04. November 2020 / 14:07 Uhr

BSG Chemie zwischen Baum und Borke: Corona-Regeln spalten Team in drei Teile

BSG Chemie zwischen Baum und Borke: Corona-Regeln spalten Team in drei Teile

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Chemies sportlicher Leiter Andy Müller-Papra (l.) und Club-Präsident Frank Kühne sitzen in Sachen Corona zwischen allen Stühlen.
Chemies sportlicher Leiter Andy Müller-Papra (l.) und Club-Präsident Frank Kühne sitzen in Sachen Corona zwischen allen Stühlen. © imago images / opokupix
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Der Chemnitzer FC darf trainieren, Viktoria Berlin auch. Bei der BSG Chemie Leipzig ruht der Ball, und zwar auch, weil die Lage in Leutzsch ein wenig unübersichtlich ist. Denn eine Ausnahme vom Trainingsverbot für Mannschaftssportarten lässt Sachsen nur für Profis zu. Doch nur ein Teil des Teams von Coach Miroslav Jagatic verdient seinen Lebensunterhalt hauptsächlich auf dem Rasen.

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Leipzig. Die neuen Regelungen zum Corona-Lockdown führen zu Streit in der Regionalliga Nordost. Während immer mehr Vereine den Profistatus für sich in Anspruch nehmen, um wenigstens das Training aufrecht zu erhalten, wartet die BSG Chemie Leipzig ab. Auf den Verband, auf Regelungen, auf Weisungen. Dabei könnten auch die Leutzscher offensiv nach vorn gehen. Denn die Grün-Weißen sind eigentlich kein reiner Amateurverein mehr, befinden sich mit ihrem Status klassisch zwischen Baum und Borke.

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Wer ist Profi, wer nicht und was heißt das fürs Team?

„Die Nutzung der Vereinssportanlage ist gestattet für […] Nutzung durch Sportler, für die ein Arbeitsvertrag besteht (Verpflichtung zu sportlicher Leistung gegen Entgelt) und dies überwiegend zur Sicherung des Lebensunterhaltes dient“, heißt es in dem Pächterbrief, den die Stadt Leipzig am Dienstag an alle Vereine schickte. Darin zitiert die Kommune aus der aktuell gültigen Corona-Schutz-Verordnung des Freistaates Sachsen, die einige Ausnahmen vom strengen Spiel- und Trainingsverbot vorsieht.

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Derzeit geht man in Leutzsch davon aus, dass man überwiegend nicht unter die Sonderregelung für Profis fällt. Denn das Team ist dreigeteilt zwischen Arbeit, Studium und Ausbildung sowie Fußballspielen als Hauptbeschäftigung. Spieler wie Stefan Karau, Benjamin Bellot, Benny Boltze, Andy Wendschuch, Manuel Wajer und Philipp Wendt arbeiten tagsüber voll. Viele Kicker studieren, so wie Florian Kirstein, Florian Schmidt, Alexander Bury, Benjamin Schmidt und Tarik Reinhard oder befinden sich in Ausbildung wie Stephane Mvibudulu, Max Kessler oder Benjamin Luis – man könnte mutmaßen, dass deren Haupteinkünfte zumindest mehrheitlich vom Fußball kommen.

Andere leben nur vom Fußball – bescheiden, aber auch in der Hoffnung eines sportlichen Aufstiegs. Dies betrifft Burim Halili, Morgan Fassbender, Tomas Petracek - andere wiederum müssen zusätzlich jobben gehen wie Lucas Surek (Fitnesstudio) oder Björn Nikolajewski. Der 19-Jährige arbeitet normalerweise nebenher als Gärtner in der Sachsentherme in Paunsdorf und kümmert sich um die vielen Pflanzen im Haus. Jetzt wurde geschlossen, der gebürtige Berliner hat also den ganzen Tag Zeit: „Schön ist es nicht, aber ich nutze die Zeit, so gut es geht“. Er räumt zu Hause ein bisschen auf, kocht wie zuletzt Nudelauflauf mit Lachs und geht joggen.

Was wird aus den Nachholespielen?

Was passiert also, wenn geschätzt zwei Drittel der Spieler ihre Haupteinnahmen durch den Sport generieren? Dürfen diese Kicker trainieren und die anderen nicht? Eine verworrene und unübersichtliche Sachlage.

„Allein trainieren ist nicht so einfach, aber nach ein paar Tagen hat man sich dran gewöhnt“, sagt Kapitän Stefan Karau, der vor der Haustür eine schöne Laufstrecke hat, Kraft- und Stabilitätsübungen absolviert und auch die Dehnung nicht zu kurz kommen lässt. „Die Familie freut sich, da wir mehr Zeit zusammen verbringen, aber alle vermissen die Spiele, da hier alle fußballverrückt sind“, meint der „Capitano“, der für dieses Jahr keine Partie mehr erwartet. „Ich hoffe aber, dass es spätestens im Januar wieder losgeht“.

Träfe das ein, dürfte man auf den Spielplan gespannt sein. Immerhin wären in diesem Fall sechs Punktspiele und mindestens ein Pokalspiel nachzuholen – im ohnehin engen Terminplan kaum vorstellbar. Vielleicht kommt aber auch alles anders und Chemie tritt zeitnah wieder als Team ins Training ein – alles eine Frage der Definition. Und natürlich der Gesundheit.