02. Juli 2021 / 23:09 Uhr

Mehr Risiko, mehr Tempo, kein Kroos: So könnte Bundestrainer Hansi Flick das DFB-Team umbauen

Mehr Risiko, mehr Tempo, kein Kroos: So könnte Bundestrainer Hansi Flick das DFB-Team umbauen

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Fotomontage: Neu-Bundestrainer Hansi Flick könnte neuen Taktik-Wind in das DFB-Team bringen.
Fotomontage: Neu-Bundestrainer Hansi Flick könnte neuen Taktik-Wind in das DFB-Team bringen. © imago images/Sven Simon
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Fast 15 Jahre lang dirigierte Joachim Löw die deutsche Nationalmannschaft. Mit dem frühen EM-Aus nahm die Ära ein jähes Ende. Mit Hansi Flick steht der nächste Bundestrainer bereits in den Startlöchern. Der SPORTBUZZER analysiert, wie der Ex-Bayern-Coach die Nationalmannschaft verändern könnte.

Der erste Termin soll schon am Wochenende stattfinden. Dann treffen sich DFB-Direktor Oliver Bierhoff und der neue Bundestrainer Hansi Flick, um den roten Knopf zu drücken. Nach dem Achtelfinal-Aus bei der Europameisterschaft (0:2 gegen England) und dem Ende der 15-jährigen Ära von Joachim Löw wird es bei der Nationalmannschaft einen kompletten Neustart geben.

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Wie der SPORTBUZZER letzte Woche exklusiv berichtete, wird Flick seinen zweiten Assistenten Danny Röhl vom FC Bayern mit zum DFB nehmen, die vorherigen Co-Trainer Marcus Sorg und Andreas Köpke (Torhüter) dürfen bleiben. Hermann Gerland, der sich selbst ins Gespräch gebracht hatte, wird dagegen (vorerst) keine Rolle spielen.

Das Hauptaugenmerk von Flick liegt auf der Mannschaft. Der neue Bundestrainer hat die EM-Partien seines Vorgängers genauestens verfolgt und wird seine Schlüsse daraus ziehen. Schon jetzt steht fest, dass sich auch sportlich einiges ändern wird.

An diesen Stellschrauben will Neu-Bundestrainer Hansi Flick drehen:

System: Wie schon beim FC Bayern bevorzugt Flick eine taktische Ausrichtung im 4-2-3-1. Heißt: Weg von der viel diskutierten Dreier- beziehungsweise Fünferkette, die Löw bei der EM gegen alle Widerstände durchzog. Sein Nachfolger möchte das Mittelfeldzentrum stärken, wo Joshua Kimmich künftig wieder die Fäden ziehen soll. Außerdem wünscht sich Flick einen klaren Stoßstürmer vor drei schnellen und flexiblen Offensivspielern. Der Vorteil: Die meisten seiner Hauptfiguren kennt der Coach aus seiner Bayern-Zeit bestens, durch die vielen Erfolge (sieben Titel in 15 Monaten) vertrauen sie ihm blind. Flicks Motto lautet: Kontrollierte Offensive, mit mehr Risiko, Tempo und vor allem Aggressivität als zuletzt.

Personal: Einiges wird davon abhängen, wie viele Spieler tatsächlich ein vorzeitiges Ende in der Nationalmannschaft in Erwägung ziehen. Toni Kroos (31) verkündete am Freitag seinen Abschied. Bei Manuel Neuer (35) gibt es dafür keinerlei Anzeichen. Der Torhüter hat nochmals betont, dass er weitermachen will, so lange er "sich fit fühlt". Offen ist dagegen die Zukunft von Ilkay Gündogan (30) sowie den Rückkehrern Mats Hummels (32) und Thomas Müller (31). Alle wollen sich in den nächsten Wochen ihre Gedanken machen, Flick hat Gespräche anberaumt. Jerome Boateng (32), auf den er große Stücke hält, hat noch keinen neuen Verein. Der Weltmeister wird nur noch mal ein Thema werden, sollte er weiter auf höchstem Niveau abliefern. Auch Nicht-EM-Fahrer wie Marco Reus, Julian Draxler oder Julian Brandt stehen unter Druck.

Klar ist, dass der Verjüngungsprozess, den Löw nur vorsichtig eingeläutet hat, weitergehen und deutlich konsequenter umgesetzt werden soll. Von den U21-Spielern, die 2017 Europameister wurden, stand nur Serge Gnabry im A-Kader, das soll sich nun ändern. Jamal Musiala ist einer von Flicks Lieblingsspielern und wird demnächst wie auch Florian Wirtz, Ridle Baku oder Lukas Nmecha garantiert weitere Chancen und Einsätze bekommen. Die Achse Richtung WM 2022 soll aus Neuer, Rüdiger, Kimmich, Goretzka und Havertz bestehen.


Kimmich und Goretzka als Führungsspieler der Zukunft?

Hierarchie: Eine klare Führungsstruktur gab es in den letzten Jahren im DFB-Team nicht mehr. Seit 2018 wurde die Hierarchie aufgeweicht und immer wieder betont, dass alle Verantwortung übernehmen müssen. Dadurch entstanden allerdings auch Probleme. SPORTBUZZER-EM-Experte Michael Ballack brachte die Idee ins Spiel, die Kapitänsbinde von Neuer, der ohnehin den hundertprozentigen Rückhalt aller genießt, auf Kimmich zu übertragen. Ballack selbst hatte das Amt unter Jürgen Klinsmann von Oliver Kahn übernommen. Er glaubt, dass man dadurch Kimmichs Position stärken könnte ohne Neuers zu schwächen.

So oder so wird Kimmich zu den künftigen Führungsfiguren gehören, genau wie Goretzka. Ob Leute wie Gnabry, Leroy Sané oder Havertz in eine solche Rolle reinwachsen können, muss sich zeigen.

Baustellen gibt es für Flick genug – die neue Zeitrechnung hat schon begonnen. "Man hat bei Bayern München gesehen, welche Art von Fußball Hansi spielt", sagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Flick müsse "den Mix schaffen zwischen einem mittelfristigem Aufbau einer Mannschaft und dem Erfolg, den du haben musst in der WM-Qualifikation".