22. Dezember 2021 / 06:00 Uhr

Sieben Spiele, sieben Siege, sieben Momente: Bundestrainer Hansi Flick über Gänsehaut, Fehler und Wünsche

Sieben Spiele, sieben Siege, sieben Momente: Bundestrainer Hansi Flick über Gänsehaut, Fehler und Wünsche

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Zum Jahresende blick Hansi Flick exklusiv auf seinen Start beim DFB zurück.
Zum Jahresende blick Hansi Flick exklusiv auf seinen Start beim DFB zurück. © IMAGO/Norbert Schmidt (Montage)
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Hansi Flick schaut beim SPORTBUZZER zum Jahresende auf seinen Start als Bundestrainer zurück. Er verrät, was bislang sein größter Coup war und was er sich für 2022 wünscht. Er benennt aber auch seine bislang größte Enttäuschung im neuen Job.

Am 1. August übernahm Hansi Flick (56) das höchste Amt im deutschen Fußball und beerbte Joachim Löw nach über 15 Jahren Amtszeit als Bundestrainer. Zumindest sportlich hätte es seitdem kaum besser laufen können. Das DFB-Team gewann alle sieben Partien, bei einer Tordifferenz von 31:2 und qualifizierte sich als erste Nation überhaupt für die WM in Katar. Mit seinen sieben Siegen schnappte sich Flick zudem den Startrekord seines Vorgängers. Für den SPORTBUZZER, das Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND), blickt er exklusiv auf seine intensivsten Erlebnisse der letzten Monate zurück und wagt den Blick nach vorn.

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Mein Gänsehautmoment

"Besonders schön und besonders intensiv waren die Eindrücke bei unserem ersten Heimspiel. In Stuttgart ist die Stimmung beim 6:0 über Armenien vom Rasen auf die Ränge übergeschwappt, die Mannschaft hat an diesem Abend alle begeistert, die Atmosphäre war überwältigend. Das war ich so nicht mehr gewohnt, weil wir während meiner Zeit als Trainer von Bayern München fast nur Geisterspiele ohne Publikum hatten. Dass dann auch noch Karim Adeyemi nach toller Vorarbeit von Florian Wirtz gleich bei seinem Debüt und kurz nach seiner Einwechslung getroffen hat, hat mich für diese beiden Jungs besonders gefreut. Für mich persönlich war es an diesem Abend auch großartig, dass ich nach dem Abpfiff im Stadion meine Familie getroffen habe."


Mein größter Coup

"Mein Team – weil es für einen Trainer das Wichtigste ist, mit Menschen zusammenzuarbeiten, denen er voll vertraut, die ihn selbst besser machen, die den gemeinsamen Weg mittragen. Und das ist uns auch dank Oliver Bierhoff gelungen. Er hat es möglich gemacht, meine Wünsche umzusetzen. Auch mit den Spielern sind wir bisher total zufrieden. Wir haben aber auch noch ein paar auf dem Zettel, die man aktuell vielleicht nicht so sehr im Kreis der Nationalmannschaft erwartet – also vielleicht gelingt uns der größte Coup ja auch erst noch …" (lacht)

Mein größter Fehler

"Puh, da gab es einige. (lacht) Wer handelt, macht Fehler, wer nicht handelt, macht oft den Fehler, nicht zu handeln. Aber ich lebe extrem im Hier und Jetzt, schaue ungern zu weit zurück oder auch zu weit nach vorne. Wichtig ist, dass man die richtigen Konsequenzen aus seinen Fehlern zieht und sie im Optimalfall kein zweites Mal macht."

Meine größte Enttäuschung

"Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass man sich an den positiven Dingen festhalten sollte. Beim Abschied von Jogi Löw in Wolfsburg wäre es aber noch schöner gewesen, wenn mehr 'seiner' Spieler erschienen wären. Auch, weil ich mitbekommen habe, wie intensiv Benedikt Höwedes im Vorfeld an Jogis Verabschiedung gearbeitet hat. Insgesamt hatte Jogi einen schönen Abend, Spieler und Weggefährten haben ihm die Wertschätzung entgegengebracht, die er absolut verdient hat. Es war eine würdige Verabschiedung, die er mitnehmen und in Erinnerung behalten kann. Er hat den Abend und seinen Abschied sehr genossen, und das freut mich für ihn."

Meine größte Sorge

"Sportlich machen wir uns wenig Sorgen, da wir wissen, zu was unsere Mannschaft im Stande ist und welche Qualität wir haben. Ich habe meine Wünsche mit Blick auf den DFB ja bereits angesprochen und hoffe, dass alle endlich an einem Strang ziehen, dass wir den Verband auch geschlossen nach außen vertreten. Da haben wir meiner Meinung nach Nachholbedarf."

Meine größte Überraschung

"Ich war während meiner Zeit als DFB-Sportdirektor in die Planung der DFB-Akademie eingebunden. Als ich nun das erste Mal zur Antrittspressekonferenz unseres Trainerteams auf der Baustelle des DFB-Campus war, hat mich beeindruckt zu sehen, was schon alles entstanden ist, und zu fühlen, was noch entstehen wird. Dafür möchte ich schon jetzt allen Beteiligten danken, die dafür sorgen, dass wir eine gemeinsame Heimat finden im deutschen Fußball, eine Begegnungsstätte, die ihresgleichen sucht. Oliver Bierhoff hatte hier vor Jahren die Initiative ergriffen, vieles von dem, was er sich damals vorgestellt und was er auch gegen Widerstände durchgesetzt hat, geht heute auf. Ich war Anfang Dezember noch mal da und habe schon Rasen gerochen und die Soccerhalle gesehen. Ich freue mich riesig darauf, wenn wir endlich in den Campus einziehen."

Mein größter Wunsch für 2022

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"Dass wir die Corona-Pandemie endlich in den Griff bekommen. Dass unser neuer Gesundheitsminister Karl Lauterbach die richtigen Maßnahmen und Entscheidungen trifft. Ich habe zwei Enkelkinder und bekomme mit, wie schwierig die Zeit vor allem auch für sie ist – ob in der Schule oder im Kindergarten. Sie müssen – wie viele andere – immer noch auf einiges verzichten. Für den DFB wünsche ich mir, dass wir eine starke Persönlichkeit an die Spitze bekommen, jemanden, der oder die sich selbst nicht so wichtig nimmt. Ich weiß, dass das kein einfaches Amt ist, dass es viele verschiedene Interessen, viele Ansätze und Aspekte gibt, die es zu beachten und einzubeziehen gilt. Dennoch hoffe ich, dass wir gemeinsam einen Weg finden, um vor allem die Förderung des Nachwuchses in allen Bereichen in die richtigen Bahnen zu lenken. Der Verband hat so viele fähige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, auch in deren Sinne wünsche ich mir mehr Ruhe und gute Führung. Es ist wichtig, dass alle zusammenhalten und die Dinge richtig priorisieren."