13. März 2019 / 14:12 Uhr

Bremer Fußball-Verband und Sportjugend starten E-Sports-Offensive

Bremer Fußball-Verband und Sportjugend starten E-Sports-Offensive

Mathias Sonnenberg
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E-Football soll künftig nicht nur vor der heimischen Konsole, sondern auch in den Klub-Vereinsheimen gezockt werden. © Nordphoto
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Jugendliche sollen künftig auch in den Vereinsheimen der Bremer Klubs an der Konsole zocken können

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Der Alltag eines jugendlichen Fußballers sieht derzeit meist so aus: Schule ab 8 Uhr, 16.30 Uhr geht’s nach Hause, dann zocken auf der Playstation und dabei ein bisschen chillen mit den Kumpels. Und dann noch Fußball-Training? Puuhh, ganz schön anstrengend. „Das Aufraffen fehlt dann immer häufiger“, hat Sönke Löhmann erkannt. Denn wer es sich im eigenen Zimmer erst mal gemütlich gemacht hat, kommt kaum noch raus. Mit der bitteren Konsequenz, dass immer mehr Jugendliche in Bremen die Fußballvereine verlassen. Die meisten spielen zwar weiter Fußball, allerdings nicht auf einem richtigen Fußballplatz, sondern in der virtuellen Welt, dem E-Football auf der Playstation. Ein Trend, dem der Bremer Fußball-Verband (BFV) und die Bremer Sportjugend (BSJ) jetzt ein Ende setzen wollen.

Löhmann ist beim BFV zuständig für den Bereich E-Football, Linus Edwards ist stellvertretender BSJ-Geschäftsführer. Beide eint ein Ziel: Jugendliche weiter an Bremer Sportvereine zu binden. Nein, es gehe nicht darum, E-Football zu verteufeln. Ganz im Gegenteil, „die Jungs spielen ja auf der Playstation, das ist Fakt und das werden wir nicht verhindern können“, sagt Jens Dortmann, Geschäftsführer des BFV. Wolle er auch gar nicht, es gehe vielmehr darum, diese Jugendlichen mit ihrer Liebe zum E-Football trotzdem in die Sportvereine zu bringen – und im Idealfall in die Vereinsheime. „Denn die“, sagt Dortmann, „sind ja oft praktisch tot. Die meisten Fußballer sind nach Training oder Spiel sofort weg.“

Deshalb haben BFV und BSJ jetzt eine gemeinsame Initiative gestartet, um die Jugend-Fußballer in die Vereine zu holen – und zwar für E-Football. Genauer Titel: „E-Football im Jugendsport“. Ist ihnen nicht mal eben so eingefallen, sondern war das Ergebnis einer Gesprächsrunde von jugendlichen Führungsspielern, die der BFV vor einiger Zeit ins Leben gerufen hat. Dort können ausgewählte Fußballer, meist sind es die Kapitäne, einfach mal sagen, was ihnen am Fußball derzeit gefällt und was man anders machen könnte. „Dabei kam heraus, dass viele Jugendliche Probleme haben, Schule, Fußball und Playstation unter einen Hut zu kriegen“, sagt Linus Edwards von der BSJ. Ist ja verständlich, wenn 50 Prozent der unter 25-Jährigen über 20 Stunden pro Woche vor der Playstation verbringen. Edwards drückt das so aus: „Am Ende leidet meist das Training, weil das Zocken den Jungs eben auch verdammt wichtig ist.“ Und da sei die Idee geboren worden, das Zocken und das Training einfach mal zusammenzubringen.

Wichtigster Punkt: Die Jugendlichen fahren nach der Schule gar nicht mehr zum Zocken ins eigene Zimmer, sondern zu ihren Fußball-Klubs ins Vereinsheim. Und treten nach dem virtuellen Tritt später sogar noch gegen den richtigen Ball, schließlich ist der Trainingsplatz dann gleich nebenan. Einziger Haken: Bis auf den Habenhauser FV, der eine sehr aktive E-Football-Abteilung hat, bieten andere Bremer Klubs gar keine Zocker-Möglichkeiten an. Damit sich das ändert, haben BFV und BSJ ein Projekt ausgeschrieben, bei dem sich Vereine wappnen können für die virtuelle Welt des Fußballs. Edwards: „Wir rüsten zehn Bremer Vereine mit jeweils einer Konsole, Playern und einem Spiel aus. Das ist sozusagen eine Dauer-Leihgabe.“ Die Vereine würden jetzt angeschrieben, die Bewerbung startet am 15. April. Der Beginn des Projektes ist für August geplant, Dauer bis etwa Ende Dezember 2020.

Es ist eine mutige, aber notwendige Offensive. Denn noch immer quälen sich viele Vereine und Vereinsfunktionäre im Sport, ob dieser E-Sport denn jetzt wirklich Sport sei oder nicht doch eine reine Kommerzveranstaltung. Sogar der Bundestag hat sich jüngst wieder mit dieser Frage beschäftigt. Dabei hat die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD beschlossen, E-Sport als Sport anzuerkennen und zu fördern. Es geht bei dieser Frage eben auch um hohe Fördergelder.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) sieht derzeit keinen Anlass für die Aufnahme von E-Sport. In einer Erklärung hatte er kürzlich mitgeteilt, E-Sport in seiner Gesamtheit entspreche nicht den Aufnahmekriterien, die das Sport- und Verbändesystem unter dem Dach des DOSB konstituieren und prägen. Das ist einer der Gründe, warum BFV und BSJ, die dem DOSB angeschlossen ist, derzeit nur E-Football in Bremen fördern wollen. „Wir halten uns an die reinen Sport-Simulationen“, sagt Edwards vom BSJ. „Wir wollen nicht der Bundesorganisation entgegentreten, das wäre kontraproduktiv.“ Denn Kritiker und Befürworter von E-Sport sind sich uneinig darüber, ob Computerspiele wie „League of Legends“ tatsächlich zum Sport-Segment gehören oder reine Strategiespiele sind. Der DOSB ist da eindeutig: kein Sport, nur Gaming.

In diese Diskussion wollen sich der Bremer Fußball-Verband und die Bremer Sportjugend gar nicht einmischen. „Wir wollen noch keine Position einnehmen, sondern erst mal nur beobachten“, sagt Edwards. Sie suchen deshalb jetzt zehn Vereine, die bereit sind, E-Football anzubieten, und somit Jugendlichen eine zusätzliche Möglichkeit geben, sich an einen Sportverein zu binden. Das Projekt wird von der AOK-Krankenkasse unterstützt, denn es werden auch Fachleute an Bord sein, um Fragen zum Suchtverhalten, Ernährung und Gesundheit mit den Jugendlichen zu diskutieren.

Die Vereine müssen zudem einige Kriterien erfüllen, um beim Projekt dabei zu sein: Einmal pro Woche muss es ein offenes Angebot für E-Football geben, bei dem Jugendliche bis zu zwei Stunden unter Begleitung einer Aufsichtsperson spielen können. Es soll pro Quartal ein Treffen mit allen Beteiligten geben, um sich detailliert auszutauschen. Zudem sollen die Vereinsheime ein gesundes Essen für die Jugendlichen zum kleinen Preis anbieten. Klingt nach machbaren Hürden.

Am Ende des Projektes, so sehen zumindest die Wünsche der Initiatoren aus, könnte auch die Gründung einer Bremer E-Football-Liga stehen. „Wir wollen dann prüfen, ob eine nachhaltige Basis in den Vereinen geschaffen wurde und ob es Sinn macht, einen Ligabetrieb zu etablieren“, sagt Löhmann als E-Football-Beauftragter des BFV. Jetzt aber geht es erst mal darum, E-Football neben dem realen Sport in Bremen zu etablieren – und zwar im Vereinsheim.

Was ist eigentlich E-Sport?

Experten sehen imE-Sport den professionellen Wettstreit in Videospielen. Jeder zweite Deutsche hat laut einer Studie schon vom E-Sport gehört, 47 Prozent aber wissen nichts über ein Phänomen, das in erster Linie Jugendliche begeistert. Neu ist es nicht, schon in den 1990er-Jahren gab es Netzwerk-Partys. Aber erst jetzt ist es zum Massenphänomen geworden mit Spielen wie „Counterstrike“, „Fifa“ oder „League of Legends“. Heute können professionelle Zocker Millionen-Gagen verdienen. In Deutschland hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL) sogar erstmals eine offizielle deutsche Meisterschaft ausspielen lassen. Meister wurde übrigens Werder Bremen. Die Spieler des erfolgreichen Teams: Michael Bittner („MegaBit“), Mohammed Harkous („MoAuba“) und Eleftherios Ilias („Leftinho“).

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