23. April 2020 / 06:06 Uhr

Bundesliga-Fortsetzung um jeden Preis? Die Hintergründe zur bevorstehenden DFL-Entscheidung

Bundesliga-Fortsetzung um jeden Preis? Die Hintergründe zur bevorstehenden DFL-Entscheidung

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
 DFL-Boss Christian Seifert (links) arbeitet mit den 36 Erst- und Zweitligisten an einer baldigen Bundesliga-Fortsetzung mit Geisterspielen.
DFL-Boss Christian Seifert (links) arbeitet mit den 36 Erst- und Zweitligisten an einer baldigen Bundesliga-Fortsetzung mit Geisterspielen. © imago images/MIS/Poolfoto S (Montage)
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Ab dem 9. Mai soll der Ball in der Bundesliga wieder rollen: So wollen es die Bosse der großen Klubs. Doch die Kritik an dem Plan wird immer lauter. Über eine riskante Entscheidung – und ihren wahren Hintergrund.

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Selten passte das legendäre Zitat des einstigen Welttorhüters so wie jetzt: „Weiter, immer weiter!“, so trieb Oliver Kahn früher auch in scheinbar aussichtslosen Situationen seine Mitspieler und seinen Trainer an. Und weitergehen, immer weitergehen soll es für die Bundesliga auch jetzt. Trotz der Krise. Trotz Corona.

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So wird der jetzige Vorstand des FC Bayern München heute natürlich auch dabei sein, wenn sich um 11 Uhr die Vertreter der 36 Fußball-Profiklubs zu einer außerordentlichen Ligaversammlung virtuell zusammenschalten, um über die Fortsetzung der Bundesliga-Saison zu diskutieren. Bei der letzten Konferenz sorgte Kahn für Erheiterung, als er sich mehrfach fluchend aus dem Bild verabschiedete, weil die Technik nicht wie gewünscht funktionierte.

Doch heute wird weder der einstige Welttorhüter noch Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL), im Fokus stehen, sondern ein anderer, wesentlich unbekannterer Mann: Tim Meyer, 52-jähriger Sportmediziner aus Nienburg an der Weser.

Mehr zur Corona-Pause im Fußball

Der Arzt der Nationalmannschaft wurde Ende März zum Leiter der „Taskforce“ ernannt, die eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs in den beiden Profiligen gewährleisten soll. Also wird Meyer heute all den prominenten und weniger prominenten Klub-Bossen, die ihn über ihre Laptops und Tablets sehen und hören werden, erklären, wie es tatsächlich möglich sein soll, dass in der Bundesliga schon bald wieder der Ball rollt – am liebsten schon ab dem 9. Mai. So haben es die Ministerpräsidenten aus Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet (CDU), und aus Bayern, Markus Söder (CSU), am Montagabend angesichts der bislang noch sehr zarten Erfolge im Kampf gegen das Virus erstaunlich offensiv in einer Videoschalte der Bild-Zeitung verkündet, flankiert von den Vorstandschefs der größten deutschen Fußballklubs, Karl-Heinz Rummenigge (FC Bayern München) und Hans-Joachim Watzke (Borussia Dortmund).

Dabei ist noch überhaupt nichts beschlossen – wie auch? Zudem sind die beiden nur zwei von insgesamt 16 Ministerpräsidenten im Lande, auch wenn sie derzeit einen anderen Eindruck vermitteln und dabei womöglich andere, nicht nur sportliche Ziele im Hinterkopf haben. Da kann es sicher nicht schaden, sich ein wenig für des Deutschen liebste Nebenbeschäftigung einzusetzen.

Fortsetzung oder Abbruch: So ist der Stand in den internationalen Topligen

Das Coronavirus legt den Fußball in Europa lahm - mit Ausnahme der weißrussischen Liga müssen alle Wettbewerbe pausieren. Die Länge der Zwangspause ist dabei unterschiedlich bemessen. Der <b>SPORT</b>BUZZER fasst den Stand zusammen - wie lange pausieren die Ligen in Europa? Zur Galerie
Das Coronavirus legt den Fußball in Europa lahm - mit Ausnahme der weißrussischen Liga müssen alle Wettbewerbe pausieren. Die Länge der Zwangspause ist dabei unterschiedlich bemessen. Der SPORTBUZZER fasst den Stand zusammen - wie lange pausieren die Ligen in Europa? ©

Jedenfalls scheint es sich kurioserweise gar nicht mehr um die Frage zu drehen, ob die Bundesliga ihren Spielbetrieb wieder aufnimmt, sondern nur noch, wann. Deutschland sucht den Geister-Meister – denn die Partien, so viel steht immerhin fest, würden ausschließlich ohne Zuschauer stattfinden. Eine mächtige Koalition aus Politik, Fußball und Medienunternehmen hat sich nun offenbar zusammengetan, um das Thema in die beabsichtigte Richtung zu bewegen. Eine konzertierte Aktion verschiedener Lager, die an allen Fronten machtvoll Lobbyismus betreiben – und damit Fakten schaffen wollen.

Warum kein Abbruch wie in der Handball-Bundesliga?

Doch was steckt dahinter? Warum gesteht die Politik dem Fußball offenbar eine derartige Sonderrolle zu, völlig losgelöst von allen anderen Sportarten, die längst ihre Saison eingestellt haben – wie zuletzt die Handball-Bundesliga? Wie soll gewährleistet werden, dass sich nicht erneut Hunderte oder gar Tausende Fans vor den Stadien treffen, wie bereits bei den Geisterspielen vor der Corona-Pause geschehen?

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Es geht um das gesellschaftliche Signal, welches durch einen Neustart ausgelöst würde, um ökonomische Fragen und nicht zuletzt auch um die Gesundheitsgefährdung für die Beteiligten. „Ich hoffe, dass viele Fans ab Mai wieder ein bisschen Freude empfinden können, wenn sie ihre Vereine spielen sehen“, sagte Watzke gewohnt pathetisch. Aber reicht dieses Argument schon aus, um alle berechtigten Bedenken zu zerstreuen?

Der „Spiegel“ enthüllte am Dienstag den 41 Seiten umfassenden Plan der DFL-Taskforce, allein die „Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs“ umfasst 31 Punkte. Bei den Geisterspielen sollen insgesamt 239 Personen im Stadion zugelassen sein, inklusive einer deutlich reduzierten Zahl an Ordnern (70) und Balljungen (vier). Auch die Mannschaften müssten ihre Entourage herunterfahren: Sie dürften nur noch von acht Trainern, Betreuern und Ärzten begleitet werden. Das Papier enthält demnach auch Informationen zur „häuslichen privaten Hygiene“, den Aktiven wird empfohlen, daheim zu duschen.

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Seifert formulierte es so: „Die Spieler müssen jetzt Vorbild sein.“ Eine Forderung, die man angesichts vergangener Verfehlungen hoch bezahlter Jungprofis lieber nicht hinterfragen sollte. Und auch das Tuschelthema der Liga – dass es Klubs gibt, die seit Tagen oder Wochen entgegen allen Vorschriften hinter verschlossenen Türen ganz normales Mannschaftstraining abhalten – spricht nicht gerade für einen angemessenen Umgang mit der viel zitierten Verantwortung, die Klubs und Kicker wohl mehr denn je tragen.

Alle drei Tage zum Test

Für den Fall, dass sich doch einer oder mehrere Spieler infizieren, sieht der DFL-Maßnahmenkatalog vor, dass diese Person sofort isoliert und die Kontaktpersonen getestet werden. Die Vereine sollen zudem positive Fälle „ausschließlich an Dr. Meyer“ und nicht der Presse melden, „da Krankheitsverifizierung sowie die klare Dokumentation der vermutlichen Übertragungswege im Vordergrund stehen.“ Die Klubs werden sogar aufgefordert, präventiv „frühzeitig für einen ausreichend großen Kader im Saisonfinale zu sorgen.“ The show must go on – die Gladiatoren werden zur Not halt einfach ausgetauscht.

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Damit das Motto „Brot und Spiele“ umsetzbar ist, sollen Spieler, Trainer und Mitglieder der Funktionsteams umfangreich auf Covid-19 getestet werden. Geplant ist, solche Tests alle drei Tage durchzuführen. Bis zum Saisonende würden damit rund 20.000 Tests fällig.

Aber ist das angemessen? Viele Kritiker fragen sich, ob man die knappen Tests wirklich für das Luxusgut Fußball ver(sch)wenden sollte. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach etwa sagt: „Es ist falsch, Zehntausende Tests für Geisterspiele zu verbrauchen, während in den Pflegeheimen und bei Lehrern noch nicht ausreichend getestet werden kann.“

Auch der Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts, Lars Schade, hat sich gegen umfangreiche Corona-Tests bei Bundesliga-Profis ausgesprochen: „Ich denke, man sollte die Tests dort anwenden, wo es medizinisch sinnvoll ist.“ Die DFL findet dagegen, dass die veranschlagten 0,5 Prozent der aktuellen Testkapazitäten eine niedrige und akzeptable Größenordnung seien, und versprach zudem in einer offiziellen Erklärung: „Sollte es durch künftige Entwicklungen – zum Beispiel eine zweite Corona-Infektionswelle – tatsächlich Engpässe geben, wird die DFL die Versorgung der Bevölkerung selbstverständlich nicht beeinträchtigen.“ Was auch immer das im Ernstfall hieße. Würde dann der Spielbetrieb eingestellt – oder auf die Tests verzichtet?

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Warum es überhaupt zu derlei Diskussionen kommt und die Liga sowie die Klubs derart darauf drängen, die Saison zu beenden, ist im Verhältnis zu den unzähligen offenen Fragen recht einfach erklärt: weil viele Vereine einen Abbruch der Spielzeit – wie in einigen europäischen Ländern bereits geschehen – nicht überleben würden.

Bis zur letzten DFL-Versammlung mussten alle 36 Erst- und Zweitligisten ein „Worst-Case-Szenario“ einreichen, um die möglichen Auswirkungen besser einschätzen zu können. Das Ergebnis war erschütternd: 13 Klubs, davon vier Erstligisten, stünden vor dem sofortigen Aus, so ist zu hören. Vor allem der Name eines Traditionsvereins aus dem Ruhrgebiet, der des FC Schalke 04, fällt dabei immer öfter.

Dringend benötigt: Das TV-Geld

Es geht es natürlich in erster Linie um die TV-Gelder. Geht die Saison weiter (auch ohne Zuschauer), wird gezahlt. Wird die Spielzeit abgebrochen, würde die vierte Tranche ausbleiben. Doch auf das Geld – es geht um insgesamt rund 300 Millionen Euro – sind die Vereine angewiesen. Schalke hat die 15 Millionen TV-Einnahmen, die am 2. Mai fließen sollen, angeblich sogar schon vorab verpfändet. Die Lage ist nicht ernst, sie ist existenzbedrohend – zumal insgesamt auch noch 60.000 Arbeitsplätze daran hängen.

Umso mehr müssten sich also die Fans von Hamburg bis München, von Dortmund bis Leipzig freuen, dass es bald wieder losgehen soll mit dem Spektakel in Deutschlands Fußballtempeln.

Doch die Anhängerschaft ist gespalten. Sogar die Ultras, die härtesten Fußballfanatiker, ließen in einer Stellungnahme verlautbaren, dass die Entscheidung zu einem Re-Start am 9. Mai ein „Hohn gegenüber dem Rest der Gesellschaft“ wäre. In einem Statement der Fanorganisation Unsere Kurve heißt es: „Wenn der Fußball ein Teil der Gesellschaft sein will, kann er nicht losgelöst von der gesamtgesellschaftlichen Situation handeln. Er muss diese stetig in seinem Handeln und seinen Gedankenspielen berücksichtigen. Wirtschaftliche Interessen müssen sich den aktuellen Rahmenbedingungen anpassen, nicht umgekehrt.“ Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus.