06. Dezember 2022 / 14:26 Uhr

Jubel-Tänze und Torwart-Wechsel: Wie Brasilien beim WM-Achtelfinale Arroganz-Vorwürfe schürt

Jubel-Tänze und Torwart-Wechsel: Wie Brasilien beim WM-Achtelfinale Arroganz-Vorwürfe schürt

Hendrik Buchheister
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die brasilianische Nationalmannschaft musste sich nach dem überzeugenden Auftritt gegen Südkorea auch Kritik gefallen lassen.
Die brasilianische Nationalmannschaft musste sich nach dem überzeugenden Auftritt gegen Südkorea auch Kritik gefallen lassen. © Getty/IMAGO/PA Images (Montage)
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Die ausdauernden Jubeltänze der brasilianischen Spieler und der Torwartwechsel beim WM-Achtelfinale gegen Südkorea sorgen für Diskussionsstoff. Arroganz oder pure Fußballfreude? Der SPORTBUZZER liefert eine Einschätzung.

Tite kannte die Risiken. Ihm war klar, dass die Aufführung seiner Brasilianer im WM-Achtelfinale gegen Südkorea nicht allen gefallen würde. Sportlich gab es nichts auszusetzen am Vortrag der Seleçao. Im Gegenteil, die Mannschaft zeigte ihre beste Leistung in Katar. Der 4:1-Erfolg – nach 4:0-Pausenführung – durch berauschenden Kombinationsfußball war der Nachweis, dass es die Brasilianer ernst meinen mit ihrer Rolle als WM-Favorit. Riskant war der Umstand, dass sie ihre Tore feierten, indem sie minutenlang auf dem Rasen des 974-Stadions in Doha tanzten. Sogar Tite, der 61 Jahre alte Nationaltrainer, reihte sich nach dem 3:0 durch Richarlison in die Choreografie ein. "Da muss ich vorsichtig sein“, bekannte er hinterher: "Es gibt böse Leute, die das respektlos finden.“

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Entweder hatte Tite vor dieser Aussage schon einen Blick in die sozialen Medien geworfen, oder er verfügt über prophetische Fähigkeiten. Jedenfalls war das Debattenthema nach Brasiliens Macht­de­mons­tra­tion gegen Südkorea nicht die herausragende Leistung in der ersten Halbzeit, sondern es waren die vermeintlich arroganten Tanzeinlagen nach den Toren. Dass Tite gegen Ende auch noch seinen Stammtorwart auswechselte (für Alisson kam Weverton), wie es Felix Magath 2009 auf dem Weg zur Wolfsburger Meisterschaft beim berühmten 5:1 gegen den FC Bayern München gemacht hatte, verstärkte den Eindruck, dass die Brasilianer den Gegner verspotteten.

Entsprechend laut ist der Chor der Empörten, angeführt von Roy Keane, früherem Kapitän von Manchester United. Er ist bei der Weltmeisterschaft als Fachmann für den britischen Sender ITV im Einsatz. "Ich kann nicht glauben, was ich da sehe“, sagte Keane und fühlte sich erinnert an die TV-Sendung Strictly Come Dancing, Vorlage für das deutsche Let’s Dance. Keane redete sich in Rage, wobei man darauf hinweisen muss, dass es sein Markenzeichen ist, sich in Rage zu reden. Das Argument, dass Tanzen nun einmal in der Kultur der Brasilianer liege, überzeugte ihn nicht: "Ich finde, dass es respektlos dem Gegner gegenüber ist.“

Härtere Zweikämpfe? Britischer TV-Experte warnt vor wütenden Brasilien-Gegnern

Die schottische Liverpool-Legende Graeme Souness, Keanes Kollege als ITV-Experte, konnte ebenfalls nichts mit der brasilianischen Choreografie anfangen. Seiner Meinung nach bringt die Seleçao auf diese Weise ihre Gegner gegen sich auf: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand einen dieser Brasilianer umhaut“, sagte er und dachte dabei wohl an Brasiliens Viertelfinale gegen die Kroaten am Freitag.

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Die Angeklagten verstehen die Aufregung nicht. Trainer Tite sagte über seine Spieler: "Das Tanzen ist ihre Sprache.“ Mittelfeldmann Lucas Paquetá, Schütze des 4:0 gegen Südkorea, bezeichnete die Einlagen als "Ausdruck der Freude, wenn wir ein Tor erzielt haben. Wir machen das nicht, um respektlos zu sein.“ Die Empörung wird laut Paquetá nichts am brasilianischen Betragen ändern: "Wenn das jemandem nicht gefällt, können wir auch nicht viel machen. Wir werden weiter Tore schießen und danach tanzen.

Ohne den WM-Titel bleiben Arroganz-Tänze in Erinnerung

Man muss die Tänze der Brasilianer wohl als Teil des kanariengelben Gesamtkunstwerks sehen. Die Spielfreude auf dem Platz ist nicht von der Freude daneben zu trennen. Sie brauchen beides, um in Katar den ersten WM-Titel seit 2002 einzufahren – so scheinen sie das zu sehen. Sollten sie kommende Woche Sonntag den Goldpokal in den Himmel stemmen, haben sie alles richtig gemacht. Dann kann ihnen niemand böse sein wegen ihrer Aufführungen. Falls die Brasilianer es sich allerdings erlauben, vorher auszuscheiden, werden ihre Tänze als Arroganz in Erinnerung bleiben.

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