28. Januar 2021 / 07:24 Uhr

Calmund über Mateschitz und RB Leipzig: "Soll er sich von der Kohle eine zweite Insel kaufen?"

Calmund über Mateschitz und RB Leipzig: "Soll er sich von der Kohle eine zweite Insel kaufen?"

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Reiner Calmund sprach mit dem SPORTBUZZER über eine Vielzahl von Themen.
Reiner Calmund sprach mit dem SPORTBUZZER über eine Vielzahl von Themen. © imago images/Future Image
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Am Samstagabend empfängt RB Leipzig den Tabellendritten Bayer Leverkusen im Spitzenspiel. Vor der Begegnung sprach der ehemalige Bayer-Manager Reiner Calmund im SPORTBUZZER-Interview über Geisterspiele, Dietrich Mateschitz und RB Leipzig, die Gemengelage im Fußball der Messestadt, den Kampf um die Meisterschaft und mehr.

Leipzig. Er war der beliebte und beleibte XXL-Manager von Bayer 04 Leverkusen, stieg 2004 nach 28 Jahren unterm Bayer-Kreuz aus dem Hamsterrad, ist seitdem Handlungsreisender in Sachen Fußball und Kalorien, als Talk-Gast, Redner Buchautor („fußball bekloppt“, „Eine Kalorie kommt selten allein“) omnipräsent. Reiner Calmund, 72, hat beim zweistündigen SPORTBUZZER-Interview im Leipziger Westin über eine von ihm 2004 angeregte Bündelung von blau-gelben und grün-weißen Kräften, die Diskussionen ums Red-Bull-Fußball-Imperium, die Vormachtstellung der Bayern, die Herren Marco Rose, Breel Embolo, Julian Nagelsmann und Dayot Upamecano sowie Fußball in Zeiten der Pandemie gesprochen.

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SPORTBUZZER: Fußball ohne Fans ist ...

Reiner Calmund: ...eine Suppe ohne Salz, aber das kleinere Übel im Vergleich zu gar keinem Fußball. Die Situation ist wie sie ist, muss von allen Beteiligten angenommen und mit möglichst viel Leben gefüllt werden. Dass die Stimmung im Stadion fehlt, ist keine Frage. Positiv ist, dass überhaupt gespielt wird und über 20 Millionen Zuschauer am Wochenende vor der Flimmerkiste sitzen. Nach Informationen von DFL-Chef Christian Seifert gab es noch nie so viele Fußball-Anhänger, die die Bundesliga an den Bildschirmen verfolgen, egal ob in festen Programmen oder im Streaming.

Wie erleben Sie das Corona-Krisenmanagement der Deutschen Fußball-Liga und der Clubs?

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Das Maßnahmen-Papier der DFL hat im europäischen Fußball Maßstäbe gesetzt und wird bis auf wenige Ausnahmen, zu Breel Embolo kommen wir noch, umgesetzt. Der Umsatz in den deutschen Profiligen wird sich kurzfristig natürlich verringern, weil die Zuschauer-Einnahmen nahezu komplett fehlen. 4,8 Milliarden Euro war der Umsatz bei vollem Spielbetrieb mit 650 Mio Einnahmen bei 19 Millionen verkauften Tickets in der 1. und 2. Liga 2019. Neben dem Verlust der Zuschauer-Einnahmen kommen u.a. Reduzierungen bei den Transfer-Einnahmen hinzu. Da muss bei den Clubs gespart werden, vor allem bei den Spieler-Gehältern. Für zwei warme Mahlzeiten am Tag wird es trotzdem reichen.

Sie sind ein Sympathisant von RB Leipzig. Erst war 2009 der Sponsor Red Bull da, dann kam der Club aus Markranstädt dazu. Haben Sie Verständnis für kritische Stimmen Richtung Roten Bullen?

Wer die Gründungsgeschichte und die Mitglieder-Situation bis zum Sanktnimmerleinstag kritisieren will, soll das tun. Ansonsten sehe ich keinen sachlichen Grund, keine Angriffsfläche. RB ist ein gut geführter, erfolgreicher Verein mit kurzen Entscheidungswegen, einer klaren Philosophie und Mut. Als Sebastian Vettel im Red-Bull-Auto Weltmeister wurde, hat ihm ganz Deutschland zugejubelt. Und den Fußballern soll man böse sein? Dietrich Mateschitz ist ein hochseriöser Sportsponsor und erfolgreicher Unternehmer. Soll er sich von der Kohle eine zweite Insel kaufen?

Kann es sein, dass er das Ganze nur getan hat, um ein paar Dosen mehr zu verkaufen?

Wenn sein Umsatz steigt, sei ihm das gegönnt. Partner und Sponsoren sind keine Wohltäter, sie denken bei ihrem Investment auch ans Image und Werbe-Wirkung. Wobei sie bei Mateschitz nicht übersehen sollten, dass der Mann gerne spielt und gerne gewinnt. Der wollte nicht an erster Stelle noch mehr Kohle, der wollte zeigen, dass er auch Fußball kann. Leipzig war übrigens nicht immer die Nummer eins auf seiner Besetzungsliste. Red Bull hatte 2005 vorher ein Auge auf Düsseldorf und die Fortuna geworfen. Ich war damals im Aufsichtsrat der klammen Fortuna, habe das hautnah erlebt und zusammen mit Oberbürgermeister Joachim Erwin nach Kräften unterstützt. Eine Umbenennung der Fortuna und neue Club-Farben - das war aber nicht umsetzbar. Leipzig war eine gute Wahl. Für Mateschitz und die Stadt. Ohne ihn wäre Leipzig heute noch unterklassig.

DURCHKLICKEN: Die bisherigen Duelle zwischen RB und Leverkusen

Bayer Leverkusen – RB Leipzig am 18.11.2016 in der BayArena: Hakan Calhanoglu (links) und Torschütze Kevin Kampl feiern das zwischenzeitliche 1:0. Zur Galerie
Bayer Leverkusen – RB Leipzig am 18.11.2016 in der BayArena: Hakan Calhanoglu (links) und Torschütze Kevin Kampl feiern das zwischenzeitliche 1:0. ©

Wie erinnern Sie die Bundesliga-Saison des VfB Leipzig 1993/1994?


Wir waren mit Bayer am 7. Mai 1994 im Zentralstadion, mussten am letzten Spieltag gewinnen, um in den Uefa-Cup zu kommen, Leipzig war abgestiegen. Man hätte jedes Männlein und Weiblein mit einem Schnaps begrüßen können, von den 5100 Zuschauern waren über 2000 aus Leverkusen. Die haben wir mit Sonderzügen nach Leipzig gebracht. Wir haben 3:2 gewonnen, Dieter Hecking hat ein Eigentor geschossen, Torschützenkönig Ulf Kirsten und der späterer brasilianischer Weltmeister Sérgio erzielten die zwei weiteren Tore. Zehn Jahre später habe ich in Leipzig im Rahmen der Buchmesse über den dritt- und viertklassigen Leipziger Fußball gesprochen und eine dringend notwendige Bündelung der Kräfte in dieser fußballverrückten, aber leidenden Stadt in den Raum gestellt.

Vermintes Feld, Herr Calmund, die Grafschaften Probstheida und Leutzsch sind nicht kompatibel.

Hab ich dann auch gemerkt, ich hätte an diesem Tag eine schusssichere Weste gebraucht. Treue und Tradition sind schön und gut, aber zu wenig, um Erfolg zu haben. Mit Neid, Missgunst und Nostalgie kommt man nicht weit. Insofern war das Ja von Red Bull zu Leipzig ein Glücksfall für die Stadt. Und wenn ich bei Chemie oder Lok etwas zu sagen hätte, wäre ich um ein gutes Verhältnis zu RB bemüht. Da fällt immer mal was hinten runter. Junge Spieler, die es nach ganz oben nicht schaffen. Ein Testspiel zugunsten von Lok oder Chemie. Man muss sich dabei ja nicht um die Arme fallen.

Wie groß ist die Bedeutung von Fans, wie groß darf ihr Einfluss sein?

Fans sind und bleiben sehr wichtig. Ich habe das in meiner Zeit bei Bayer zur Chefsache gemacht, stand im intensiven Austausch mit allen Fan-Gruppierungen. Die durften sich über alles auskotzen, aber nicht bei allem mitentscheiden. Einfluss aufs operative Geschäft, auf Transfers et cetera? Nein, das geht nicht, war und ist nicht akzeptabel.

Was war Ihr emotionalster Moment als Bayer-Manager?

Es gab unzählige Momente, die ich nie vergessen werden. Aber unsere Rettung am 18. Mai 1996 gegen Kaiserslautern steht über allem. Wir lagen 0:1 zurück, wären damit abgestiegen. Und dann zieht ausgerechnet der junge Mike Rietpietsch aus der Distanz ab. Reinke kann den Ball nicht festhalten und Markus Münch macht acht Minuten vor Ultimo das 1:1. Danach sind nicht nur bei Andy Brehme Tränen geflossen.

Fairplay stand an diesem Tag nicht an erster Stelle.

Stimmt leider. Paulo Sérgio hätte den Ball vor unserem 1:1 nach einer Unterbrechung zum FCK werfen müssen. Hat er nicht getan, das war unsportlich. Dafür habe ich ihm keine Geldstrafe aufgebrummt, das Hemd war mir näher als der Rock. Es war das letzte Spiel von Rudi Völler, der Rudi war mit dem Abpfiff Sportdirektor von Bayer.

DURCHKLICKEN: Das Spiel bei Bayer im September 2020

Gerechtes Remis in Leverkusen: RB Leipzig kam in einer fehlerbehafteten Partie gegen die heimische Bayer-Elf nicht über ein 1:1 hinaus. Zur Galerie
Gerechtes Remis in Leverkusen: RB Leipzig kam in einer fehlerbehafteten Partie gegen die heimische Bayer-Elf nicht über ein 1:1 hinaus. ©

Sind haben unlängst im Handelsblatt das Wirken Ihres Freundes Clemens Tönnies beim FC Schalke 04 beschrieben und, ja, gewürdigt. Sind Sie diesbezüglich der falsche Mann, weil voreingenommen?

Nein, mein Beitrag hatte nix mit unserer langjährigen Freundschaft zu tun. Die Tönnies-Brüder Bernd und Clemens haben unfassbar viel für Schalke geleistet, mit Rat und Tat geholfen. All die Teilnahmen am internationalen Geschäft wären ohne Clemens und dessen riesiges Netzwerk auch an der Sponsorenfront nicht möglich gewesen. Dass ihm dieser allseits bekannte Spruch völlig missraten ist, weiß er selber. Dafür hat er gebüßt. Dass in der Fleisch-Branche viele Dinge fundamental falsch laufen, bedarf der Kurskorrektur. Auch in den Tönnies-Betrieben. Diese Hetzjagd hatte Clemens trotzdem nicht verdient.

Der Schalker Aufsichtsrat hat eine Tönnies-Hilfe mit einem Votum von 9:2 beschieden. Tönnies wollte ein 11:0.

Das war utopisch, weil einer der Sitze von einem Fanvertreter besetzt ist. Ist Schalke hilfsbedürftig? Na klar. Will Clemens seinem Herzensverein helfen? Ja. Das hat sich doch aktuell mit der Verlängerung von einem seiner Sponsoren-Verträge positiv für Schalke geregelt. Ob jetzt die Zeit noch reicht, sinnvolle und notwendige Transfers zu tätigen muss man abwarten.

Ist Schalke noch zu retten?

Dass Schalke gegen die Bayern verliert, ist normal. Die Heimniederlage gegen Köln war wie ein K.o., schickte Schalke auf die Bretter. Aber sie dürfen sich nicht einbuddeln, der Kader ist viel besser als der Tabellenstand, muss das aber langsam auch zeigen.

Kann man die Meister-Frage kurz und bündig klären?

Ja, die Bayern werden‘s wohl wieder. Wenn die Bayern schwächeln, muss man da sein. Es war leider keiner da. Spannung ist trotzdem in der Bude. Hinter den Bayern.

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Wie nehmen Sie RB wahr?

Immer im Angriffsmodus, immer wiedererkennbar, in allen Wettbewerben gut unterwegs. Dass die keinen haben, der aus keiner Chance einen macht, ist nicht wegzudiskutieren. Ein Sörloth ist kein Werner, aber auch nicht so schlecht wie er zuweilen gemacht wird. Manchmal braucht es Zeit, um durchzustarten. Zeit, die heute fast keiner mehr hat. Leipzig muss damit leben, alle Jahre wieder die besten Spieler abzugeben. Das war bei Naby Keita und Timo Werner so, das wird bei Dayot Upamecano nicht anders sein. Der Vereinschef Oliver Mintzlaff ist zwar ein Fußballverrückter, aber auch ein knallharter Kaufmann.

Julian Nagelsmann ist ...

... außergewöhnlich jung und außergewöhnlich gut. Spontan, erfrischend, denkt nicht acht Mal nach, bevor er den Schnabel aufmacht. Ich mag ihn sehr, er ist ein absoluter Spitzentrainer.

Geht Marco Rose von Gladbach nach Dortmund?

Berti Vogts ist ein Geistheiliger des Fußballs und lebendes Fußball-Lexikon. Er lobt Rose in Gladbach über den grünen Klee, hofft, dass es in dieser Konstellation weiter geht. Vom Gefühl her würde ich sagen, dass das so kommen könnte.

Wäre Ralf Rangnick einer für den BVB?

Klar wäre er einer. Ralf ist ein Besessener, ein Visionär, hat vieles, was heute Usus ist, aufs Gleis gesetzt. Ich sage nur ballorientierte Raumdeckung, Balljagd und so weiter.

Reiner Calmund beim Interview mit SPORTBUZZER-Reporter Guido Schäfer.
Reiner Calmund beim Interview mit SPORTBUZZER-Reporter Guido Schäfer. © Privat

Was muss beim BVB fußballerisch passieren?

Die spielen super nach vorne, finden aber den Rückwärtsgang oft nicht. Und wie sagt man so schön: Der Sturm sorgt für Siege, die Abwehr holt Titel.

Die Bayern thronen sportlich und finanziell über allen. Historisch bedingt?

Das hat in den 70er Jahren angefangen und hatte vor allem mit dem Wettbewerbsvorteil Olympiastadion und den Zuschauer-Mehreinnahmen zu tun. Diesen Vorsprung haben die Bayern ausgebaut. Mit Hilfe strategischer Partner wie Allianz, Audi, Adiddas, Telekom. Im Bayern-Aufsichtsrat sitzen Chefs von Dax-Unternehmen. Da werden wichtige Posten auf hochprofessionelle Weise vergeben, es zählt nur, wer was kann, nicht wer wie heißt. Selbst ein Oliver Kahn musste mehrfach antanzen, Vorträge halten, um die Herrschaften zu überzeugen: Er war nicht nur als Torhüter Weltklasse, er kennt auch das Einmaleins des Geschäftslebens.

Borussia Dortmund?

Der BVB ist die absolute Nummer zwei hinter den Bayern, - ich sage nur Puma & Iduna - hat den zweitgrößten Umsatz und den zweitbesten Kader. Evonik sollte man dabei nicht vergessen.

Gladbach?

Die Gladbacher machen es mit kleineren Möglichkeiten und einem breit aufgestellten Sponsorenbereich fantastisch. Die sind alle sehr erfolgreich unterwegs, das Gros der wichtigen Entscheidungen waren in den letzten Jahren gute Entscheidungen. Max Eberl ist ein Top-Manager, kompetent, vielseitig. Stephan Schippers hat es als Geschäftsführer bis in die DFL-Führung geschafft. Das Team von Präsident Rolf Königs hat ein gutes Netzwerk, kann mitreißen, redet auch mal Tacheles.

Gladbachs Breel Embolo hat die Nacht zum Tag gemacht, bekam eine Geldstrafe aufgebrummt. Reicht das?

Ja, die hohe Strafe reicht. Er hat Mist gebaut und den gemeinsamen Weg verlassen. Die DFL, alle Profi-Vereine, sowie alle Spieler und Arbeitnehmer müssen ihre Vorbildfunktion sehr ernst nehmen und absolut solidarisch, diszipliniert und sorgfältig das Hygiene-Konzept umsetzen.

Das war das erste Interview, das sich nicht mit Ihrem Gewicht beschäftigt, Herr Calmund.

Danke, Herr Schäfer, danke. Ich habe 70 Kilo abgenommen und will jetzt so bleiben wie ich bin.

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