12. Februar 2018 / 06:00 Uhr

Carina Vogt im Interview: Wir Skisprung-Mädels sind bereit für die Großschanze

Carina Vogt im Interview: Wir Skisprung-Mädels sind bereit für die Großschanze

Lars Becker
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Carina Vogt geht als Titelverteidigerin ins Skispringen der Frauen.
Carina Vogt geht als Titelverteidigerin ins Skispringen der Frauen. © Sebastian Widmann
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Einmal ist sie schon Olympiasiegerin. Gibt es am heutigen Montag das zweite Mal Gold für Carina Vogt? Das Interview über Nervenstärke, Ziele – und die große Frage, warum Frauen beim Skispringen immer noch benachteiligt werden.

Bei den Winterspielen 2014 von Sotschi wurde Carina Vogt mit ihrem sensationellen Goldgewinn bei der Olympiapremiere der Skispringerinnen über Nacht zum Star. Seitdem hat sich die am 5. Februar 26 Jahre alt gewordene Frau zu einer Expertin für Großereignisseentwickelt. Sie hat bisher zwar nur zwei Weltcups gewonnen, dafür aber 2015 und 2017 alle vier möglichen WM-Goldmedaillen im Einzel und Mixed-Teamwettbewerb. Vogt spricht im Interview mit Lars Becker über ihre Erfolgsgeheimnisse und die Ziele für die Olympischen Spiele von Pyeongchang, bei denen sie am heutigen Montag (13.50 Uhr) von der Schanze an den Start geht.

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Carina Vogt, was haben Sie sich für die Winterspiele in Südkorea vorgenommen?

Vor allem, dass ich sie viel mehr genieße als 2014. Damals ist das alles wie in einem Film abgelaufen, und ich habe von Olympia gar nichts erlebt. Es gab nicht genügend Betten im olympischen Dorf für alle deutschen Sportler und Funktionäre, deshalb war ich nur kurz da. Von anderen Sportarten habe ich nur ein Zweierbob-Training gesehen. Zwei Tage nach dem Olympiasieg war ich auch schon wieder weg. Das wird dieses Mal definitiv anders laufen: Fünf, sechs Tage werden wir nach dem Wettbewerb noch da sein. Ich habe mir vorgenommen, zu den Skisprung-Männern, zur nordischen Kombination, auf die Bobbahn und zum Biathlon zu gehen.


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Katharina Althaus gewann mehrere Springen und führte den Gesamtweltcup an. Ob sie diese Form bei den Spielen halten bzw. bestätigen kann? Zur Galerie
Katharina Althaus gewann mehrere Springen und führte den Gesamtweltcup an. Ob sie diese Form bei den Spielen halten bzw. bestätigen kann? ©

Haben Sie sich wegen der politischen Spannungen zwischen Nordkorea und den USA im vergangenen Jahr mit einem mulmigen Gefühl auf den Weg zu Olympia gemacht?

Jeder macht sich Gedanken, der rüberfliegt. Ich hätte es ziemlich geil gefunden, wenn die Olympischen Spiele 2018 in München über die Bühne gehen würden. 2006 bei der Fußball-WM hat man gesehen, was ein Großereignis für eine positive Entwicklung in Deutschland auslösen kann. Aber das ist in der Bevölkerung nicht gewollt, obwohl dann doch alle vor dem Fernseher sitzen und Wintersport schauen. Natürlich fragt man sich als Sportler mit Blick auf diese Winterspiele, warum Olympia immer in solchen Gebieten stattfinden muss. 2014 gab es die Sicherheitsfrage ja auch. Dann ist alles gut gegangen, und ich hoffe, dass es nach den politischen Fortschritten der vergangenen Wochen dieses Mal auch so sein wird.

Sie waren wegen einer Verletzung im Sommer nicht beim Trainingslager des Teams auf der Olympiaschanze von Pyeongchang mit dabei. Ein Nachteil für Sie?

Mit zwei, drei Sprüngen habe ich mich auf eine neue Schanze eingestellt. Und dann muss man halt auch das nötige Schanzenglück haben und die Nerven behalten.

Was Ihnen ja bei Großereignissen seit Gold bei Olympia 2014 immer bestens gelungen ist. Macht Ihnen das das Leben bei der anstehenden Olympiaentscheidung leichter, oder fühlen Sie eher Druck?

Eine Verpflichtung spüre ich auf keinen Fall. Man kann Gold nicht planen. Die ganzen Erfolge machen mir die ganze Sache einfacher. Wenn es nicht klappt, kann ich mir immer sagen, dass ich mir meinen großen Traum schon erfüllt habe.

Wo kommt diese Nervenstärke bei Ihnen her?

Ich kenne keine Antwort auf diese Frage. Auch ich habe als Jugendliche Negativerfahrungen gemacht, weil ich im Wettkampf immer etwas Besonderes machen wollte. Jetzt versuche ich immer, mich komplett zu fokussieren und alle störenden Gedanken auszublenden. Ich habe keine Rituale, aber einen Weg gefunden, wie ich mit dem Druck umgehen kann. Ich spüre im Wettkampf Adrenalin, aber ich drehe das in eine positive Richtung. Außerdem glaube ich, dass ich nicht besonders gut bei Großereignissen springe, sondern einfach meine Leistung bringe. Konkurrentinnen gelingt das vielleicht nicht so gut.

Carina Vogt beim Weltcup in Lahti.
Carina Vogt beim Weltcup in Lahti. © Matthias Hangst

Hat der Olympiasieg von 2014 ihr Leben verändert?

Die Goldmedaille hat einiges verändert. Ich wurde ins kalte Wasser geschmissen und musste da reinwachsen. Es war plötzlich schwierig für mich, mich in meiner normalen Umgebung frei zu bewegen. Das war ein Problem, weil ich eigentlich nicht erkannt werden will und die bleiben möchte, die ich immer war. Zum Glück hat sich das wieder normalisiert.

Haben sich die Erfolge finanziell ausgezahlt?

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Schon, aber ich kann mich darauf nicht ausruhen. Vielleicht bringt es mir nach der Karriere mal was. Aber daran will ich noch nicht denken, weil ich mindestens noch fünf Jahre Skispringen will. Die Heim-WM in Oberstdorf 2021 ist ein Ziel. Auch Olympia 2022 könnte ich mir vorstellen.

Erst mal wollen Sie in Pyeongchang zum zweiten Mal Olympiagold gewinnen.

Es klingt blöd, aber ich habe keine konkreten Ziele. Natürlich habe ich den Anspruch, um die Medaillen mitzuspringen. Und ich habe auch eine gute Chance, wenn ich meine besten Sprünge zeige. Aber es kann auch mal der Tag kommen, an dem gar nichts funktioniert. Und dann geht das Leben auch weiter.

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Sonntag, 25. Februar (ZDF/Eurosport): Für einen goldenen Abschluss sollen die deutschen Piloten Francesco Friedrich, Nico Walther und Johannes Lochner im Viererbob sorgen. Ab 1.30 Uhr geht er in den Eiskanal. Um 5.10 Uhr kämpfen sensationell die deutschen Eishockey-Spieler um das letzte Gold von Olympia 2018. Gegner sind die Olympischen Athleten aus Russland. ©

Ist es frustrierend, dass Sie im Gegensatz zu den männlichen Skispringern weiterhin nur eine Goldchance bei Olympia haben?

Es ist an der Zeit, den Mixed-Teamwettbewerb bei Olympia einzuführen. Der ist spannend, bei der WM erfolgreich erprobt, und die Zuschauer lieben ihn. Er gehört definitiv ins Programm von Olympia 2022! Hier in Pyeongchang haben wir wieder nur zwei Wettkampfsprünge, nicht mal zehn Sekunden, uns zu präsentieren. Das muss sich ändern!

Wie kann das Frauen-Skispringen noch attraktiver gemacht werden?

Es wäre alles einfacher, wenn wir die Weltcups zusammen mit den Männern machen würden. Im Skilanglauf oder Biathlon ist das seit Jahren so, nur im Skispringen geht es nicht. Wir könnten Mixed-Teamwettbewerbe mit den Männern machen, auch bei der Vierschanzentournee dabei sein und von der Großschanze springen. Wir Mädels sind bereit dafür!