15. Mai 2020 / 10:54 Uhr

Viererkette Spezial: Breyer, Fuss, Rafati und Reng schreiben über den Bundesliga-Neustart 

Viererkette Spezial: Breyer, Fuss, Rafati und Reng schreiben über den Bundesliga-Neustart 

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Jochen Breyer, Wolff Fuss, Babak Rafati und Ronald Reng schreiben über den Bundesliga-Neustart. 
Jochen Breyer, Wolff Fuss, Babak Rafati und Ronald Reng schreiben über den Bundesliga-Neustart.  © imago images/Montage
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Am Wochenende rollt nach einer gefühlten Ewigkeit wieder der Ball in der Bundesliga. Vorab haben unsere SPORTBUZZER-Kolumnisten ihre Gedanken zum Re-Start der Saison für die Spezialausgabe der "Viererkette" aufgeschrieben. 

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Am Wochenende soll die Bundesliga nach der mehr als zweimonatigen Corona-Pause wieder starten – ein kontrovers diskutierter Plan. Was sagen unsere SPORTBUZZER-Kolumnisten Jochen Breyer, Wolff-Christoph Fuss, Babak Rafati und Ronald Reng dazu? Vier Positionen, vier Blickwinkel.

Jochen Breyer: Es schwingt ein ungutes Gefühl mit

Ein Geisterspiel habe ich noch nie live miterlebt, dafür ein Geisterstudio. Letzten Samstag sind wir mit dem Aktuellen Sportstudio zurückgekehrt. Mit Christian Seifert als Gast – und ohne Publikum. Mir war klar, dass mir die Leute auf den Tribünen fehlen würden, aber es war, als die Sportstudio-Melodie erklang und die Show begann, noch viel schlimmer, als ich es mir ausgemalt hatte. Ein totes Studio, wie in einer Nachrichtensendung; Stille – selbst nach den Treffern an der Torwand. Mit einem Wort: trostlos.

Wenn ich schon im Sportstudio die rund 250 Menschen auf den Rängen vermisse – wie wird es erst im Stadion sein? Wo die Fans nicht nur klatschen, wie bei uns, sondern singen, raunen, schreien, jubeln?

Ich verstehe, dass der Fußball die Saison zu Ende spielen will. Es bleibt aber ein wirtschaftliches Projekt, kein emotionales. Ja, ich bin gespannt auf morgen. Doch es schwingt ein ungutes Gefühl mit. Denn ich fürchte, dass uns erst an diesem Wochenende richtig klar werden wird, wie viel von dem, was wir am Fußball lieben, fehlt

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Wolff-Christoph Fuss: Wir werden ein Stück Geschichte erleben

Ob ich mich auf den Restart freue? Und ob. Fußballspiele zu kommentieren empfinde ich nicht als Beruf, eher als Leidenschaft. Und so verging in den vergangenen acht Wochen kein Tag, an dem der Fußball nicht irgendeine Rolle gespielt hätte. Aber die zwei Monate haben auch gezeigt, dass es ohne Fußball gehen muss und gehen kann. Anstelle der Schlussphase der Saison mit vielen Reisen, lebte ich ein entschleunigtes Leben. Nicht, dass ich diese Phase gebraucht hätte, um meine Prioritäten richtig zu setzen, das geht auch ohne Covid-19, aber die Wochen hatten auch viel Schönes.

Offenbar ist jetzt wieder Zeit für Fußball. Für einige Klubs und viele Arbeitsplätze von elementarer Wichtigkeit, um zu überleben. Keine Zuschauer im Stadion, dafür umso mehr vor den TV-Geräten. Was das mit den Spielern macht? Keine Ahnung! Was das mit dem Spiel macht? Keine Ahnung! Was das mit mir als Kommentator macht? Keine Ahnung! Ich weiß, dass es besonders wird und darauf freue ich mich. Wir werden ein Stück Bundesligageschichte erleben.

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Babak Rafati: Für die Schiedsrichter wird es einfacher

Für mich gab es gefühlt keine Pause, weil ich als Mentalcoach im ständigen Austausch mit Spielern stand. Physisch werden alle Teams auf ähnlichem Niveau sein. Aber die Psyche ist angeschlagen. Ein vollkommen unterschätztes Thema. Zudem wird die Motivation ohne Fans im Rücken stark leiden – gerade im Abstiegskampf.

Werder Bremen hat in der hochsensiblen Phase einen Berufskollegen von mir und Borussia Dortmund einen Psychologen verpflichtet. Ein Vorteil, der Punkte einbringen und sich am Saisonende auszahlen wird. In der mentalen Stärkung der Spieler liegt das größte Entwicklungspotenzial im Profifußball. Das wird zukünftig den entscheidenden Kick ausmachen, davon bin ich überzeugt.

Für die Schiedsrichter wird es einfacher, weil der Druck von den Zuschauern nicht da ist, sodass jeder auch das Revierderby pfeifen könnte. Ich werde am Spieltag neben den Schiedsrichterentscheidungen insbesondere die mentalen Aspekte der Spieler gespannt analysieren und mitfiebern.

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Ronald Reng: Der Liga-Start ist eine große Leistung unseres Staats

Bis der Bosnien-Krieg 1992 in ihrer Kleinstadt wütete, ging Vedad Ibisevics Mutter jeden Morgen weiter in die Fabrik arbeiten. Ihr Mann war vor den serbischen Milizen geflohen, der Großvater ermordet worden. Aber sie wollte verdrängen, dass Krieg war. Im Garten, hinter einem Busch, grub sie ein Loch. Darin sollten sich der achtjährige Vedad und seine kleine Schwester verstecken, während sie in der Fabrik war. Jeden Tag lag Vedad Ibisevic stundenlang in der Grube.

Von diesem Teil seines Lebens hat der Kapitän von Hertha BSC nur wenigen erzählt. Ich musste während der Corona-Krise oft daran denken: Was für ein Glück die meisten von uns haben, dass wir nie eine existenzielle Ausnahmesituation wie einen Krieg erleben mussten. Natürlich kann man über Hygienekonzepte und den Sinn von Geisterspielen diskutieren. Aber wenn ich an Vedad in der Grube denke, finde ich es wunderschön und eine große Leistung unseres Staats, dass wir uns drei Monate nach Ausbruch des Virus wieder so freudvollen Dingen wie Fußball widmen können.