26. Januar 2022 / 11:08 Uhr

Watzke, Mintzlaff & Co.: Wie die Bundesliga gegen die Zuschauer-Regeln der Politik aufbegehrt

Watzke, Mintzlaff & Co.: Wie die Bundesliga gegen die Zuschauer-Regeln der Politik aufbegehrt

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Hans-Joachim Watzke und Oliver Mintzlaff haben die Zuschauer-Beschlüsse von Bund und Ländern kritisiert.
Hans-Joachim Watzke und Oliver Mintzlaff haben die Zuschauer-Beschlüsse von Bund und Ländern kritisiert. © Getty Images/IMAGO/Martin Hoffmann/Picture Point (Montage)
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Die Kritik aus der Bundesliga an den derzeit bestehenden Zuschauer-Regelungen wird lauter. BVB-Boss Hans-Joachim Watzke & Co. suchen die Konfrontation mit der Politik. Ob der Sport Zustimmung aus der Bevölkerung erfährt, ist aber ungewiss.

Die Bundesliga begehrt auf. Nach der Kritik BVB-Boss Hans-Joachim Watzke mehren sich seit den politischen Beschlüssen vom vergangenen Montag die kritischen Stimmen von Trainern und Verantwortlichen an den Zuschauer-Beschränkungen. Watzke hatte sogar juristische Schritte gegen die Regelung in Nordrhein-Westfalen nicht ausgeschlossen. "Wir werden uns die Beschlüsse des Landes NRW genau anschauen und prüfen, ob wir sie im Eilverfahren kontrollieren lassen", sagte der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, der seit vergangenem Dezember auch dem Aufsichtsrat der DFL vorsteht, der dpa.

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Watzkes Kollege Alexander Wehrle vom 1. FC Köln stimmte anschließend in den Chor der Kritiker ein und würde rechtliche Schritte begrüßen: "Da stehen wir Seite an Seite mit dem BVB." Es sei überhaupt nicht nachvollziehbar, wenn in der Elbphilharmonie in Hamburg von 2100 möglichen Zuschauern 2000 in einem geschlossenen Raum seien "und ein paar Kilometer weiter im Hamburger Stadion auch 2000, weil das eben die Grenze ist“, kommentierte Wehrle: "Wer hat denn die 2000 in Hamburg festgelegt? Und wer die 750 in Köln? Und wer die 1000 in Mainz? Würfeln die eigentlich?"

Hintergrund des Frusts: Jedes Spiel ohne Zuschauer kann die Vereine je nach Größe ihres Stadions Millionen kosten. Vielerorts ist die wirtschaftliche Situation nach fast zwei Jahren Pandemie mächtig angespannt. Gehaltsverzicht wird hier und da immer wieder zum Thema. An große Transfers wie in der Vergangenheit ist ohnehin nicht mehr zu denken. In der am Montag endenden Wechselperiode wurden bislang lediglich 28 Millionen Euro in neues Personal investiert. Zum Vergleich: Im letzten Winter-Transferfenster vor Corona waren es noch 198 Millionen. Zudem wird die Fan-Kultur immer mehr in Mitleidenschaft gezogen. Der Ärger über vermeintlich unverhältnismäßigen politischen Entscheidungen wächst.

Auch Vorstandchef Oliver Mintzlaff von RB Leipzig schloss den juristischen Klageweg nicht mehr aus. "Ich finde den Vorstoß von Aki absolut richtig, und wir prüfen auch mit anderen Bundesligisten, wenn es hier nicht zu einer schnellen Lösung kommt, ob und wie wir da juristisch vorgehen“, sagte er der Bild. Die Bundesregierung könne "sich nicht die Welt malen, wie sie ihr gefällt. Das endet dann in einem Zick-Zack-Kurs, den die Menschen nicht mehr mittragen." Watzke schimpfte: "Fußball wird zum Opfer von Symbolpolitik." Mintzlaff ergänzte: "Wir haben das Gefühl, dass die Politik in vielen Bereichen mehr in Problemen als in Lösungen denkt."

Keine Geisterspiele mehr in Bayern

Am Montag hatten die Bundesregierung und die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten entschieden, ihren Corona-Kurs wegen der steigenden Infektionszahlen durch die Omikron-Variante fortzusetzen. Das bedeutete nichts anderes, als dass Spiele in den Profiligen - abhängig vom Bundesland - weiterhin nur ohne oder mit wenigen Zuschauern stattfinden dürfen. Zumindest die unterschiedlichen Vorgaben in den Ländern sollen bis zum 9. Februar bundesweit vereinheitlicht werden. Bayern wagte bei dieser Frage allerdings schon am Dienstag einen Vorstoß.

Das Kabinett von CSU-Ministerpräsident Markus Söder beschloss bis auf Weiteres das Ende der Geisterspiele im Freistaat. Nun dürfen zu den Spielen des deutschen Rekordmeisters FC Bayern, des FC Augsburg und der SpVgg Greuther Fürth oder zu den Partien der Zweitliga-Klubs immerhin wieder bis zu 10.000 Fans kommen. Es dürfen, von dieser absoluten Obergrenze abgesehen, aber maximal 25 Prozent der Zuschauer-Kapazitäten genutzt werden. "Es ist nicht ganz fair, dass wir in Hamburg in der Elbphilharmonie 2000 Leute haben, und woanders geht das nicht. Dass wir in einigen Fußballstadien 15.000 Leute haben, wir haben Geisterspiele. Also wenn, muss das schon vernünftig gleich sein", hatte Söder schon am Montagabend in der ARD gesagt.


Für die Zulassung von Zuschauern galten zuletzt unterschiedliche Höchstgrenzen in den Ländern: Wie zuvor auch in Bayern dürfen in Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen nach derzeitigem Stand überhaupt keine Fans in die Arenen. Dagegen spielte der Drittliga-Tabellenführer 1. FC Magdeburg am Sonntag gegen den TSV Havelse vor 13.385 Zuschauern. Das ließ die Verordnung in Sachsen-Anhalt zu, nach der die Stadien bis zu 50 Prozent gefüllt werden dürfen. Beim Sieg des FC Bayern am Sonntag bei Hertha BSC durften 3000 Zuschauer ins Berliner Olympiastadion.

Kritik auch aus Frankfurt und Hamburg

"Ich verstehe es schon lange nicht mehr. Beispiel: 13.700 waren in Magdeburg erlaubt. Theoretisch hätten 13.700 Eintracht Fans, die hier nicht ins Stadion dürfen, mit dem Zug nach Magdeburg fahren können, um dort das Stadion zu füllen. Das sagt alles", meinte Eintracht Frankfurts Trainer Oliver Glasner in einem Sky-Interview. Sein Kollege Tim Walter vom Zweitligisten Hamburger SV meinte: "Ich bin kein Virologe, wir halten uns an alles. Trotzdem könnte man mal die Augen aufmachen." Der 46-Jährige weiter: "Gucken wir mal über den Tellerrand hinaus, schauen wir mal nach England oder Amerika. In der NFL sind 100.000 Zuschauer."

Ob die Funktionäre und Trainer mit ihren Forderung auf Zustimmung in der Bevölkerung stoßen, scheint fraglich. 57 Prozent der Befragten befürworteten bei einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts "YouGov", dass es laut den Beschlüssen von Bundesregierung und Länderchefs vorerst keine bundesweite Teil-Öffnung der Stadien für Fans geben wird. 29 Prozent der Bundesbürger lehnen diese Regelung dagegen ab und würden sich wieder mehr Zuschauer bei Bundesliga-Spielen wünschen. Rechtsexperten glauben derweil, dass eine juristische Prüfung der Regeln Erfolg haben könnte.

"Ich glaube, dass eine Klage eine gute Chance auf Erfolg hat", sagte der Gelsenkirchener Anwalt Arndt Kempgens den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Der Jurist erklärte, dass es um Grundrechts-Einschränkungen gehe. Da müsse das mildeste Mittel gewählt werden. "Der gegenwärtige Status quo ist für Liga und Vereine eine absolute Katastrophe", sagte der 53-Jährige zu den unterschiedlichen Zulassungsbedingungen für Sport und Kultur. Das sei "Wasser auf die Mühlen" der Kritiker.