24. September 2020 / 15:45 Uhr

Neuer Chef für Brandenburgs Schwimm-Leistungssportler, Zukunft von Jörg Hoffmann ungewiss

Neuer Chef für Brandenburgs Schwimm-Leistungssportler, Zukunft von Jörg Hoffmann ungewiss

Tobias Gutsche
Märkische Allgemeine Zeitung
Seit 2005 betreut Jörg Hoffmann in Potsdam die Spitzengruppe, seit 2018 als offizieller Bundesstützpunkttrainer.
Seit 2005 betreut Jörg Hoffmann in Potsdam die Spitzengruppe, seit 2018 als offizieller Bundesstützpunkttrainer. © Bernd Gartenschläger
Anzeige

Reiner Tylinski übernimmt den Posten als Bundesstützpunktleiter in Potsdam. Jörg Hoffmann verliert damit seine Führungsrolle - und auch die Zukunft von ihm als Trainer am Standort steht zur Disposition. 

Der Schwimm-Bundesstützpunkt (BSP) in Potsdam steht vor einem personellen Umbau. Am Donnerstag gab der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) bekannt, dass zum 1. November Reiner Tylinski den Posten als Bundesstützpunktleiter antritt. Mit dieser in Potsdam neu geschaffenen Funktion erhält der 58-Jährige die organisatorische Gesamtverantwortung für den Standort, hat die Fachaufsicht über alle Trainer und soll die sportartspezifischen Strukturen in Brandenburg weiterentwickeln. Ihm untergeordnet ist auch Jörg Hoffmann.

Anzeige

Der frühere Weltrekordhalter über 1500 Meter Freistil leitet seit 2005 die Spitzengruppe am Luftschiffhafen. Zum Mai 2018 hatte er vom DSV die Stelle des Bundesstützpunkttrainers bekommen, war somit Chef am Standort – nun wird der 50-Jährige also nicht mehr in Leitungsposition sein und steht gar grundsätzlich zur Disposition. Der nationale Verband betont, dass Hoffmanns Vertrag Ende dieses Jahres ausläuft. Möglichkeiten einer weiteren Einbindung von ihm bis zu den auf 2021 verschobenen Olympischen Spielen und darüber hinaus würden aktuell mit den regionalen Partnern abgestimmt, hieß es.

Mehr zum Potsdamer Schwimmsport

„Ich selbst kann mich zur Zukunft nicht äußern. Es laufen Gespräche mit dem Land“, sagte Hoffmann zurückhaltend. In Hinblick auf die Spiele von Tokio, für die sein Schützling Christian Diener heißer Kandidat ist, gab er nur zu Bedenken: „Ich glaube nicht, dass es so prickelnd ist, vier Monate vor der Olympia-Qualifikation einen Trainerwechsel zu vollziehen.“ DSV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen bekräftigt ebenso, dass eine optimale Olympia-Vorbereitung der Bundeskaderathleten „oberste Priorität“ habe. Daher sei man im Austausch mit den Beteiligten, um eine gute Lösung zu finden.

Auf SPORTBUZZER-Nachfrage ist Kritik des DSV an Hoffmanns Arbeit zu vernehmen. Der Potsdamer BSP, einer von fünfen für Beckenschwimmen in Deutschland, verfüge zwar über herausragende Strukturen sowie großes Potenzial. „Wir mussten aber feststellen, dass die Ergebnisse in den zurückliegenden Olympiazyklen nicht unseren Erwartungen entsprochen haben“, teilte der Verband mit. Hoffmann führte bislang drei Athleten (Jaana Ehmcke, Yannick Lebherz, Diener) zu Olympia, Dieners siebter Platz 2016 über 200 Meter Rücken war das beste Resultat. Der gebürtige Cottbuser und der inzwischen vom Leistungssport zurückgetretene Lebherz holten zudem mehrere Medaillen bei Europameisterschaften. Allerdings scheinen es nicht zwingend die Ergebnisse und fachliche Qualität zu sein, weshalb Hoffmann aus der vordersten Reihe gezogen wird. Sondern eine nicht optimale Führung und Entwicklung des Stützpunkts.

Zwist bei Hoffmanns Berufung 2018

Das war bereits im Zuge von seiner Inthronisierung als BSP-Coach heiß diskutiert worden. Nachwuchstrainer am Potsdamer Leistungszentrum lagen mit ihm im Clinch, haderten mit seiner Umgangsart und hatten sich gegen ihn als Chef positioniert. Gestützt wurde das von damaligen Präsidiumsmitgliedern des Brandenburger Schwimmverbands. Es entstand ein Zwist, der hohe Wellen schlug. Denn der zu diesem Zeitpunkt agierende Bundestrainer Henning Lambertz wollte Potsdam nur dann den BSP-Status zuerkennen, wenn Hoffmann dessen leitender Coach wird. Nach vielen Debatten zwischen Hoffmann-Gegnern und -Befürwortern wurde das so durchgesetzt. In der Folge verließen mehrere Top-Talente, ermuntert von ihren Jugendtrainern, den Standort.

Inzwischen hat sich nicht nur die Nachwuchstrainerriege am Luftschiffhafen verändert, sondern auch beim DSV haben andere Akteure das Sagen. Nach dem Rücktritt von Lambertz führen Hannes Vitense (Neckarsulm) als leitender Bundestrainer und Bernd Berkhahn (Magdeburg) als Teamchef die Nationalmannschaft. Sie sind offenbar keine Hoffmann-Fans wie Lambertz.


BSP-Status bis 2024

Bis 2024 wurde unlängst der BSP-Status für Schwimmen in Potsdam verlängert. Fortschritte sollen nun erzielt werden. Als neuer Leiter wolle Tylinski seine Erfahrung aus mehr als 30 Jahren Trainertätigkeit einbringen, sagte der Diplom-Trainer, der mit seinen Sportlern Sara Harstick und Annika Bruhn internationale Erfolge erringen konnte. Er war Landestrainer in Niedersachsen und Württemberg, Nationaltrainer Kuwaits und zuletzt Chefcoach beim SV Waiblingen nahe Stuttgart.

Für den Nachwuchsbereich an der Schwelle zur Erwachsenen-Elitegruppe wird in Potsdam ab Januar außerdem noch eine zuletzt vakante, über den Olympiastützpunkt Brandenburg finanzierte Trainerstelle neu besetzt. Jan Lohaus, bisher in Saarbrücken tätig, übernimmt sie, wie der DSV bekanntgab. Sportdirektor Kurschilgen zeigt sich optimistisch, was die Zukunft des Standorts anbelangt: „Potsdam kann sich jetzt zu einem Exzellenzzentrum im Schwimmsport entwickeln.“ Ob oder inwiefern Potsdams Schwimm-Urgestein Jörg Hoffmann dabei mitwirken kann, nachdem die Führungsfrage neu geregelt ist: fraglich.