27. Juni 2020 / 06:00 Uhr

BVB-Lizenzspielerchef Sebastian Kehl über den Poker um Jadon Sancho und die "Handschrift" von Lucien Favre

BVB-Lizenzspielerchef Sebastian Kehl über den Poker um Jadon Sancho und die "Handschrift" von Lucien Favre

Christian Müller
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Sebastian Kehl spricht im SPORTBUZZER-Interview über Jadon Sancho und Lucien Favre.
Sebastian Kehl spricht im SPORTBUZZER-Interview über Jadon Sancho und Lucien Favre. © Getty Images (Montage)
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Sebastian Kehl war Kapitän von Borussia Dortmund, wurde zweimal deutscher Meister und gewann 2012 den DFB-Pokal. Seit 2018 ist er Leiter der Lizenzspielerabteilung des BVB. Im SPORTBUZZER-Interview spricht er unter anderem über Superstar Jadon Sancho und Trainer Lucien Favre.

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SPORTBUZZER: Herr Kehl, können Sie sich über den zweiten Platz in der Bundesliga freuen?

Sebastian Kehl (40): Wir haben uns echt gefreut über die Leistung in Leipzig, wo die Mannschaft mit dem Sieg den zweiten Platz eingespielt hat. In der Rückrunde haben wir 13 Punkte auf Rasenballsport, zwölf auf Mönchengladbach und sieben auf Leverkusen gutgemacht – damit können wir sehr zufrieden sein. Nachdem wir das Heimspiel gegen Bayern nicht gewonnen hatten (0:1, Anm. d. Red.), war klar, dass wir ein neues Ziel benötigen. Die "Vizemeisterschaft" hat die Mannschaft erreicht.

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Erling Haaland und Julian Brandt waren mit Platz zwei nicht zufrieden.

Ich finde es gut und richtig, dass unsere Spieler sich hohe Ziele setzen. Das haben wir ja auch als Klub getan, indem wir vor der Saison gesagt haben, dass wir versuchen, Meister zu werden. Wir haben aber immer auch gesagt, dass es schwierig wird angesichts der wirtschaftlichen Vormachtstellung des FC Bayern. Wir akzeptieren, dass mit den Bayern auch in dieser Saison eine Mannschaft in der Liga spielt, die beide Partien gegen uns gewonnen und gerade in der Rückrunde so gut wie keine Fehler gemacht hat. Wenn sie so stabil sind, ist es schwer, an ihnen vorbeizukommen. Dennoch haben wir in der Rückrunde konstant gespielt, einen neuen BVB-Torrekord aufgestellt. Wir müssen uns für unsere Leistungen in dieser Saison absolut nicht schämen. Wir haben vor dem letzten Spieltag 13 von 16 Rückrundenpartien gewonnen, können noch die 40-Punkte-Marke knacken. Das wäre für jeden Klub überall auf der Welt eine stolze Bilanz.

Bei Amtsantritt äußerten Sie den Anspruch, bei den Spielern eine Bewusstseinsveränderung herbeizuführen. In dieser Saison sorgten aber Vorkommnisse wie die Friseuraffäre um Jadon Sancho für Schlagzeilen.

Meine Rolle nur auf dieses eine Thema zu konzentrieren, trifft es absolut nicht. Es gibt während einer Saison in einer so jungen Mannschaft immer wieder Punkte, an denen Fehler gemacht werden. Diese Themen werden intern klar besprochen und gegebenenfalls sanktioniert. Manche Dinge muss man aber nicht haben, das stimmt. Fernab ging es mir beim Beginn meiner Tätigkeit grundsätzlich darum, für einen anderen Teamgeist und für eine neue Leistungskultur zu sorgen.

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Sanchos Vertrag läuft bis 2022. Steigen die Chancen des BVB durch die Auswirkungen der Corona-Krise, ihn länger in Dortmund zu halten?

Richtig ist, dass Jadon einen langfristigen Vertrag hat. Richtig ist auch, dass es im Moment keine konkreten Anfragen für ihn gibt, und dass wir alle nicht wissen, wie sich der Transfermarkt inmitten der Pandemie verändern wird. Wir gehen davon aus, dass Jadon in der nächsten Saison beim BVB spielt, und wir alle wären angesichts der Qualität, die er unserer Mannschaft gibt und angesichts der Unterschiede, die er ausmacht, auch sehr froh darüber.

Um Trainer Lucien Favre gab es viele Diskussionen. Agiert er zu zögerlich?

Nein. Lucien ist so wie er ist, authentisch. Er ist in seiner Arbeitsweise äußerst akribisch. Die öffentlichen Diskussionen um ihn herum waren teils sehr unfair. Dass Spiele verloren gehen und Fehler passieren, wird auch in Zukunft der Fall sein und das hat immer mehrere Gründe. Gut gefallen hat mir in der Corona-Zeit, wie unser Trainer die Situation angenommen hat, wie laut und engagiert er von außen coacht. Nicht nur in diesem Punkt hat er sich in den zwei Jahren in Dortmund aus einem eigenen Antrieb heraus immer entwickeln wollen. Und er hat das, was er von sich selbst verlangt, auf die Spieler übertragen. Auch deswegen stehen wir dort, wo wir jetzt stehen und haben in zwei Jahren 145 Punkte geholt. Lucien Favres Handschrift ist erkennbar.

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Kann ein BVB-Trainer, der nicht Meister wird, trotzdem als erfolgreich bewertet werden?

Klares Ja. Wir haben in der Bundesliga mit den Bayern eben eine Mannschaft, die in den vergangenen Jahren kaum Schwächen gezeigt hat. Wenn wir eine Chance auf den Meistertitel haben wollen, muss bei uns in einer Saison wirklich alles zusammenpassen, und die Bayern müssen stark schwächeln. Wenn die Bayern und wir mit einer ähnlichen Konstanz marschieren, bleibt trotzdem ein kleiner Unterschied. Deswegen ist die Champions-League-Qualifikation für uns immer das Wichtigste, denn wir wollen unter den besten 15 Mannschaften in Europa bleiben. Natürlich möchten wir weiterhin Titel gewinnen, im DFB-Pokal ein deutlich besseres Gesicht zeigen und mit ein bisschen Glück auch in der Champions League ins Viertelfinale einziehen.