21. Januar 2020 / 08:09 Uhr

BSG-Chemie-Legende Rainer Baumann feiert 90. Geburtstag

BSG-Chemie-Legende Rainer Baumann feiert 90. Geburtstag

Winfried Wächter
SPORTBUZZER-Nutzer
Rainer Baumann mit den Utensilien seiner sportlichen Leidenschaft: Einem Tennis- und einem Fußball USER-BEITRAG
Rainer Baumann mit den Utensilien seiner sportlichen Leidenschaft: Einem Tennis- und einem Fußball © Archiv
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Die kickende „Röhre“ aus Altenburg blickt auf ein bewegtes Fußballerleben zurück. Auf Mitspieler Walter Rose, auf ein rappelvolles Zentralstadion, auf die vielen Umstrukturierungen in der DDR. Außerdem verfolgt Jubilar Rainer Baumann seinen Sport weiterhin mit großem Interesse: „Der Videobeweis und ich werden wahrscheinlich keine Freunde mehr.“

Leipzig. So richtig gut war der Pass nicht, das gibt Rainer Baumann zu. Entsprechend fiel die Reaktion seines Mitspielers aus, nachdem der mit großer Mühe den Ball unter Kontrolle gebracht hatte. Kurz danach sendete Walter Rose, er hatte das schwierige Zuspiel erhalten, dem Passgeber eine klare Botschaft: „Mach’ dich wieder heeme nach Altenburg.“

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Von dort war Baumann im Sommer 1951 als 21-Jähriger zu Chemie Leipzig gekommen, als die Leutzscher gerade die DDR-Meisterschaft gewonnen hatten. Heute wird er 90 und kann sich noch gut an vieles aus dieser aufregenden Zeit erinnern. An seine Anfänge in Altenburg, an seinen dortigen Einstand in der DDR-Oberliga mit 19 Jahren und eben an Roses Hinweis. Baumann weiß nicht mehr, in welchem Spiel er den weniger guten Pass gespielt hatte, aber noch sehr gut, dass es besser war, es sich nicht mit Rose zu verscherzen. „Er war eine Galionsfigur in der Mannschaft“, so Baumann.

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Der SC Lok und Rotation Leipzig im Zentralstadion vor dem Derby 1956 Zur Galerie
Der SC Lok und Rotation Leipzig im Zentralstadion vor dem Derby 1956 ©

Roses Autorität rührte auch daher, dass er 1937 unter Sepp Herberger ein Länderspiel für Deutschland bestritten hatte. Seine Ansagen seien immer kurz, aber deutlich gewesen. Wenn Baumann heute Marco Rose am Fernseher erlebt, entdeckt er beim Cheftrainer der Gladbacher sehr viele Ähnlichkeiten zu dessen Opa, Baumanns ehemaligen Chemie-Mitspieler. „Da sind die Gestik, offenbar nicht viele Worte und die Ruhe, die er auf seine Mannschaft überträgt. Genau wie Walter.“

Dessen Aufforderung, Leipzig wieder den Rücken zu kehren, folgte Baumann bekanntlich nicht. Wobei sich Rose nach dem Spiel dafür auch entschuldigte. „Mit einer brummigen Bemerkung, die kaum zu verstehen war.“

Chemie war beliebtester Verein

Baumann blieb also und prägte den Leipziger Fußball viele Jahre lang, erlebte die Merkwürdigkeiten der DDR-Sportpolitik hautnah und heute unvorstellbar erscheinende Zuschauerkulissen. Der Mittelfeldakteur mit dem Spitznamen „Röhre“ bestritt am 26. August 1951 seine erste Partie für Chemie im Bruno-Plache-Stadion in Probstheida in einem Freundschaftsspiel gegen den Hamburger SV – 70 000 Fans erlebten das 2:2. Der heimische Georg-Schwarz-Sportpark war von vornherein als zu klein angesehen worden, daher der Umzug.

Ab Dezember 1952, also mitten in der Saison, wechselten Baumann und andere Chemie-Spieler zu Vorwärts Leipzig. Die Armee-Vereinigung wollte unbedingt eine schlagkräftige Mannschaft bilden, erreichte das Ziel aber nicht. Baumann und andere wurden im Jahr danach zu Vorwärts Berlin geschickt. Der ehemalige Altenburger war frustriert, dazu trug auch ein Zusammenstoß mit einem General während einer Reise in die Sowjetunion bei und erklärte, nicht mehr für Vorwärts spielen zu wollen. Ergebnis: Er wurde ein Jahr gesperrt. „Eine unruhige und unschöne Zeit“, so Baumann.


Nach der unfreiwilligen Pause spielte er ab 1955 für SC Lok Leipzig, der nichts mit dem späteren 1. FC Lok zu tun hat. Bei der Neuordnung des DDR-Fußballs 1954 war die BSG Chemie nicht berücksichtigt worden, trotz der riesigen Fangemeinde und des Meistertitels von 1951. „Chemie war der beliebteste Verein, das war überall zu spüren“, sagt Baumann. Die Chemie-Spieler sollten sich entweder Chemie Halle oder eben dem SC Lok anschließen, die Entscheidung fiel zugunsten des Leipziger Vereins aus. Die Strukturveränderungen hatten auch andere getroffen, so war Empor Lauter aus dem Erzgebirge zu Empor Rostock in den Norden und die Mannschaft von Dynamo Dresden zu Dynamo Berlin verlegt worden.

Weitere Legenden der BSG Chemie

In seiner Zeit als Lok-Spieler erlebte Baumann am 9. September 1956 einen großen Tag. Er führte sein Team im Ortsderby gegen den SC Rotation Leipzig (Vorgänger des FC Lok) als Kapitän in das ausverkaufte Zentralstadion und zum 2:1-Sieg. 100 000 saßen auf den Rängen. Diese Kulisse gilt als deutscher Besucherrekord für ein Punktspiel und dürfte es auch bleiben. Der zweimalige Nationalspieler war auch wenige Wochen später Augenzeuge, als am 6. Oktober sogar fast 120 000 Zuschauer an gleicher Stelle das Spiel zwischen Wismut Karl-Marx-Stadt, der seinen Sitz in Aue hatte, und dem 1. FC Kaiserslautern verfolgten. Fritz Walter, Kapitän der deutschen Weltmeister von 1954, hatte an diesem Abend sein unvergessenes Hackentor zum zwischenzeitlichen 3:1 für die Pfälzer (Endstand 5:3) erzielt. „Die Zuschauer waren aus dem Häuschen, es war ohnehin eine freundschaftliche Atmosphäre auf den Rängen, weil alle vor allem die westdeutschen Spieler sehen wollten“, erinnert sich Baumann. „Beim Ortsderby war das anders, da gab es zwei Parteien.“ 1957 gelang dem SC Lok mit dem Triumph im FDGB-Pokal der größte Erfolg.

Jeder wusste, dass Kunze ein Trainerfuchs war

„In unserer Mannschaft hat es einfach gestimmt, der Chemie-Geist wirkte fort, der Zusammenhalt stand über allem“, schwärmt Baumann und erzählt von der Mannschaftskapelle mit ihm als Sänger und Schlagzeuger, Rudi Krause am Bass, Gerhard Helbig mit dem Akkordeon und Günter Busch am Klavier. Eine besondere Freundschaft pflegte er zu Torhüter Busch. „Wir lagen auf einer Wellenlänge und hatten einfach die gleichen Interessen.“

1963, als der DDR-Fußball wieder neu geordnet wurde, der SC Lok und der SC Rotation im SC Leipzig verschmolzen und sich die für das neue Leistungszentrum nicht gut genug befundenen Spieler der BSG Chemie anschlossen, beendete Baumann seine Laufbahn. Die folgende Spielzeit schloss Chemie bekanntlich nahezu sensationell als Meister ab. „Ich kann nicht sagen, dass ich das vorausgesehen hätte“, sagt Baumann. „Aber dass sich in Leutzsch eine sehr gute Mannschaft gefunden hatte und mit Alfred Kunze ein Trainerfuchs arbeitete, das wusste jeder.“

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01.12.1984: Oberligaderby zwischen dem 1. FC Lok Leipzig und der BSG Chemie Leipzig. Endstand 4:0. Im Bild: P. Schöne. Zur Galerie
01.12.1984: Oberligaderby zwischen dem 1. FC Lok Leipzig und der BSG Chemie Leipzig. Endstand 4:0. Im Bild: P. Schöne. © LVZ

Baumann hatte zeitweise die Seiten gewechselt, wurde Journalist, arbeitete bis 1990 als Chefredakteur der wissenschaftlichen Zeitschrift Theorie und Praxis der Körperkultur und als Autor für die Fußballwoche, das Sportecho und die Leipziger Volkszeitung. Als Trainer sprang er auch ein, unter anderem für die Bezirksauswahl der B-Jugend, mit der er Ende der 60-er Jahre den Spartakiadesieg in Berlin holte. Wolfgang Altmann, der später für Chemie und Lok spielte, gehörte zu den von Baumann und Gunter Böhme betreuten Jungs. „Mit Rainer hat es viel Spaß gemacht, er fand immer die richtigen Worte“, sagt er.

Für Baumann wurden die Bälle später kleiner. Tennis war seine zweite Leidenschaft, bei der SG LVB – dort betreute er zeitweise auch die Fußballer – fungierte er als Übungsleiter und Funktionär. Beide Sportarten verfolgt er nach wie vor mit großem Interesse. „Alles ist viel, viel schneller als zu unserer Zeit geworden, aber manche Entwicklung stört mich auch“, fasst er zusammen. „Der Fußball-Videobeweis und ich werden wahrscheinlich keine Freunde mehr.“