23. März 2020 / 18:13 Uhr

Umfrage: Brandenburgs Olympia-Kader sind für Verschiebung der Sommerspiele von Tokio

Umfrage: Brandenburgs Olympia-Kader sind für Verschiebung der Sommerspiele von Tokio

Peter Stein
Märkische Allgemeine Zeitung
Bahnradsprinter Maximilian Levy (l.) mit Bundestrainer Detlef Uibel bei den Weltmeisterschaften im Februar in Berlin.
Bahnradsprinter Maximilian Levy (l.) mit Bundestrainer Detlef Uibel bei den Weltmeisterschaften im Februar in Berlin. © dpa
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Olympia 2020: Auch unter Brandenburgs Spitzensportlern mehren sich die Stimmen, die für eine Verschiebung der Olympischen Sommerspiele in Tokio sind. Das sei auch ein Gebot der Fairness.

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Brandenburgs Kandidaten für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2020 kämpfen derzeit mit einer neuen Disziplin, der Ungewissheit, ob der Jahreshöhepunkt im Sommer in Tokio wegen der Coronavirus-Pandemie stattfinden kann oder ob er verschoben werden muss. Der SPORTBUZZER hat einige Athleten befragt. Auch der Deutsche Olympische Sportbund will zunächst die Athleten befragen, um sich dann eine Meinung zu bilden.

Kanu-Olympiasiegerin Franziska John aus Potsdam, die sich auf ihre dritten Sommerspiele vorbereitet, sagt: „Das ist ein schwieriges Thema. Das größte Problem ist die Ungewissheit. Keiner weiß, was wird. Ich kenne nicht alle Fakten, um mir eine eindeutige Meinung zu bilden. Ich habe jetzt vier Jahre darauf hingearbeitet, um im Sommer erfolgreich zu sein. Ich hoffe nicht, dass die Spiele abgesagt werden.“ Sie gibt auch zu bedenken: „Alle Leute haben jetzt andere Probleme. Ich weiß nicht, ob sich die Menschen in der jetzigen Situation überhaupt noch für den Sport begeistern würden.“ Ihr Potsdamer Vereinskollege, der dreimalige Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel, hat sich klar für eine Verschiebung der Spiele ausgesprochen. „Es wäre nur fair, wenn man die Spiele um mindestens ein Jahr verschiebt“, sagt er.

Geher Linke: Verschiebung statt Boykott

Auch Geher Christopher Linke vom SC Potsdam nimmt verbal diesen Weg. „Das Internationale Olympische Komitee IOC sollte die Spiele auf alle Fälle verschieben. Und zwar um mindestens ein, wenn nicht gar zwei Jahre. Um ein paar Monate wäre Blödsinn, weil die Sportler derzeit gar keine Möglichkeiten haben, an Wettkämpfen teilzunehmen und sich zu qualifizieren.“ Sollte Deutschland etwa einen Boykott für seine Athleten aussprechen und die Spiele dann trotzdem stattfinden, fände er das „sehr, sehr tragisch“. Da er momentan erkältet sei, könne er ohnehin nicht trainieren. Denn sich für das tägliche Training zu motivieren, sei für die Topsportler im Moment das größte Problem. „Weil im Moment ein bisschen das Ziel fehlt, auf das wir hinarbeiten“, wie Kanutin Franziska John bestätigt.

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Bahnradsprinter Maximilian Levy pendelt derzeit zwischen dem Grundlagentraining auf der Straße und dem Kraftraum am Olympiastützpunkt in Cottbus. Der dreimalige Olympia-Medaillengewinner erhielt am Montag pausenlos Anrufe, weil er sich angeblich für eine Durchführung der Sommerspiele in Tokio ausgesprochen habe. Er stellt klar: „Ich bin dafür, dass sich das IOC die nötige Zeit nimmt, um eine seriöse Entscheidung zu fällen. Dafür scheinen mir vier Wochen angemessen. Ich habe nie gesagt, die Spiele sollen auf alle Fälle im Juli stattfinden. So eine schwerwiegende Entscheidung kann man nicht über Nacht fällen. Selbst wenn man sich für eine Verschiebung entscheidet, kann doch keiner zum jetzigen Zeitpunkt sagen, was nächstes Jahr ist. Selbst die Spiele auf nächstes Jahr zu verschieben, da hängt einfach für jeden Betroffenen zu viel dran. Dann müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen. Keiner weiß, was machen die Sponsoren. Für die meisten Unternehmen geht es jetzt um das wirtschaftliche Überleben, da steht die Unterstützung des Sports hintenan. Dafür habe ich auch volles Verständnis.“

Radsportler Levy: Beruf statt Nebensache

Der viermalige Weltmeister, der vor seinen vierten Olympischen Spielen steht, macht auch klar: „Ich kann für mich nicht sagen, der Sport ist die schönste Nebensache der Welt. Das ist mein Beruf, auch ich habe eine Familie zu ernähren.“

Para-Schwimmerin Maike Naomi Schnittger, die am Montag im Rahmen einer sportmedizinischen Untersuchung an der Uni Potsdam auch einen Abstrich in Bezug auf den Covid-19-Erreger hat vornehmen lassen, meint: „Eine Absage wäre furchtbar. Ich bin für eine Verschiebung. Eine Durchführung auf Teufel komm raus mit Geisterspielen wäre das falsche Signal. Das hätte mit Fairness nichts zu tun. Gerade wir Sportler sollten die Gesundheit immer voran stellen und in diesen Zeiten mehr denn je.“

Para-Radsportlerin Schindler: Zeitgewinn ist wichtig

Para-Radsportlerin Denise Schindler, dreimalige Paralympics-Medaillengewinnerin vom BPRSV Cottbus, ist gleichfalls für eine Verschiebung. Sie findet: „Es ist unverantwortlich und widerspricht dem olympischen Geist, die Spiele während einer weltweiten Ausbreitung des Coronavirus stattfinden zu lassen.“ Es gehe darum, Athleten und Bevölkerung zu schützen. Für sie ist die Verlegung auf 2021 die sportlich fairste Lösung. „Dieser Zeitgewinn ist wichtig. Ein Jahr später gibt es wahrscheinlich einen Impfstoff und mehr Menschen sind immun gegen das Virus. Wir Athleten sollten unseren Teil dazu beitragen, die Gesundheitskrise in den Griff zu bekommen. Persönliche Ambitionen müssen jetzt zurückstehen.“

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Die deutschen Handball-Stars um Andreas Wolff (r.) können nicht nur Weltmeister werden, sondern mit rund 28 000 Euro pro Spieler eine für die Verhältnisse der Sportart überragende Prämie für den Titel kassieren. Wie sieht es in anderen Sportarten aus? Der SPORTBUZZER macht den Check in Fußball, Ski alpin & Co. ©
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Fabian Liebig, deutscher Meister im Modernen Fünfkampf, sieht ebenfalls ein Fairnessproblem, sollten die Spiele stattfinden. „Wir sind einer der wenigen Stützpunkte, die noch halbwegs trainieren können. In vielen Bundesländern und im Ausland ist das bereits gar nicht mehr möglich. Das wäre einfach nicht fair. Zumal unsere Quali über die Weltrangliste noch fast am Anfang steht. Und so geht es vielen anderen Sportarten ebenfalls“, sagt der Potsdamer und plädiert für eine Verschiebung um mindestens ein halbes Jahr.

Kristin Pudenz, deutsche Meisterin im Diskuswerfen vom SC Potsdam sagt: „Wir können am Stützpunkt im Luftschiffhafen noch trainieren, andere nicht. Für die Fairness wäre es besser, wenn die Spiele verschoben werden, zumal jetzt schon Nationen wie Kanada abgesagt haben.“

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