09. November 2019 / 08:16 Uhr

BSG Chemie-Ikone, Pulverkopp und Kopfball-Monster Dieter Scherbarth feiert 80. Geburtstag

BSG Chemie-Ikone, Pulverkopp und Kopfball-Monster Dieter Scherbarth feiert 80. Geburtstag

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Fußball - Regionalliga - Zentralstadion Leipzig - FC Sachsen Leipzig - 1. FC Dynamo Dresden 1:3 - vor dem Punktspiel wurde die Meistermannschaft von Chemie Leipzig aus dem Jahr 1964 geehrt - hier FCS - Präsident Christian Rocca (rechts) bei Dr. Bernd Bauchspieß - links: Dieter Scherbarth Foto: Klaus-Dieter Gloger
Die Meistermannschaft von Chemie Leipzig aus dem Jahr 1964 wurde geehrt. Sachsen Leipzigs Präsident Christian Rocca (rechts) bei Dr. Bernd Bauchspieß - links: Dieter Scherbarth © Klaus-Dieter Gloger
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Es war die Leipziger Volkszeitung, die dem Stürmer der BSG Chemie „charakterliche Schwächen“ vorwarf, weil er im Spiel gegen Steinach 1964 den gegnerischen Torwart verletzte. Es waren die Fans, die ihn abgöttisch liebten, weil er sich und andere nie schonte. Dieter Scherbarth war eine echte Ikone des Leipziger Fußballs und feiert nun seinen 80. Geburtstag.

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Es ist das Jahr 1964. Vor einem halben Jahr hatten Partei- und Fußballfunktionäre mal wieder den Leipziger Fußball umgekrempelt. Der SC Leipzig sollte meisterwürdig aufgerüstet werden, mit dem Rest der Spieler musste man irgendwohin. Also gab man Chemie die Oberligazugehörigkeit zurück, die man neun Jahre zuvor, 1954, dem damaligen Vizemeister BSG Chemie, einfach genommen hatte. Da dieser unterschätzte Haufen aber ganz und gar nicht tat, was man von ihm erwartete, und sogar an der Spitze mitspielte, wurden Angriffspunkte gesucht. Das Spiel gegen Motor Steinach steht an. In der 20. Minute prallt Mittelstürmer Scherbarth mit Gäste-Torwart Heinzel zusammen. Mit Gesichtsverletzungen scheidet der Hüter aus, Steinach muss zu zehnt weiterspielen, Auswechslungen gibt es damals nicht, verliert 0:3. Über Chemie bricht ein Sturm der Entrüstung herein, in dessen Mittelpunkt „Schere“ steht. Vor allem die sozialistische Einheits-Presse lässt sich am Stürmer aus, der Deutsche Fernsehfunk sendet empörte Kommentare. Auch die enorme Lärmkulisse in Leutzsch wird als „unsozialistisch“ aufs Korn genommen – ein konzertierter Angriff auf den ungeliebten Außenseiter. Doch Chemie und Scherbarth bleiben gelassen, setzen ihre sensationelle Serie fort und werden DDR-Meister. Bis 1976 kickt der Stürmer bei Chemie, bestreitet 600 Spiele, wird zur Ikone und wird in eigenen Liedern von den Fans gefeiert. „Oh mein Schere schieß noch eins“ ist ein Evergreen auf den Tribünen.

Torjäger mit Sprungkraft

Beliebt ist er wegen seiner Tore, berühmt war seine Sprungkraft. Auf vielen zeitgenössischen Fotos ist zu sehen, wie er beim Sprung mit seinem Kopf in Höhe der Hände des gegnerischen Torwarts agiert. Aber er war auch impulsiv und aufbrausend. „Die Schere war ein Pulverkopp“, schmunzelt Sturmkollege Wolfgang Behla (81), und Manfred Walter (82) pflichtet ihm bei: „Der hatte immer mal ne Zwangspause wegen jugendlichen Übermutes“. Zwei drastische Sperren aus seiner Zeit beim SC Lok belegen dies. Schere sieht das heute auch eher selbstkritisch: „Ich habe durch meinen enormen Ehrgeiz sicher auch manchmal übertrieben“, bekennt er. Er schonte weder den Gegner noch sich selbst. Als Chemie 1974/75 in die Liga abstieg, erklärte der damals 35-Jährige: „Ich habe die Karre mit in den Dreck gefahren, jetzt ziehe ich sie auch wieder mit heraus!“ Kult-Schriftsteller Erich Loest, selbst Chemie-Fan, schreibt in seinem Roman „Es geht seinen Gang“ über Scherbarth: „Chemie war aufgestiegen und wollte künftig ohne Schere spielen – wetten: wenn Chemie nach fünf Spielen im Keller steckte, wankte Schere nach der Halbzeit an Krücken rein?“

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Scherbarth kickte erst mit 12 Jahren

Erst mit 12 Jahren hatte Scherbarth, geboren in Schlesien, überhaupt mit Fußball begonnen, und gemeinsam mit Werner Gase fragte er 1954 beim SC Lok an, ob sie dort spielen dürften. Drei Jahre später waren die Jungs bereits DDR-Juniorenmeister mit dem SC Lok, und im gleichen Jahr rückte „Schere“ in die erste Mannschaft auf. Alfred Kunze funktionierte den Mittelverteidiger, wie der Stopper damals hieß, zum Stürmer um – mit Riesenerfolg. Nach Beendigung seiner großartigen Karriere kickte er ein Jahr in der 2. Mannschaft und ging dann als Spielertrainer nach Rackwitz, coachte später noch Engelsdorf, Lippendorf und TuB, spielte bis 2002 bei den Alten Herren Markkleeberg und beendete nach genau 50 Jahren seine fußballerische Karriere. Später reiste er mit seiner Christine durch die Welt, radelte und wanderte durch Leipzig und Umgebung. Bescheiden wehrte er jegliche Art von Huldigung immer ab, er mochte nie im Mittelpunkt stehen. Seine BSG Chemie hat er indes nie verlassen. Bei beinahe jedem Spiel ist er anwesend. Und so nimmt es nicht Wunder, dass er auch seinen 80. Ehrentag in Leipzig-Leutzsch begeht – beim Spiel der BSG gegen Meuselwitz.

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