09. Juli 2021 / 13:46 Uhr

Das schönste Geschenk: Carlotta Nwajide feiert Geburtstag wieder im Trainingslager

Das schönste Geschenk: Carlotta Nwajide feiert Geburtstag wieder im Trainingslager

Josina Kelz
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Wild entschlossen: Carlotta Nwajide ist die erste aus der Familie, die es zu den Olympischen Spielen geschafft hat.
Wild entschlossen: Carlotta Nwajide ist die erste aus der Familie, die es zu den Olympischen Spielen geschafft hat. © 2021 Getty Images
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"Es wäre auch mal schön, meinen Geburtstag nicht im Trainingslager zu verbringen", sagt Carlotta Nwajide und lacht. Denn diesem Jahr hat sie sich damit das größte Geschenk selbst gemacht. Die bald 26-Jährige bereits sich nämlich auf die Olympischen Spiele vor, wo sie im Doppelvierer eine Medaillenchance hat.

Carlotta Nwajide (25) ist bereits in Tokio angekommen, genauer gesagt in Toyooka Kinosaki. Auch wenn die Busfahrt vom Flughafen dorthin acht Stunden gedauert hat, ist das für japanische Verhältnisse „in der Nähe von Tokio“, erklärt die Geologiestudentin, die die Busfahrt durch die beeindruckende Landschaft genossen hat, vorbei an Reisfeldern, hohen, dicht bewachsenen Bergen und dem Fuji.

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„Ich habe auf dieser Fahrt wieder ganz stark gespürt, was mich an Geologie reizt“, sagt Nwajide. Umso mehr bedauert es die Ruderin vom DRC, das Trainingslager nicht verlassen zu dürfen. „Außerhalb des Trainings müssen wir in unseren Zimmern bleiben.“ Nwajides erste Spiele finden unter Corona-Bedingungen statt. „Aber da ich keinen Vergleich habe, kann ich auch nichts vermissen.“ Klar hätte sie gern ihre Familie dabeigehabt. „Dann eben beim nächsten Mal“, sagt sie und lacht.

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Die Sportlichkeit hat die Olympionikin von der mütterlichen Seite ihrer Familie. „Mein Uropa war im Eissegeln- und Canadier-Nationalteam, mein Onkel schwimmt auf Meisterschaften.“ Aber sie ist die Erste, die es zu Olympia schafft. „Dieses Ziel habe ich für mich schon sehr früh formuliert.“

Jetzt geht ihr Traum in Erfüllung, pünktlich zu ihrem Geburtstag: Am Montag wird Nwajide 26. „Es wäre auch mal schön, meinen Geburtstag nicht im Trainingslager zu verbringen“, sagt sie und lacht schon wieder. Trotzdem hat sie sich wohl selbst das größte Geschenk gemacht mit den Spielen, bei denen sie im Doppelvierer eine gute Medaillenchance hat.

Am Maschsee lernt sie das Rudern

Ihre beiden Neffen wollen in die Fußstapfen ihrer Tante treten: „Sie sind jetzt in dem Alter, in dem ich mit dem Rudern angefangen habe, und sehen mich als ihr Vorbild. Das ist ein schönes Gefühl.“ Mit zehn Jahren ruderte Nwajide zum ersten Mal. Sie besuchte die Humboldtschule und probierte da zum ersten Mal den Wassersport aus – auf dem Maschsee. „Da habe ich das Rudern gelernt“, erinnert sie sich. „Ich war gut und bin am Ball geblieben.“ Seit einigen Jahren rudert sie auf dem Mittellandkanal beim Ahlemer Stützpunkt.

Vor drei Jahren ist Nwajide nach Berlin gezogen, um dort im Nationalteam zu trainieren. Dort wohnt sie in einer WG mit Teamkollegen. „Ich komme aber noch häufig nach Hannover zum trainieren“, betont die einstige Lindenerin. „Im Nationalteam gibt es nicht so viel individuelle Betreuung. Mein Heimtrainer Thorsten Zimmer kann sich nur auf mich konzentrieren, gerade in der Vorbereitung für Olympia war das sehr hilfreich.“


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Neben dem Training studiert Nwajide in Berlin, sie begann mit Sozialwissenschaften, dann wechselte sie zu Geologie. „Ich möchte am liebsten beides verbinden. Klimawandel und Umweltschutz liegen mir am Herzen und gleichzeitig die soziale Ungleichheit, die damit einhergeht.“

Für beide Themen engagiert sie sich neben dem Sport: Mit dem sogenannten Ruderwald unterstützt Nwajide ein Aufforstungsprojekt. „Als Profisportlerin fliegt man viel um die Welt und verursacht CO2-Emissionen, das möchte ich ausgleichen.“ Außerdem engagiert sie sich gegen Rassismus.

Nwajide schafft sich "Inseln neben dem Sport"

Ihr Vater stammt aus Nigeria. „Ich bin eine schwarze Frau in einer weißen Gesellschaft, natürlich erfahre auch ich Rassismus.“ Die Frage nach Beispielen kann sie nicht leiden. „Es ist so, als würde man uns nur glauben, wenn man Beispiele nennt. Und nur, weil ich schwarz bin, will ich nicht ständig nach Rassismus gefragt werden – das ist ja irgendwie auch eine Form von Rassismus.“

Für die junge Frau ist es wichtig, mit dem sozialen Engagement und ihrem Studium „Inseln neben dem Sport zu schaffen“, sagt sie. „Ich kann nicht für immer Leistungssportlerin sein, mit einer Verletzung kann die sportliche Karriere schnell vorbei sein.“ 2019 hatte sie beim Weltcup eine Thrombose, danach erfuhr sie, dass sie dafür eine genetische Veranlagung hat. „Ich trage seitdem Thrombosestrümpfe auf Flügen und spritze mich vorher.“ Um unsere Olympiaruderin muss sich also niemand Sorgen machen.