19. Oktober 2021 / 17:28 Uhr

Das sagt Jenas Tobias Werner über den FSV Optik, Union und Timo Werner

Das sagt Jenas Tobias Werner über den FSV Optik, Union und Timo Werner

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Seine Stadt, sein Verein, seine Mission: Ex-Fußballprofi Tobias Werner will Carl Zeiss als Sportdirektor in die dritte Liga führen. Am Samstag (13 Uhr) geht’s beim FSV Optik Rathenow um Punkte.
Seine Stadt, sein Verein, seine Mission: Ex-Fußballprofi Tobias Werner will Carl Zeiss als Sportdirektor in die dritte Liga führen. Am Samstag (13 Uhr) geht’s beim FSV Optik Rathenow um Punkte. © imago images/Karina Hessland
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Der langjährige Fußballprofi Tobias Werner (36) ist seit Mai 2020 Sportdirektor beim Fußball-Regionalligisten FC Carl Zeiss Jena. Im SPORTBUZZER-Interview spricht er über den jüngsten Trainerwechsel bei Carl Zeiss, Verwechslungen mit Nationalspieler Timo Werner und den kommenden Gegner Optik Rathenow. Für den 1. FC Union Berlin hat Werner viel Lob übrig.

SPORTBUZZER: Herr Werner, hin und wieder besteht Verwechslungsgefahr: Wie oft werden Sie denn mit Timo Werner angesprochen?

Tobias Werner (36): Das ist mir erst wieder am Freitag nach dem Heimspiel auf der Tribüne passiert, als mir per Timo gratuliert wurde. Es kommt immer wieder vor. Einerseits fühlt man sich geehrt, andererseits ist es nervig, immer wieder korrigieren zu müssen. Aber das wird wohl auch in Zukunft immer mal wieder passieren.

Sie müssen sich Ihren Namen also nochmal neu verdienen. Kann man das so sagen?

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Ich habe als Aktiver mit drei Aufstiegen in die erste Liga schon einiges erlebt. Für meine Verhältnisse war ich sehr erfolgreich, darauf bin ich stolz, nur endet so eine Karriere irgendwann eben. Bei mir war das mit 34 Jahren. Ich habe dann den nahtlosen Übergang in das Managergeschäft gefunden und bin glücklich, wieder in Jena angekommen zu sein. Ich habe Heidenrespekt vor der Aufgabe, aber eben auch extreme Freude daran, mitzugestalten und Dinge – und auch mich selbst in der Funktion als Sportdirektor – zu entwickeln.

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Nummer 1 und 2: Sein erstes Tor für RB gelingt Timo Werner am dritten Spieltag der Saison 2016/17 beim 4:0 gegen den HSV. Mit einem Rechtsschuss überwindet er nach Kopfballvorlage von Willi Orban nach 71 Minuten Schlussmann René Adler zum 2:0. Nur sechs Minuten später schnürt Werner seinen ersten Doppelpack für RB. Zur Galerie
Nummer 1 und 2: Sein erstes Tor für RB gelingt Timo Werner am dritten Spieltag der Saison 2016/17 beim 4:0 gegen den HSV. Mit einem Rechtsschuss überwindet er nach Kopfballvorlage von Willi Orban nach 71 Minuten Schlussmann René Adler zum 2:0. Nur sechs Minuten später schnürt Werner seinen ersten Doppelpack für RB. ©

Timo Werner ist ein kleiner, wuseliger Stürmer, antrittsstark. Fast ein bisschen so wie Sie früher. Was gefällt Ihnen an ihm?

Ich mag Timos Spielweise. Er ist total flink, hat einen guten Riecher. Ein Stückweit fehlt ihm die Effektivität, er könnte es deutlich leichter haben, wenn er mehr Tore schießen würde. Er ist aber zu oft der Sündenbock bei den deutschen Fußballfans – das ist ungerecht. Werner liefert bei Chelsea, in der Nationalmannschaft. Ich würde mehr wünschen, dass er mehr Vertrauen verspürt, weil er einfach Weltklasse-Niveau hat.


Sie haben es 2015 mit dem FC Augsburg immerhin in die Europa League geschafft. Wie hart ist die Doppelbelastung, die aktuell auch der 1. FC Union stemmen muss?

Es war zunächst mal ein absolutes Highlight in meiner Karriere – aber es hätte uns damals fast die Bundesliga gekostet. Wir wären beinahe abgestiegen, weil wir diesen Rhythmus nicht gewohnt waren. Dabei war der Kader in der Breite gut.

Woran lag’s dann?

Verletzungen kamen dazu, wir standen in der Liga von Anfang an unter Druck. Das Highlight Europa League hat immer ein bisschen abgelenkt, hat uns aber eben zu schaffen gemacht. Einerseits körperlich, aber auch psychisch. Immer wieder motivieren, immer wieder reisen, weg von zu Hause. Da fehlte uns die Routine. Das hat Kräfte gekostet.

Was macht Union momentan besser?

Sie spielen einen leidenschaftlichen Fußball, der einfach gehalten ist. Hut ab vor der Leistung. Sie haben einen guten, breiten Kader, der für Union steht. Sie zielen auf ablösefreie Spieler und haben ein gutes Händchen bei Spielern aus der zweiten Liga oder welchen, die woanders vielleicht nicht so liefern. Mit Kevin Möhwald und Timo Baumgartl habe ich ja noch zusammengespielt, das sind fantastische Verstärkungen für Union. Beide stehen nicht über den Dingen, bieten dem Team aber einen Mehrwert. Ich bin mir sicher, dass Union auch in dieser Saison mit dem Abstieg nichts zu tun haben wird und sich zu einer festen Größe in der Bundesliga entwickeln kann.

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Die Spieler von Union Berlin in der Einzelkritik. ©

In der Historie von Carl Zeiss Jena spielt der Europapokal auch eine große Rolle, 1981 stand der Verein im Finale des Europapokals der Pokalsieger. Inwiefern ist dieser Geist der großen Zeiten noch präsent?

Gerade am Freitag hat man das wieder gespürt, als Peter Ducke, unser größter Fußballer, zu seinem 80. Geburtstag im Stadion war. Das war Gänsehaut, wie die Fans ihn aufgenommen haben und ihn wahrnehmen. Aber klar ist auch: Die Europapokal-Jahre liegen schon lange zurück. Der Verein steht natürlich für Tradition, aber zu viel Tradition ist auch nicht immer gut. Wir leben im Hier und Jetzt und wollen kurzfristig wieder in den bezahlten Fußball kommen. Da sind die Europapokal-Wettbewerbe gefühlt Lichtjahre entfernt.

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Wie inspirierend war das Treffen mit Peter Ducke, dem Pelé des Ostens, am Freitag für Sie?

Er ist ein Lebemann, der total viel Energie versprüht; ein ganz sympathischer junger Herr mit viel Herz, der – wie erzählt wird – fußballerisch wirklich über den Dingen stand, eine tolle Karriere hatte und der für die Jenaer Vergangenheit steht. Dass er beim Spiel am Freitag dabei war, rechne ich ihm hoch an. Er ist keiner, der nur das Schaufenster für sich haben will.

Passend dazu sprang ein 2:0-Sieg gegen den BFC Dynamo heraus. Haben Sie den Fußball gesehen, den Sie sich für Carl Zeiss Jena vorstellen?

Ich habe Leidenschaft, Intensität, eine sehr gute Teamleistung und einen hochverdienten Sieg gesehen. Nicht mehr und nicht weniger. Dafür dürfen wir uns nicht schmücken. Ich erwarte solche Leistungen von der Mannschaft, die das Ziel hat, oben mitzuspielen. Da hilft es nicht, das nur einmal pro Monat im Topspiel zu liefern. Ich will hier keine Euphorie zulassen, 25 Spiele warten noch, wir müssen fokussiert bleiben.

Verstehen Sie sich als Mahner und Warner in Jena?

Ich bin nun mal für den sportlichen Bereich zuständig – und ich will Erfolg haben. Die tägliche Arbeit, der tägliche Respekt vor der Liga, das ist mir unheimlich wichtig. Es ist etwas drin für uns in diesem Jahr, aber nur wenn alle an einem Strang ziehen und sich bewusst sind, was es heißt, oben mitzuspielen. Dafür braucht man Konstanz und täglich harte Arbeit. Und da schaue ich genau hin.

<b>Tobias Werner:</b> Zwischen 2008 und 2016 war Tobias Werner in 208 Spielen für den FCA am Ball. Dabei erzielte er 38 Tore und gab 39 Torvorlagen. Der Linksaußen kam zuvor vom FC Carl Zeiss Jena nach Augsburg, wo er sich schnell heimisch fühlte. So blieb die Stadt Augsburg auch bei seinen Wechseln zum VfB Stuttgart und zum 1. FC Nürnberg jeweils Lebensmittelpunkt seiner Familie. Im Juli 2019 kehrte Werner dann als Mitarbeiter der FCA-Geschäftsstelle zurück, wo er ein umfangreiches Trainee-Program absolvierte.
Seine Fußballkarriere bei den Männern startete Werner 2004 bei seinem langjährigen Jugendverein Carl Zeiss Jena. 2008 wechselte er zum damaligen Zweitligisten FC Augsburg, stieg mit dem Club 2011 in die Bundesliga auf und blieb bis 2016 (127 Erstligaspiele, 23 Tore). © 2015 Getty Images

Vor dem BFC-Spiel haben Sie Trainer Dirk Kunert durch den bisherigen A-Jugend-Coach Andreas Patz ersetzt. Das nannten Sie ihre bislang „schwerste Entscheidung“. Wie viel Ballast fiel nach dem 2:0 von Ihnen ab?

Ich war schon erleichtert, habe so eine Leistung aber erwartet. Ich sehe die Qualität der Mannschaft, die des neuen Cheftrainers. Und ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn ein Trainerwechsel stattfindet. Auf einmal geht ein Ruck durchs Team, die Zügel werden wieder angezogen; die Jungs, die ein bisschen hintendran waren, sind plötzlich wieder voll dabei. Trainerwechsel sind ein Phänomen. Es war am Freitag aber auch der Vorarbeit von Dirk Kunert zu verdanken, der viele Sachen richtig gemacht und eine intakte, fitte Mannschaft hinterlassen hat. Das rechne ich ihm hoch an.

Trotzdem musste Dirk Kunert gehen, von außen betrachtet ein wenig überraschend. Wann und wie ist diese Entscheidung bei Ihnen gereift?

Das war ein Prozess über einen längeren Zeitraum. Es gab viele kleine Eckpunkte in dieser Saison, wo es hätte besser laufen können. Auch während der sieben Siege in Folge war nicht alles gut, bei weitem nicht. Dann kamen die Spiele gegen Chemie Leipzig, Luckenwalde und Hertha II, in denen die Jungs nicht gut waren, nicht so gut eingestellt, sind nicht Feuer und Flamme sind, das Spiel auf ihre Seite zu ziehen. Die Bauchschmerzen wurden bei mir größer, nach dem Hertha-Spiel stand die Entscheidung dann für mich fest.

Sind Sie mit dieser Entscheidung endgültig im klassischen Fußballgeschäft angekommen?

Es war schwer, weil ich Kuni unheimlich mag. Er ist sehr herzlich, ein totaler Familienmensch. Aber ich war auch vor dieser Trennung schon angekommen, musste schwere Personalentscheidungen mit Spielern, Beratern und Trainern treffen – zum Beispiel im Gespräch mit unserem ehemaligen Kapitän René Eckardt, in dem wir ihm mitgeteilt haben, dass er keinen neuen Vertrag bekommt. In solchen Momenten reift man als Manager, aber auch als Mensch, weil das harte Gespräche sind – die leider dazugehören.

Am 6. Mai 2020 verkündeten die Zeitungen, dass Sie in Jena Sportdirektor werden. Zuvor waren Sie in Augsburg langsam für Management-Tätigkeiten aufgebaut worden. Sie hätten im gewohnten und geschützten Umfeld bleiben können, begründeten den Schritt in Ihre Heimat Jena aber damit, dass Sie keine Angst vorm Scheitern hätten. Was wäre denn ein Scheitern für Sie?

Scheitern heißt, dass ich nicht erfolgreich bin. Dazu muss man Erfolg definieren. Für mich stellt sich die Frage: Wie werde ich gesehen, wenn ich eines Tages mal gehe? Als ich angekommen bin, haben alle hurra geschrien und sich gefreut. Das ist auch schön, aber wichtig ist, wie man irgendwann einmal geht. Scheitern, das hieße, nicht nachhaltig gearbeitet zu haben, nicht alles für den Erfolg von Jena getan zu haben. Natürlich verbinde ich das Thema auch mit der Ligazugehörigkeit. Ich will Jena nicht in der Regionalliga übergeben. Mein Ziel ist es, Jena in die dritte Liga zu führen und dort auch zu etablieren, definitiv.

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Ihr Vertrag gilt bis 2024. Wann soll’s hochgehen?

Wir wollen dieses Jahr um Platz eins mitspielen. Es ist aber verdammt schwer, aufzusteigen. Man braucht 75 bis 85 Punkte, ein langer Weg. Gefühlt ist es leichter, in der dritten Liga zu bleiben, da reichen 45 Punkte.

Chris Förster, Ihr Geschäftsführer, meinte, Ihre Verpflichtung sei ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zum sportlichen und personellen Neuanfang. Bei Optik Rathenow amtiert Trainer Ingo Kahlisch seit 32 Jahren. Wird vielleicht auch zu häufig ein Neuanfang bemüht?

Bei uns ist es ja kein Neuanfang. Es wird nach meiner Zeit in Jena weitergehen, es gab auch vor mir schon erfolgreiche Zeiten. Aber an ein paar Stellschrauben wurde gedreht, da habe ich mit angepackt.

Zum Beispiel?

Zwischen Geschäftsstelle, den Gremien, dem Trainerteam herrscht ein gutes Miteinander, eine gute Kommunikation. Wir haben eine klare Linie, wie wir auftreten wollen, die Verbindung zum Nachwuchs ist gut. Ich kenne jeden einzelnen Spieler, der Austausch zu Trainern und Fußballschule stimmt, das ist mir wichtig. So sollte Arbeiten in Jena funktionieren, diesen Weg habe ich eingeschlagen.

Optik Rathenow verpflichtet häufig Spieler von U-19-Bundesligisten. Wie würden Sie das Jenaer Transferprofil beschreiben?

Wir haben dieses Jahr viele Spieler aus der Region geholt, die wissen, was Carl Zeiss Jena bedeutet. Einige Spieler, die früher hier gespielt waren, habe ich zurückgeholt; dazu ein paar Jungs aus dem Nachwuchs gezogen und eben zwei Spieler, deren Qualitäten mich überzeugt haben. Der Schlüssel ist: Die Jungs sollen sich mit dem Verein identifizieren, die Zuschauer sich mit den Spielern. Ich glaube, das ist mir ganz gut gelungen.

Am Samstag geht’s nach Rathenow. Was erwarten Sie dort für eine Aufgabe?

Eine, an die wir mit sehr, sehr viel Respekt und Demut rangehen. Optik hat eindeutig zu wenig Punkte. Sie haben mehr geleistet, sich für die Arbeit aber nicht belohnt. Das ist eine freche Mannschaft, die eine gute Qualität in der Defensive hat. Dafür, dass sie ganz hinten drin in der Tabelle stehen, haben sie wenig Gegentore bekommen. Dazu haben sie unglaublich gute Umschaltmomente, gute Konterbewegungen. Wir müssen gewarnt sein, mit 70, 80 oder 99 Prozent wird das nichts auf dem schweren, tiefen Platz. Letztes Jahr haben wir das bravourös gemeistert (Jena gewann 3:1 bei Optik; Anm. d. Red.), am Samstag erhoffe ich mir das wieder.

In Bildern: Optik Rathenow unterliegt dem FC Carl Zeiss Jena mit 1:3

Die Hausherren (in Rot) wachten erst nach dem 0:3-Rückstand richtig auf. Da war es aber schon zu spät. Zur Galerie
Die Hausherren (in Rot) wachten erst nach dem 0:3-Rückstand richtig auf. Da war es aber schon zu spät. © Christoph Laak

Wer aufsteigen will, muss in Rathenow aber gewinnen, oder?

Die Jungs haben Blut geleckt, der Anschluss nach oben ist hergestellt. Um ganz oben anzuklopfen, muss man solche Spiele gewinnen, ja.