06. Juli 2022 / 11:37 Uhr

Brisanter Trainer-Job bei Lokomotive Moskau: Joe Zinnbauer und der umgekehrte Weg

Brisanter Trainer-Job bei Lokomotive Moskau: Joe Zinnbauer und der umgekehrte Weg

Paul Katzenberger
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Joe Zinnbauer wird neuer Trainer von Lokomotive Moskau in Russland. 
Joe Zinnbauer wird neuer Trainer von Lokomotive Moskau in Russland.  © IMAGO/Geisser
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Menschen und Unternehmen aus dem Westen, die in Russland tätig waren, haben das Land wegen des Ukraine-Konflikts verlassen. Joe Zinnbauer geht nun den entgegengesetzten Weg: Er wird Trainer bei Lok Moskau. Er hat offensichtlich vor, sich aufs Sportliche zu konzentrieren. Leicht wird das nicht.

Josef "Joe" Zinnbauer war schon immer für Überraschungen gut. Als Fußballer blieb ihm die ganz große Karriere zwar versagt – eine passable Zweitliga-Saison 1995/1996 war wohl sein größter Erfolg als Spieler. Doch als er in der Saison davor im Kader des Karlsruher SC stand, konnte er genauso wie die damaligen KSC-Stars Thomas Häßler, Thorsten Fink und Michael Tarnat im Mercedes-Cabrio oder ähnlich teuren Karossen auf dem Trainingsgelände vorfahren, obwohl er als weitaus weniger prominenter Spieler an deren Gehälter nicht heranreichte.

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Millionär war er trotzdem: Im Alter von 22 Jahren hatte er ein erfolgreiches Finanzdienstleistungsunternehmen gegründet, mit dem er jährlich 70 Millionen Mark mit Immobilien und Versicherungen umsetzte, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung damals schrieb. Wegen seines Erfolges im Geschäftsleben kam der Linksfuß 1994 sogar zu einem Auftritt im Aktuellen Sportstudio, den es aufgrund seiner sportlichen Erfolge allein wohl nicht gegeben hätte.

Als Zinnbauer später ins Trainerfach wechselte, wurde es mit Stationen wie beim VfB Oldenburg, dem FC St. Gallen und zuletzt dem südafrikanischen Klub Orlando Pirates wieder etwas ruhiger um ihn. Die größte Aufmerksamkeit bekam er, als er 2014/2015 den Hamburger SV trainierte. Doch nun steht er plötzlich wieder im Licht der Öffentlichkeit: Am Montag wurde bekannt, dass der 52-Jährige neuer Cheftrainer des russischen Erstligisten Lokomotive Moskau wird. Die Personalie ist brisant, weil der deutsche Fußballtrainer Markus Gisdol (Hoffenheim, HSV, 1. FC Köln) sein Amt bei "Loko" nach der militärischen Eskalation des Ukraine-Konflikts am 1. März niedergelegt hatte: "Ich kann nicht in Moskau auf dem Trainingsplatz stehen", hatte Gisdol damals gesagt. "Das geht mit meinen Werten nicht überein."

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Angetan vom jungen Kader

Derartige Bedenken plagen Zinnbauer offenbar nicht. In einem knapp vierminütigen Videoclip, der auf der Webseite von Lokomotive Moskau abrufbar ist, spricht er einzig und allein darüber, wie reizvoll sein neuer Posten unter sportlichen Gesichtspunkten sei. Er schwärmt von den Trainingsbedingungen beim russischen Hauptstadt-Klub und nennt Lok ein "sehr interessantes" Projekt. Zinnbauer, der als Motivator schon mit Jürgen Klinsmann und Jürgen Klopp verglichen wurde, scheint besonders vom jungen Kader des Klubs angetan zu sein: "Lokomotive hat viele junge Talente, viele vielversprechende Spieler", lobt er. "Für einen Trainer, der gerne mit der Jugend arbeitet, ist das sehr interessant."

Dass die Situation zwischen seinem Herkunfts- und seinem neuen Heimatland politisch angespannt ist, will Zinnbauer offensichtlich ausblenden. In dem Lokomotive-Videointerview geht er auf die Konfrontation zwischen Russland und dem Westen mit keinem Wort ein und eine Interviewanfrage des RedaktionsNetzwerkes Deutschland (RND) ließ sein neuer Verein unbeantwortet.

Es wird für Zinnbauer allerdings nicht so leicht sein, sich allein aufs Sportliche zu konzentrieren. Nicht nur Markus Gisdol, sondern auch Daniel Farke verließen Russland, als das Land seine militärische Offensive in der Ukraine startete. Letzterer hatte zuvor den südrussischen Erstligisten FK Krasnodar trainiert und ist inzwischen Cheftrainer bei Borussia Mönchengladbach.

Gefahr des Reputationsverlustes

Mit ihrem Weggang setzten Gisdol und Farke ähnliche Wertmaßstäbe wie die Großunternehmen Volkswagen, H&M, Swatch und andere, die nach dem Ausbruch der Kampfhandlungen in der Ukraine Russland unmittelbar den Rücken kehrten. Andere Großkonzerne wie Henkel oder Renault, für die Russland ein sehr wichtiger Markt war, hofften derweil, weiter im Land aktiv bleiben zu können. Die Berichterstattung in den westlichen Medien führte schließlich aber zu einem Umdenken bei vielen Unternehmen, die in Russland geblieben waren: "In der Abwägung zwischen einerseits Reputationsverlust", …, "sowie andererseits der Aufgabe des Russland-Geschäfts dürften sich … die Gewichte zulasten des Russland-Geschäfts verschoben haben", sagte der Wirtschaftswissenschaftler Tim Krieger von Uni Freiburg als etwa Henkel seinen Rückzug aus Russland im April doch bekannt gab. "Deshalb hat man nun die Reißleine gezogen."

Joe Zinnbauer geht nun den entgegengesetzten Weg. Er kann sich dabei allerdings auf viele deutsche Mitstreiter verlassen: Der frühere Nationalspieler Marvin Compper, der unter Gisdol Assistenztrainer war und seit dessen Weggang, das Lok-Training leitete, wird unter Zinnbauer wieder Co-Trainer. Sportdirektor bei Lok ist der deutsche Fußballfunktionär Thomas Zorn (35) und die Scouting-Abteilung wird vom früheren Bundesliga-Profi Christian Möckel (49) geleitet.

Gemeinsam suchen sie nun den Erfolg in Russland. Auf europäischer Bühne wird man sie allerdings erst mal nicht zu Gesicht bekommen. Russische Mannschaften sind wegen des Ukraine-Konflikts für die UEFA-Wettbewerbe aktuell gesperrt. Dafür klingt das "Wperjod Lokomotiv" ("Vorwärts Lokomotive"), das Zinnbauer am Ende des Videos in die Kamera spricht, umso kämpferischer.

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