08. Dezember 2018 / 09:11 Uhr

BSG Chemie Leipzig: Grün-Weißes Fühlen auf 660 Seiten

BSG Chemie Leipzig: Grün-Weißes Fühlen auf 660 Seiten

Dominic Welters
Leipziger Volkszeitung
Der Leutzscher Edelfan Jens Fuge mit seinem neuen Buch „Du bist der Schrecken aller Klassen – Chemie Leipzig und seine Fans (Band III)“
Der Leutzscher Edelfan Jens Fuge mit seinem neuen Buch „Du bist der Schrecken aller Klassen – Chemie Leipzig und seine Fans (Band III)“ © Andre Kempner
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Autor Jens Fuge bringt Band III von „Chemie Leipzig und seine Fans“ unters Fußball-Volk. Damit ist die Trilogie jetzt komplett . 

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Leipzig. Es ist vollbracht: Der Leipziger Journalist und Autor Jens Fuge hat mit „Du bist der Schrecken aller Klassen – Chemie Leipzig und seine Fans (Band III)“ das Runde ins Eckige befördert und seine 2016 begonnene Trilogie zu einem fulminanten Abschluss gebracht. Wie schon in den beiden vorangegangenen Liebeserklärungen an alle Menschen grün-weißen Fühlens und Handelns dürften Fuge und sein Co-Autor Ray Schneider auch diesmal nichts ausgelassen haben, was es an Geschichten rund um ihren Klub der Klubs zu erzählen gibt. Herausgekommen ist einmal mehr ein Beleg für die Detailversessenheit des Duos.

Was Leipzig-Leutzsch und den besonderen Geist der Gemeinde vom Georg-Schwarz-Alfred-Kunze-Sportpark ausmachte und -macht, steht auf 660 Seiten, ist auf Hunderten von Fotos dokumentiert. Zu bewältigen hatte Fuge dabei so einiges – auch etliches Ungemach. Seit der Friedlichen Revolution im Herbst 1989 kam nicht nur eine Wende über Chemie. Es begann die Zeit, da viele, viele vermeintliche Heilsbringer vor den Dammsitz traten und blühende Landschaften versprachen. Ihnen folgten fast so viele Insolvenzverwalter. Spätestens mit dem Umzug ins Zentralstadion zeichnete sich der Untergang des FC Sachsen ab. Das Sterben jener Eintracht, die das Fan-Volk jahrzehntelang ausgezeichnet und berühmt gemacht hatte, war da schon im Gange. Erst schleichend leise, dann rasend laut. Die Verrohung der Sitten auf den Rängen nahm Überhand. Die alten Chemiker, für die die Wunderelf von 1964 die Basis ihres Lebens darstellte, litten unter einer subtilen Identitätskrise. Fuge spricht von „einer Phase der Orientierungslosigkeit in Gesellschaft und Verein“. Nur eins einte alle – „die Frage, wie wir in diesem neuen System bestehen“.

Seit einigen Jahren fester Bestandteil eines Kicks im Alfred-Kunze-Sportpark: die Choreo vor Spielbeginn. 
Seit einigen Jahren fester Bestandteil eines Kicks im Alfred-Kunze-Sportpark: die Choreo vor Spielbeginn.  © Andre Kempner
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Da auch Band III vor allem von den Erinnerungen derer lebt, die am Kassenhäuschen brav Eintritt zahl(t)en und keine Kosten und Mühen scheu(t)en, zu Auswärtsspielen zu reisen, ist das neue Werk von Fuge/Schneider ein zutiefst ehrliches Buch. Das Kapitel über die neonazistische Szene, die sich bald nach dem Ende der DDR im Leipziger Westen breitmachte, außen Grün-Weiß und innen Braun trug, darf da nicht fehlen. Tut es ebenso wenig wie die Betrachtung zum innerbetrieblichen Ringen, das daraufhin folgte. Die, die einst dem „Zeckenblock“ angehörten, stellten sich dem Rechtsruck entgegen. Nach und nach erlangte Chemie, allen voran die wiederauferstandene Betriebssportgemeinschaft (BSG), das Image eines linken Vereins. Auch dieser Entwicklung spürt der Mittfünfziger Fuge schnörkellos nach. Die nachhaltige Präsenz der Diablos ab 2000 und das Wirken der Ultras als Retter der Leutzscher Bewegung werden ausführlich reflektiert – und gewürdigt. „Diablos: Ultras machen Geschichte“ lautet denn auch eine Kapitelüberschrift. Zeitzeugen schildern minutiös, wie die BSG ab 2011 wieder salonfähig wurde. Sie berichten von einem neuen Wir-Gefühl und von einer Renaissance der Jugend auf den Rängen. Dass mit Dietmar Demuth gerade ein Trainer gewippt wurde, der trotz seiner unterkühlten Art diese und andere Emotionen bedienen konnte, dürfte einigen nicht schmecken.

Fanmarsch durch Leipzig vor dem Derby der zweiten Mannschaft des FC Sachsen gegen Lok im Herbst 2007.
Fanmarsch durch Leipzig vor dem Derby der zweiten Mannschaft des FC Sachsen gegen Lok im Herbst 2007. © Jens Fuge

Was in Band III der Hommage an Leutzsch und seine (Edel-)Fans nicht außer acht gelassen werden konnte: der Tod von BFC-Anhänger Mike Polley im November 1990 und die auf Ewigkeit geteilte Fußball-Stadt Leipzig. Im Trauer-Fall eins hat Fuge Fotos aufgespürt, die zuvor noch keine Zeitung und noch kein Buch sahen – die „des Fußballs dunkelstes Kapitel“ (Zitat) aber nicht leichter verdaulich machen. Tief Luft geholt wird beim Thema Dauer-Krieg zwischen Chemie und Lok. Manche Passagen, in denen sich die grün-weiße Seele in allen Einzelheiten ergießt, hätte es nicht gebraucht. Aber so sind sie halt, die Fußball-Verrückten von der Pleiße. Nichts und niemand wird sie versöhnen.

Auch wenn der Slogan „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“ im Alfred-Kunze-Sportpark seit Juni 2016 tabu ist (was Co-Autor Schneider zu einer bemerkenswerten Analyse des Verhältnisses von Politik und Chemie veranlasste): Am Ende des dicken Wälzers ist der Grundton ein optimistischer. Muss er auch sein, denn eins zeichnet den wahren Fan nun mal aus: Ihm ist Treue heilig.

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