aktive können bei diesem Sport Karriere machen. Im Wettkampfbetrieb gibt es die Kategorie Leichtgewicht. Hierbei darf ein Mann nur maximal 72,5 Kilogramm wiegen, bei Mannschaftsbooten ist lediglich ein Schnitt von 70,0 erlaubt. Für die Frauen liegen die Grenzen bei 59,0 und 57,0 Kilogramm. Olympisch fahren die Leichtgewichte nur den Doppelzweier, zuvor war auch ein Männer-Vierer ohne Steuermann im Programm.

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5 - Skull-Technik

Ruderer sitzen auf Rollsitzen und drücken sich von einem Stemmbrett ab. „Die Beine sind unsere wichtigsten Muskeln. Sie eröffnen die Bewegung, der Rumpf unterstützt anschließend mit dem Nach-hinten-lehnen, dann kommen die Arme dazu“, erklärt der Potsdamer Olympiasieger Hans Gruhne. Lange, kraft-, aber auch gefühlvolle Schläge sind das Ziel in der Durchzugphase. „Man muss das Wasser gleichmäßig wegschieben, nicht reißen“, sagt Gruhne, der als Skuller beidseitig ausgewogen agieren muss. Während beim Riemen alle Boote per Fußsteuer ausgerichtet werden, ist das beim Skull nur im Doppelvierer (meist steuert die Schlagperson) der Fall – Einer und Doppelzweier werden durch unterschiedliche Kraftverteilung manövriert.

6 - Riemen-Technik

Hierbei hat laut Schultze der Beineinsatz eine noch größere Bedeutung als beim Skullen. Entscheidend sei zudem eine saubere Eindrehbewegung zur Seite hin, bei der die äußere Schulter oben gehalten werden muss. „Wenn sie absinkt, kommt der Riemen nach oben, wodurch sich die Hebelwirkung und Abdruckfläche verschlechtern. Das sorgt für Verluste”, sagt sie.

Bei Riemen-Disziplinen - hier der deutsche Männer-Achter - arbeitet jeder Aktiv nur einseitig, dafür wird sich eingedreht.
Bei Riemen-Disziplinen - hier der deutsche Männer-Achter - arbeitet jeder Aktiv nur einseitig, dafür wird sich eingedreht. © imago images/Sven Simon

7 - Individuell

Die Riemen haben eine größere Blattfläche und sind mit über 3,60 Meter auch weitaus länger als Skulls. Schultzes sind 2,86 Meter lang und damit noch etwas kürzer als bei anderen Skullerinnen. „Weil ich nicht so viel Kraft habe, komme ich damit bei der Zuggeschwindigkeit besser hinterher. Mit längeren Skulls würde ich den Rhythmus nicht so gut halten oder mich eben frühzeitig auspowern.”

8 - Aufgabenverteilung

In seiner langen Karriere saß Gruhne schon auf allen Positionen im Doppelvierer. Der Schlagmann im Heck gebe Rhythmus und Struktur des Schlags vor, auf der folgenden Position, die er derzeit bekleide, müsse das als Bindeglied sauber übernommen werden. „Das Mittelschiff ist der Motor, da steckt Power drin. Vor allem im Vor-Bug ist Kraft gefordert.“ Von der Bug-Position aus, wo Schultze sitzt, werden die Kommandos gegeben. „Hier sind technisch gute Leute am besten, weil sie hinten am meisten Gewalt über das Boot haben, die Balance geben“, sagt der Potsdamer.

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2018, Pyeongchang: Die Potsdamerin Lisa Buckwitz (l.) gewinnt als Anschieberin im Zweier-Bob der Frauen mit Pilotin Mariama Jamanka. ©

9 - Größte Gefahr

Es ist das Horrorszenario, „das wirklich Schlimmste, was passieren kann”, sagt Gruhne. Gemeint ist, sich einen Krebs zu fangen. Diese Redewendung bedeutet im Rudersport, dass Skull oder Riemen bei der Rückholbewegung, der Freilaufphase, im Wasser hängen bleiben. „Die Folge kann eine Vollbremsung sein, im Extremfall kentert man”, erklärt er. Die Gefahr sei bei unruhigem Wasser sowie bei Unkonzentriertheiten größer, ergänzt Schultze. Um das Risiko zu minimieren, aber auch um windschnittiger zu sein, werden die Ruderblätter im Freilauf waagerecht gestellt.

 Bei der Rückführbewegung werden die Ruderblätter waagerecht gestellt.
Bei der Rückführbewegung werden die Ruderblätter waagerecht gestellt. © imago images/Emmefoto

10 - Büchse am Schnürchen

Aus der „Potsdamer Ruderschule“ kennen Schultze und Gruhne noch den Büchsen-Trick. Eine Konservendose, deren Boden durchlöchert ist, wird mit einer Schnur am Boot befestigt und durch das Wasser hinterhergezogen. „Wegen der Bremswirkung muss man mehr Kraft aufbringen, um voranzukommen. Das strengt sehr an”, sagt Schultze.