18. Juni 2021 / 10:38 Uhr

Noch 180 Minuten als Bundestrainer? Joachim Löw und die EM-Angst vor dem traurigen Ende

Noch 180 Minuten als Bundestrainer? Joachim Löw und die EM-Angst vor dem traurigen Ende

Heiko Ostendorp und Tobias Manzke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
 Bundestrainer Joachim Löw steht bei seinem letzten Turnier als DFB-Coach vor einer schwierigen Aufgabe.
Bundestrainer Joachim Löw steht bei seinem letzten Turnier als DFB-Coach vor einer schwierigen Aufgabe. © IMAGO/HMB-Media
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Sein WM-Titel 2014 bleibt für immer unvergessen: Bundestrainer Joachim Löw hat mit der deutschen Nationalmannschaft alles erreicht. Die EM 2021 ist sein letztes Turnier als Deutschland-Chefcoach. Angesichts der Gruppen-Konstellation droht Löw ein trauriges Ende beim DFB.

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Manchmal, nein, häufig verhält sich Joachim Löw nicht so, wie man es eigentlich von ihm erwarten würde. "Sturheit" nennen das diejenigen, die es schon länger nicht gut meinen mit Deutschlands höchstem Übungsleiter. Als "Gelassenheit" bezeichnen es wiederum Personen aus dem engsten Umfeld des Bundestrainers, die ihn am besten kennen. Spätestens seit dem WM-Titel 2014 bringe ihn nichts mehr aus der Ruhe – doch seitdem ist viel passiert.

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Wer nach der EM-Auftaktpleite gegen die Franzosen (0:1) eine Brandrede oder ein öffentliches Hinterfragen seiner Entscheidungen erwartet hatte, sah sich wieder mal getäuscht. Auch intern blieb Ähnliches aus. Der Mittwoch stand im DFB-Basecamp in Herzogenaurach ausschließlich im Zeichen der Regeneration, Löw ließ seine Mannschaft weitestgehend in Ruhe. Auch weil er fand, dass "wir es überwiegend sehr, sehr gut gemacht haben. Das stimmt mich positiv für die nächsten beiden Spiele."

Löw träumt weiter davon, durch die größtmögliche Türe abzutreten

Man mag es kaum glauben, aber die Partien am Samstag (18 Uhr) gegen Europameister Portugal und am nächsten Mittwoch (21 Uhr) gegen Ungarn könnten Löws letzte 180 Minuten als Bundestrainer sein – nämlich dann, wenn Deutschland nicht als Erster oder Zweiter die Gruppe abschließt oder als einer der vier besten Dritten (aus sechs Gruppen) weiterkommt.

Natürlich will sich niemand rund um den DFB mit diesem Schreckensszenario auch nur ansatzweise beschäftigen, am wenigsten Löw selbst. Stattdessen träumt der scheidende Nationaltrainer weiter davon, durch die größtmögliche Türe abzutreten: als Europameister. In 194 Spielen hat er die DFB-Elf bislang gecoacht, so viele wie kein anderer vor ihm. Kein Sepp Herberger, kein Helmut Schön, kein Franz Beckenbauer. Was wäre es für eine wunderbare (und kitschige) Geschichte, wenn sich Löw am 11. Juli im Londoner Wembley-Stadion mit dem EM-Pokal verabschieden würde? Nach 15 Jahren als Bundestrainer und dann 200 Partien.

Unvergessen: Löws Verbannung auf die Tribüne beim EM-Spiel gegen Portugal 2008

Doch bis dahin ist es ein weiter, steiniger Weg. Der nächste dicke Brocken Portugal ist immerhin so etwas wie der Lieblingsgegner der vergangenen Jahre. 2014 fertigte die deutsche Mannschaft in ihrem begeisternden WM-Auftaktspiel diesen Gegner mit 4:0 ab. Es war so etwas wie die Initialzündung auf dem Ritt Richtung Thron in Rio. Bei der EM 2012 gab es in der Vorrunde einen 1:0-Erfolg, vier Jahre zuvor beim gleichen Turnier gegen Cristiano Ronaldo und Co. ein 3:2. Allerdings saß Löw bei diesem spektakulären Viertelfinale nicht auf der Bank, sondern kurioserweise der Mann, der ihn nun nach der EM beerben wird: Hansi Flick.

Der damalige Co-Trainer musste übernehmen, weil Löw von der UEFA gesperrt worden war, nachdem er beim Gruppenspiel gegen Österreich in der 41. Minute vom spanischen Schiedsrichter Manuel Gonzales auf die Tribüne geschickt wurde. Zuvor hatte er sich einige (zu) hitzige Wortgefechte mit dem vierten Offiziellen geliefert. Im Viertelfinale 2008 in Basel führte der damalige Kapitän Michael Ballack die DFB-Truppe an, traf zum zwischenzeitlichen 3:1. Lukas Podolski und Bastian Schwein­stei­ger machten eines der besten Länderspiele ihrer Karriere – und Löw schaute aus der Loge im St.-Jakob-Park zu.

Nachfolger Hansi Flick drückt Joachim Löw die Daumen

Aufgrund der Statuten durfte er keinerlei Kontakt zur Mannschaft oder zur Bank halten, hinter den verdunkelten Scheiben war lediglich zu erkennen, wie er sich aus Nervosität eine Zigarette nach der anderen anzündete. Bis heute spricht Löw davon, dass es einer der schwersten Momente seiner Trainerlaufbahn war.

In den nächsten Wochen sollen noch einige positive Momente hinzukommen, bevor sein früherer Assistent Flick das DFB-Team als Nationaltrainer übernimmt. Auch der scheidende Bayern-Coach wird am Samstag gegen Portugal in der Münchner Allianz-Arena sitzen und Löw die Daumen drücken, damit dieser nicht schon am nächsten Mittwoch die (Bundestrainer-)Rente antreten muss.