11. Dezember 2020 / 17:23 Uhr

Für Union kommt der FC Bayern wieder mal zu einer ungünstigen Zeit

Für Union kommt der FC Bayern wieder mal zu einer ungünstigen Zeit

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Nicht zu halten: Unions Kapitän Christopher Trimmel (l.) versucht den damaligen Münchner Ivan Perisic zu stoppen. Vergebens, die Köpenicker verloren 0:2.
Nicht zu halten: Unions Kapitän Christopher Trimmel (l.) versucht den damaligen Münchner Ivan Perisic zu stoppen. Vergebens, die Köpenicker verloren 0:2. © AP Photo/Hannibal Hanschke
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Der Berliner Fußball-Bundesligist tritt ersatzgeschwächt gegen den Rekordmeister aus München an – und muss erneut auf Fans verzichten. Das schmerzt vor allem Präsident Dirk Zingler.

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Wenn der Fußball-Rekordmeister aus München anreist, herrscht normalerweise Festtagsstimmung. Dann wird die Hofeinfahrt gefegt, werden Türklinken poliert, Fenster geputzt. Und natürlich platzt das Stadion aus allen Nähten. Außer die Münchner spielen in Berlin: Hertha BSC gelang es in den vergangenen 15 Jahren gleich zweimal (2006 und 2017) nicht, alle Karten unters Volk zu bringen. Zugegeben, ein solches Problem hat Herthas Stadtrivale Union nicht, dafür ein grundsätzliches. Wegen der Coronavirus-Pandemie bleibt das Stadion An der Alten Försterei am Sonnabend (18.30 Uhr) bereits zum zweiten Mal gegen den FC Bayern leer, entsprechend schlecht stehen die Siegchancen, die Vorfreude hält sich in engen Grenzen.

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„Auch wenn die Bayern nicht ihren besten Tag haben, gewinnen sie eigentlich ihre Spiele“, sagt Unions Trainer Urs Fischer vor dem Duell. Fischer, der seinen Vertrag in dieser Woche verlängerte, seziert das Ganze sportlich. „Gewisse Phasen“ gelte es zu überstehen, jene nämlich, in denen die Bayern größeren Druck ausüben, „trotzdem dürfen wir den Mut nicht verlieren, uns aus diesen Drucksituationen zu befreien und nach vorn zu spielen.“ Doch selbst wenn das gelänge, spricht – vom fehlenden Publikum abgesehen – wenig für einen Überraschungscoup des Tabellensechsten.

In Bildern: Die Trainer von Union Berlin seit 2004.

Von Frank Wormuth bis Urs Fischer: Die Trainer von Union Berlin der letzten 15 Jahre. Zur Galerie
Von Frank Wormuth bis Urs Fischer: Die Trainer von Union Berlin der letzten 15 Jahre. ©

Max Kruse, der so effektive Offensivallrounder, fällt aus, ebenso der rotgesperrte Robert Andrich. Die bislang prägenden Figuren des Berliner Spiels fehlen also, Torhüter Andreas Luthe wackelt nach seinen schwachen Auftritten gegen Frankfurt und Hertha. Dass Fischer die bisherige Stammkraft gegen den drängelnden Neuzugang Loris Karius austauscht, wäre aber ein eher untypischer Zug. Festlegen wollte sich der Trainer in der Pressekonferenz am Donnerstag aber nicht. Lapidar erklärte er: „Am Sonnabend wird die Nummer eins im Tor stehen“ – ob die alte, oder eine neue? Und nach welchen Kriterien Fischer entscheidet? Dazu schwieg er.

Es könnte alles etwas geschmeidiger laufen bei Union. Die 1:3-Derbyniederlage bei Hertha mitsamt der ungünstigen Begleitumstände sorgt dafür, dass das Bayern-Spiel wieder mal zur lästigen Pflicht verkommt. Die glanzvolle Kür muss warten, wie schon im März, wie schon im Mai. Obwohl der Club, vor allem im März, kräftig um ein Festtagsspiel gegen die Bayern kämpfte. „Ich gehe davon aus, dass kein Grund besteht, das Spiel ohne Zuschauer stattfinden zu lassen“, hatte Präsident Dirk Zingler am 10. März 2020 gesagt, wenige Tage vor dem Spiel, das für den 14. März angesetzt war.


In der Bundesliga waren zu diesem Zeitpunkt bereits die ersten Spiele ohne Zuschauer angeordnet worden, doch Zingler sprach davon, „dass wir die Bayern heute Nachmittag anrufen können und sagen: Kommt und trinkt mal ein vernünftiges Berliner Pils“.

Einen Tag später, am 11. März, war die Bierlaune dann verflogen, weil das Gesundheitsamt Treptow-Köpenick einen vernünftigen Zuschauerausschluss angeordnet hatte. Am 12. März trat Zingler vor die Presse, um zu verkünden, wie hoch der emotionale Verlust sei, wenn Fußballspiele ohne Fans stattfinden. Mit keinem Geld der Welt sei das aufzuwiegen. „Ich kämpfe dafür, Fußball mit Menschen spielen zu können“, sagte der Präsident. In der breiten Öffentlichkeit verfestigte sich aber vor allem der Eindruck, dass für Dirk Zingler erst Fußball mit Fans und dann die Virusbekämpfung kommt. Wer schließlich nicht kam, waren die Bayern, das Spiel am 14. März wurde abgesagt, Köpenick erlebte einen Trauer-, keinen Festtag.

Beim Re-Start verlor Union 0:2 gegen Bayern

Beim Re-Start am 14. Mai fehlte Union dann nicht nur das Publikum, sondern auch Urs Fischer. Der Trainer hatte zuvor das Quarantäne-Trainingslager wegen eines Trauerfalls in der Familie verlassen müssen. Die Umstände waren wieder keine besonders glücklichen. „Nahezu unmöglich“ werde es, die Bayern zu schlagen, fand Co-Trainer Markus Hoffmann und behielt Recht. Union verlor 0:2.

Statistisch gesehen, war das fehlende Heimpublikum in der vergangenen Saison für das sportliche Abschneiden aber eher irrelevant. Die Berliner verloren vor ausverkauftem Haus fünf ihrer zwölf Heimspiele (sechs Siege), die Bilanz ohne Fans: Fünf Spiele, zwei Siege (gegen die späteren Absteiger Paderborn und Düsseldorf), zwei Unentschieden (gegen Schalke und Mainz), eine Niederlage (gegen Bayern).

Aber um Statistiken geht es Union nicht, es geht ums Stadionerlebnis, um Fußballfeste als Markenkern (gerade gegen Bayern), kurz gesagt: es geht um die DNA des Vereins. Deshalb auch die vielen Eiertänze und Vorschläge, die im März begonnen hatten. Seither gibt sich Union alle Mühe, seine Mittel voll auszuschöpfen. Im Oktober wollte der Club gar eine Veranstaltung vor ausverkauftem Haus und mit Schnelltests proben. Daraus wurde dann doch nichts.

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Als der SC Freiburg Ende desselben Monats gastierte, durften 4500 Zuschauer dabei sein – trotz steigender Infektionszahlen und diverser Warnungen der Lokalpolitik. Zingler stand wieder in der Kritik, teils auch in den eigenen Reihen. „Liebe Unioner, es gibt keinen Grund zur Sorge, dass wir unseren moralischen Kompass verloren hätten“, schrieb er daraufhin Unions Mitgliedern, man wolle in der Pandemie Lösungen entwickeln, um „notwendigen Infektionsschutz und gesellschaftliches Leben miteinander zu verbinden“.

Nun, da die Infektionszahlen wieder rasend klettern, hat aber auch der 1. FC Union seine Pläne erstmal hintenan gestellt. Die Kür muss warten.