11. Januar 2021 / 20:31 Uhr

BSK Seelze-Gründer Arthur Mattheis: Der Mann mit dem Feuer in den Fäusten

BSK Seelze-Gründer Arthur Mattheis: Der Mann mit dem Feuer in den Fäusten

Nicola Wehrbein
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Mister BSK: Arthur Mattheis ist Vorsitzender, Trainer und Macher des Seelzer Boxklubs.
Mister BSK: Arthur Mattheis ist Vorsitzender, Trainer und Macher des Seelzer Boxklubs. © Thomas Bach
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Mister BSK im Porträt: Arthur Mattheis ist Vorsitzender, Trainer und Macher des Seelzer Boxklubs. 2000 gründete der heute 59-Jährige den Box-Sport-Klub Hannover-Seelze. Über die Jahre machte er Seelze zu einer Topadresse im deutschen Boxsport – und gibt das weiter, was er einst in der Boxhalle erfahren durfte: Menschlichkeit.

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„Zum Boxen hat mich mein Leben geführt.“ Arthur Mat­theis ist Anfang der 60er-Jahre als Sohn deutscher Eltern und mittleres von fünf Kindern in Kirgisistan aufgewachsen. Sein erster Kampf begann lange bevor er einen Boxring betrat. Wegen seiner deutschen Wurzeln wurde er von einigen Jungs aus der Nachbarschaft und Mitschülern gemobbt und drangsaliert. „Ich habe mich immer gewehrt. Mut hatte ich“, sagt Mattheis, der als Neunjähriger erstmals eine Boxhalle betrat. „Am Anfang war da nur der eine Gedanke: Ich wollte lernen, mich richtig zu verteidigen. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass Boxen eine wunderbare Sportart und eine Schule fürs Leben ist.“

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„In Deutschland hat mich keiner geschlagen“

Mattheis’ sportliche Vita liest sich wie ein Boxmärchen. Er gewann sieben Meistertitel in Kirgisistan und wurde sowjetischer Militärmeister. Später boxte er für den PSV Hannover und gab in fünf Jahren Bundesliga keinen Kampf ab. Überdies holte er noch einen deutschen Meistertitel. „In Deutschland hat mich keiner geschlagen“, sagt der Diplom-Sportlehrer und lächelt verschmitzt.

Trainer Arthur Mattheis mit seinem Schützling Angelo Welp beim Kampf gegen BV Weimar.
Trainer Arthur Mattheis mit seinem Schützling Angelo Welp beim Kampf gegen BV Weimar. © Christian Hanke

Als aktiver Boxer hat sich Mat­theis einen Namen gemacht, bekannt ist er vielen jedoch in erster Linie als Vorsitzender, Trainer und (Meister-)Macher des Box-Sport-Klub Hannover-Seelze (BSK). Im Jahr 2000 hat er den Verein gegründet, seither ging es steil bergauf. Zu den Heimkämpfen der Bundesliga-Boxer kommen im Schnitt 750 Fans, Mat­theis ist an diesen Abenden Trainer, Motivator und Entertainer zugleich. Wenn das blau-rote Neonlicht aus den Scheinwerfern strahlt, die Nebelmaschine Schleierschwaden um die Sportler und das Publikum legt und er sein „Let’s get ready to rumble!“ brüllt, hält es die Zuschauer nicht mehr auf den Stühlen. Nicht zu fassen, dass dieser energiegeladene Mann mit dem Feuer in den Fäusten 59 Jahre alt ist.

„Was für eine Geschichte“

„Meine Güte, wir sind voll durchgestartet. Was für eine Geschichte“, sagt der BSK-Macher. Ein bisschen scheint es, als könne Mat­theis selbst kaum glauben, was er da auf die Beine gestellt hat. Ein kleiner Verein aus Seelze, der die Boxwelt im Sturm erobert hat. „In den Anfangsjahren stiegen unsere Boxer für andere Klubs zu Ligakämpfen in den Ring, bevor wir mit einem eigenen Team in der Oberliga angetreten sind und auf Anhieb Meister wurden“, erzählt Mat­theis. Oberligameister, fünf Jahre in Serie die klare Nummer eins der 2. Bundesliga, der Sprung ins Box-Oberhaus, gekrönt mit dem deutschen Meistertitel in der Saison 2017/2018 – der BSK ist einer der bestorganisierten und erfolgreichsten Klubs in Deutschland. Mat­theis, der im Hauptberuf als Sozialarbeiter für die Obentrautstadt Seelze tätig ist, hat dort eine Menge bewegt – und damit auf seine Art ein Stück weit etwas zurückgegeben.

In Seelze mit offenen Armen empfangen worden

„Am 26. August 1988 sind wir aus Kirgisistan mit Sack und Pack in Frankfurt gelandet, von dort ging es direkt nach Friedland. Seelze war unser erster Ort. Wir sind hier mit offenen Armen empfangen worden, das hat mich überwältigt. Alle waren so freundlich und hilfsbereit. Schon damals habe ich gesagt, dass Seelze meine Heimatstadt ist.“ Schnell reifte in ihm der Wunsch, hier irgendwann einmal einen Boxverein zu gründen. „Ich wollte zeigen, was ich kann und meine Erfahrungen weitergeben“, sagt der 59-Jährige. Doch zunächst fand der gelernte Elektroschweißer Arbeit bei einem Betrieb in Hannover und boxte im Dress des Polizei-Sport-Vereins. Nach dem Ende seiner aktiven Karriere machte Mat­theis beim TuS Seelze eine Boxsportabteilung auf, der Umsetzung seiner ehrgeizigen sportlichen Ziele blieben dabei Grenzen gesetzt. Deshalb holte er zum großen Schlag aus: der Gründung des BSK Seelze.

„Der Sport vereint“

Mattheis’ Leben wäre ohne Frage völlig anders verlaufen, wenn er nicht vor mehr als 50 Jahren allen Mut zusammengenommen und die Boxhalle des örtlichen Klubs in Kirgisistan betreten hätte. „Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment. Der Trainer rief „aufstellen“, und sofort standen alle diszipliniert in Reih und Glied, bestimmt 40 Leute. Er stellte mich als den Neuen vor, und die anderen nahmen mich ohne Vorbehalte in ihrer Mitte auf. Diese Szene hat sich mir eingebrannt. Der Sport vereint, in der Halle sind alle gleich. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich war glücklich.“

Wertvolle Erfahrungen und Werte

Dass er sich mit viel Fleiß, einem unbändigen Willen und seiner positiven Besessenheit bis an die Spitze durchgeboxt hat, ist die eine schöne und beeindruckende Seite der Geschichte. Mindestens ebenso wertvoll sind die Erfahrungen und Werte, die er vermittelt bekommen hat: „Ich habe durch das Boxen an Stärke, Selbstbewusstsein und Sicherheit gewonnen. Und das Vertrauen entwickelt, dass ich schaffen kann, was ich mir vornehme. Erkannt, wie wichtig es ist, erst zu überlegen und dann zu handeln. Der Sport schenkt familiäre Gemeinschaft und lehrt einen alles, was es braucht, um sich im Leben durchzusetzen.“

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Soziale Aspekte im Vordergrund

Corona hat auch die Boxer des BSK Hannover-Seelze komplett außer Gefecht gesetzt. Die Trainingsstätte an der Beethovenstraße ist verwaist. Dass die Bundesliga-Saison bis Ende Februar starten kann, ist nach Stand der Dinge wenig wahrscheinlich. Im Gespräch ist eine verkürzte Form, womöglich eine Art Ligapokal im K.-o.-System. „Hauptsache, wir können wieder trainieren. Das ist wichtig, um die Jungs bei der Stange zu halten.“

„Wenn sie durch das Boxen ihren Weg im Leben finden, ist das der größte Erfolg.“

Rund 300 Mitglieder hat der Box-Sport-Klub, weit mehr als die Hälfte sind Kinder und Jugendliche. Der Nachwuchs liegt Mat­theis besonders am Herzen. Seine jungen Talente sammeln Titel um Titel: Niedersachsenmeister, norddeutsche Meister und deutsche Meister. Doch dem 59-Jährigen ging es nie allein um sportliche Lorbeeren, sondern stets auch um integrative und soziale Aspekte. „Kinder aus zig unterschiedlichen Nationalitäten steigen bei uns in den Ring. Hier wird nicht über Inklusion geredet, sie wird ganz selbstverständlich gelebt. Die Kinder lernen bei uns Disziplin, Respekt sowie den fairen Umgang untereinander und reifen in ihrer Persönlichkeit. Aus vielen Jungs, die ich hatte, ist auch beruflich etwas geworden. Wenn sie durch das Boxen ihren Weg im Leben finden, ist das der größte Erfolg.“ Mat­theis gibt das weiter, was er einst in der Boxhalle erfahren durfte: Menschlichkeit.