13. März 2021 / 13:31 Uhr

Ein Jahr Geisterspiele in der Bundesliga – die Bilanz: Ein Zustand, an den sich keiner gewöhnen will

Ein Jahr Geisterspiele in der Bundesliga – die Bilanz: Ein Zustand, an den sich keiner gewöhnen will

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Vor einem Jahr musste die Bundesliga erstmals auf Zuschauer verzichten.
Vor einem Jahr musste die Bundesliga erstmals auf Zuschauer verzichten. © IMAGO/Team 2
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Vor einem Jahr musste in der Bundesliga wegen der Corona-Pandemie das erste Geisterspiel stattfinden. Während Spiele ohne Fans inzwischen neue Normalität sind, will an dem Zustand niemand dauerhaft Gefallen finden.

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Tim Thoelke ist als Stadionsprecher bei RB Leipzig weder zu übersehen noch zu überhören. Knallrotes Sakko, durchdringende Stimme. Bald feiert er sein zehnjähriges Dienstjubiläum bei dem sächsischen Bundesligisten. Und er ist derjenige, der das letzte Spiel auf deutschem Boden vor vollen Rängen angesagt hat. Am 10. März 2020 war das. RB Leipzig gegen Tottenham Hotspur. Champions-League-Achtelfinale. Der Brauseklub siegte 3:0, die Menschen lagen sich in den Armen, Thoelke schrie den Namen des Doppeltorschützen Marcel Sabitzer in die Nacht. Vorausgegangen waren Debatten, ob die sächsische Landesregierung nicht die Austragung vor Zuschauern hätte untersagen müssen, denn längst war Corona in Deutschland angekommen. Gespielt wurde trotzdem.

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Drei Tage später liefen in der Zentrale der Deutschen Fußball-Liga (DFL) die Drähte heiß, ob das alles noch zu verantworten ist. Fredi Bobic, Sportvorstand von Eintracht Frankfurt, berichtete davon, dass am Donnerstag, 12. März, beim Europa-League-Spiel gegen den FC Basel, das die Hessen vor leeren Rängen sang- und klanglos mit 0:3 verloren hatten, mehrere Spieler aus Sorge gar nicht spielen wollten. Corona hatte längst auch den Profifußball infiziert. Am Mittwoch, 11. März, hatte mit der Nachholpartie Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln das erste Geisterspiel der Bundesliga-Geschichte stattgefunden. Am 13. März unterbrach die Bundesliga den Spielbetrieb. Kein Ball rollte mehr.

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Die Entscheidung war die einzig vernünftige. Vor allem Seifert arbeitete in den folgenden Tagen und Wochen daran, das Weiterspielen zu ermöglichen. Es ging für die Liga mit der Unterbrechung ans Eingemachte. Erste Klubs gerieten umgehend in Schieflage. Der DFL-Chef sagte: "Ohne Geisterspiele wird es in Deutschland keine 20 Profiklubs mehr geben." Es herrschte Alarmstimmung. Hinter den Kulissen nutzten Bosse wie Hans-Joachim Watzke (Borussia Dortmund) die Verbindungen zur Politik. 66 Tage dauerte die Zwangspause nur, denn das vom DFB-Mediziner Tim Meyer ausgetüftelte Hygienekonzept ermöglichte der Bundesliga als erster Profiliga weltweit die Rückkehr. Am 27. Juni nahm der FC Bayern München wieder die Meisterschale in Empfang – ohne jubelnde Fans.



"Wir spielen unser Spiel. Es wird übertragen. Fertig"

Spiele ohne Zuschauer bleiben indes gewöhnungsbedürftig, wie Nils Petersen im Kicker beschrieb. Der Stürmer des SC Freiburg stellt fest, dass viele Emotionen fehlen. "Früher habe ich um halb zwölf am Bahnhof Littenweiler in Stadionnähe schon 20 Fahnen und 48 Trikotträger gesehen. Da wusstest du: Heute kannst du die Leute glücklich machen." Und Andreas Luthe, Torwart von Union Berlin, schildert: "Unser Spiel ist kühl geworden. Wir gehen unserem Beruf nach, wir spielen unser Spiel. Es wird übertragen. Fertig."

Erstaunlich, dass sich das Niveau kaum verändert hat. Und selbst die TV-Zuschauer scheinen sich mit der Inszenierung zu arrangieren. Kritik tragen vor allem die organisierten Anhänger vor. Sie bemängeln, dass die Etats nicht reduziert sind, dass der Wille zur Veränderung gering ist. Die Fanvertreter aus der von der DFL eingesetzten Taskforce Zukunft Profifußball kritisieren, "dass die vorgebrachte Demut und Selbstkritik nur Mittel zum Zweck war – ein Vorwand, um während und nach der Pandemie genauso weitermachen zu können wie bisher." Zuletzt hielt die Fanvereinigung Unsere Kurve fest: "Das einzige Neue im Fußball ist, dass Geisterspiele zur neuen Normalität gehören." Langfristig will sich daran aber niemand gewöhnen.