24. November 2022 / 19:20 Uhr

Mission sechster Stern: Wie Brasilien-Trainer Tite die Seleção zum Titel-Favoriten formte

Mission sechster Stern: Wie Brasilien-Trainer Tite die Seleção zum Titel-Favoriten formte

Hendrik Buchheister
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Brasilien-Trainer Tite greift mit der Selecao in Katar nach dem Titel.
Brasilien-Trainer Tite greift mit der Selecao in Katar nach dem Titel. © Getty Images/IMAGO/Fotoarena (Montage)
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Seit 2002 wartet die Fußball-Nation Brasilien auf den WM-Titelgewinn. Der erfahrene Trainer Tite soll das politisch gespaltene Land erlösen. Er hat aus einer Truppe aus Einzelkönnern um Superstar Neymar ein Kollektiv geformt – das in Katar als Top-Favorit antritt.

Tite will den Erfolg, natürlich will er den, aber nicht um jeden Preis. Genau so wichtig ist dem Trainer der brasilianischen Nationalmannschaft der Weg dorthin. Er wolle im Reinen mit sich sein, an seinen Prinzipien festhalten, sagte er vor der WM dem Magazin World Soccer und erklärte, wie diese Prinzipien aussehen: "Wir wollen gewinnen, indem wir die Besten sind, fair, mit Stolz darauf, technisch besser zu sein, schneller, mit mehr Qualität, mehr Kreativität, mehr Toren."

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Es sind typische Werte des brasilianischen Fußballs. Diese Philosophie macht Adenor Leonardo Bachi, wie Tite eigentlich heißt, zum idealen Trainer der Seleção, die am Donnerstag (20 Uhr, ZDF und MagentaTV) gegen Serbien in eine Mission aufbricht. Das Land sehnt den ersten WM-Titel seit 2002 herbei, insgesamt den sechsten. Die Erwartungen der Allgemeinheit sind hoch: Brasilien ist in Katar Topfavorit.

Tite brachte Brasilien nach dem legendären 1:7 das Selbstvertrauen zurück

Das hat viel mit dem 61 Jahre alten Tite zu tun. Er kam 2016 ins Amt und schaffte es, die Nation aus dem Tal der Finsternis zu führen, in das sie das apokalyptische 1:7 bei der WM 2014 auf heimischem Boden gegen den späteren Weltmeister Deutschland gestürzt hatte. Tite hat das Selbstbewusstsein des brasilianischen Fußballs restauriert. 2019 coachte er das Land zum Gewinn der Copa América. Bei der WM will er sein Werk mit einem krönenden Abschluss versehen. Tite wird nach dem Turnier sein Amt niederlegen. "Ich habe alles gewonnen, nur der WM-Titel fehlt mir noch", sagt er.

In der Tat kann er eine prachtvolle Titelsammlung vorweisen. Der ehemalige Mittelfeldspieler, der seine aktive Karriere wegen einer Knieverletzung früh beenden musste, machte sich als Trainer einen Namen bei Grêmio aus Porto Alegre, mit dem Klub gewann er 2001 den brasilianischen Pokal. Seine größte Zeit hatte er bei Corinthians aus São Paulo, mit denen er zweimal Meister wurde, die Copa Libertadores – Südamerikas Champions League – und die Klub-WM gewann. 2012 war das.

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Der WM-Titel ist Tites letzter großer Traum. Schon beim Turnier in Russland 2018 stand der charismatische Coach an der Seitenlinie. Die Brasilianer scheiterten vor gut vier Jahren im Viertelfinale am späteren Drittplatzierten Belgien. Tite sieht eine Weltmeisterschaft als vierjährigen Zyklus, von der Qualifikation bis zur Endrunde, idealerweise mit dem Endspiel als leuchtendem Schlussakt.

Vor dem Turnier vor viereinhalb Jahren war Tite während der Qualifikation ins Amt gekommen. Ein Nachteil, seiner Meinung nach. Den nun bei der Endrunde finalisierten Katar-Zyklus hat er von Anfang an mitgemacht und Brasilien in dieser Zeit verwandelt. In Russland war die Mannschaft auf Neymar ausgerichtet. Er war der Star, der Mann, auf den alles ausgerichtet war. Mit ihm stand und fiel Brasilien (vor allem fiel es). Die restlichen zehn Spieler waren Nebendarsteller.

Nicht mehr nur Neymar: Das Kollektiv soll es richten

In Katar rückt die Seleção als Kollektiv an. Zwar strahlt Neymar immer noch am hellsten, aber auch Spieler wie Vinícius Júnior, Raphinha, Richarlison, Gabriel Jesus oder Antony können den Unterschied bedeuten. Brasiliens WM-Reisegruppe hat auf jeder Position Qualität und ist extrem ausgeglichen. "Wie immer im Fußball kommen die Stars am besten zur Geltung, wenn die gemeinschaftliche Balance stimmt. Das ist Tites Verdienst", schreibt das Magazin FourFourTwo. Der WM-Titel würde dem Land gut tun. Es ist tief gespalten nach vier Jahren unter dem rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro. In die Debatte nach der politischen Bedeutung der Mission in Katar will sich Tite allerdings nicht hineinziehen lassen. Ihm geht es um den Erfolg, und zwar nach seinen eigenen Prinzipien.

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