18. Dezember 2020 / 16:14 Uhr

BSG Chemie ausgebremst: Sang- und klangloser Abschied vom Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark

BSG Chemie ausgebremst: Sang- und klangloser Abschied vom Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark

Britt Schlehahn
Leipziger Volkszeitung
Die Tribüne und die Flutlichtmasken geben dem Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark ihr Gesicht.
Die Tribüne und die Flutlichtmasken geben dem Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark ihr Gesicht. © Getty Images
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Die BSG Chemie Leipzig wäre am Wochenende bei der VSG Altglienicke zum letzten Mal im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark angetreten. Nun verliert die Regionalliga ganz sang- und klanglos eine ihrer charakteristischsten Spielstätten mit vielen Geschichten auch zum Ostfußball.

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Leipzig. Zum letzten Spieltag im Jahr 2020 wäre die BSG Chemie an diesem Wochenende als Gast bei der VSG Altglienicke im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark im Prenzlauer Berg angetreten. Die Ansetzung war in der vergangenen Saison bereits als Abschiedsspiel des Stadions geplant und fand bekanntermaßen ebenfalls nicht statt. Allerdings verlängerte der Berliner Senat die Betriebsgenehmigung bis Ende 2020 für die Heimspielstätte der Regionalligisten BFC Dynamo und VSG Altglienicke. Das letzte Spiel bestritt die VSG gegen den FC Carl Zeiss Jena am ersten Novemberwochenende und gewann 5:2. Eine Woche zuvor besiegte der BFC den SV Lichtenberg 47 hier mit 3:0.

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Bund Deutscher Architekten fordert Stopp der Abrisspläne

Bereits im Sommer gab es viele Debatten um den vom Senat angestrebten Abriss zu Gunsten eines neu zu bauenden Inklusionsstadions im Wert von 195 Millionen Euro. Allein für den Abriss sind 14 Millionen Euro veranschlagt. Die Initiative BürgerJahnSportpark wehrt sich gegen die Pläne und fordert statt dessen ein geordnetes Verfahren für einen Umbau. Denn ohne einen konkreten Entwurf für ein zukünftiges Stadion scheint der Abriss einer vorhandenen Sportstätte auch angesichts der dabei entstehenden Kosten keinesfalls sinnvoll. Die Initiative schlägt dem Senat das Motto "Erst planen, dann bauen" im Hinblick auf das Areal vor.

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Auch der Bund Deutscher Architekten (BDA), Landesverband Berlin, und der Bund Deutscher Landschaftsarchitekten, Landesgruppe Berlin-Brandenburg, forderte im Sommer einen Stopp der Abrisspläne. Der BDA hob zudem die besondere architektonische Bedeutung der 1987 errichteten Tribüne hervor. Zum 750. Geburtstag der Stadt Berlin wurde hier ein DDR-typischer Funktionsbau mit Glasfassade in roter Vereinsfarbe mit strengen weißen vertikalen Rastern geschaffen. Er unterscheidet sich sowohl in seiner Fassadengestaltung als auch Form so grundlegend von zeitgenössischen Glasfassadensportstätten, dass es heute nicht mehr nachvollziehbar ist dieses Zeitzeugnis abzureißen. Die Tribüne samt geschwungenem Dach und den Flutlichtmasten symbolisieren DDR-Funktionsbauten und sollten deshalb so nahe am Mauerpark erhalten bleiben. Zudem zitiert die Dachzone der nahe gelegenen Max-Schmeling-Halle die Dachkonstruktion vom Jahnsportpark.

Betriebsgenehmigung nicht verlängert

Weder die Bürgerinitiative noch der BDA wollen DDR-Reste einmotten, sondern in einem Werkstattverfahren die Möglichkeiten des Umbaus und der Sanierung mit Bürgerbeteiligung planen. Dazu gehört auch, dass auf dem Gebiet des Jahnsportparks über die Bebauung nachgedacht werden soll. Es existieren Pläne für weitere Sporthallen, einen Büroturm, eine Polizeiwache und ein Parkhaus. Hier zeigt sich, dass die vormals relativ großzügigen Sportvereinsareale in wachsenden Städten heute durchaus in Frage gestellt werden.


Während nun der Spielbetrieb der beiden hier ansässigen Regionalligisten seit dem 3. November ruht, ringt die Bürgerinitiative um Beteiligung an den Verfahren - wie etwa die Teilnahme an städtebaulichen Werkstattverfahren und der Frage, was vom heutigen Stadion erhalten bleiben kann. Der Abriss ist immerhin erst einmal vom Tisch, der geplante Umbau wird für 2022 anvisiert.

Derweil hat der Senat die Betriebsgenehmigung nicht verlängert. Das Stadion steht lediglich für den Trainingsbetrieb und den Schulsport bereit. Altglienicke wird seine Gäste künftig im Amateurstadion auf dem Olympiagelände im tiefen Berliner Westen empfangen. Der BFC läuft im Sportforum Hohenschönhausen auf.