17. Januar 2019 / 11:12 Uhr

Carsten Linke im Interview: 96-Rettung geht nur mit "Wir-Gefühl"

Carsten Linke im Interview: 96-Rettung geht nur mit "Wir-Gefühl"

Jonas Szemkus
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Der Fußballgott: Carsten Linke.
Der "Fußballgott": Carsten Linke. © Maike Lobback
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Ex-Profi, Fußballgott, immer noch 96-Fan: Carsten Linke (53) spielte acht Jahre für Hannover 96 und hält dem Verein bis heute die Treue. Nicht nur im Traditionsteam. Wir ha­ben mit ihm über die sportliche Lage, Fan-Ärger um Martin Kind und Zusammenhalt gesprochen.

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Wie genau verfolgen Sie 96, und wie weh tut Platz 17?

Ich schaue mir jedes Spiel an, nehme sogar einige Spiele auf, um mir das nachher noch mal in Ruhe anzugucken. Es schmerzt natürlich, denn ich kenne die Situation, in der die Mannschaft ist. Abstiegskampf ist immer auch eine hohe psychische Be­lastung. Ich hoffe, dass wir gut in die Rückrunde starten. Das wird eminent wichtig sein.

Wie setzt man psychischen Druck in positive Energie um?

Das geht nur über Geschlossenheit, und die betrifft den ganzen Verein. Alle müssen gemeinsam am Ziel Klassenerhalt arbeiten. Es ist schwierig, wenn jeder Einzelne nur für sich versucht, etwas besonders gut zu ma­chen. Die Situation kann am Ende nur gemeinsam gemeistert werden.

Daran hat es zuletzt lange gehapert. 50+1-Ärger, Stimmungsboykott ...

Den Stimmungsboykott gibt es nicht mehr. Jetzt geht es da­rum, im Stadion Gemeinschaft zu zeigen. Unabhängig davon, welche Meinung man zu diesen Thematiken vertritt. Das be­trifft alle im Stadion, nicht nur die Fans in der Kurve. Alle müssen wie damals in den Europapokalspielen ein Feuer entfachen, das die Mannschaft zum Sieg trägt. Nur wenn man diese Geschlossenheit hinbekommt, von den Mitarbeitern auf der Geschäftsstelle über die Greenkeeper bis hin zur Mannschaft und den Fans, kann man ein Wir-Gefühl entwickeln. Ich glaube, dass gegen Bremen dieses außergewöhnliche Wir-Gefühl im Stadion spürbar sein wird. Dann müssen wir nur noch erfolgreich Fußball spielen.

50 Legenden von Hannover 96 - und was aus ihnen wurde

Jiri Stajner, Szabolcs Huszti und Vinicius - nur drei bekannte Ex-Spieler von Hannover 96. Der <b>SPORT</b>BUZZER blickt auf weitere frühere 96-Legenden und zeigt, was sie heute machen.  Zur Galerie
Jiri Stajner, Szabolcs Huszti und Vinicius - nur drei bekannte Ex-Spieler von Hannover 96. Der SPORTBUZZER blickt auf weitere frühere 96-Legenden und zeigt, was sie heute machen.  ©

Der Trainer in der Kritik, der Manager wollte schon mal weg, Fans kritisieren den Präsidenten. Kann man das ganze Drumherum als Spieler einfach ausblenden?

Zunächst einmal müssen die handelnden Personen das ausblenden. Es geht um Hannover 96, nicht um An­dré Breitenreiter, Horst Heldt oder Martin Kind. Es geht um den Verein und den Verbleib in der ersten Liga. Die Gefahr, dass sich die Unruhe auf den Verein und die Mannschaft auswirkt, ist einfach da. Das sind zwar Fußballspieler, aber natürlich können die alle lesen und bekommen alle Informationen mit. Die Unruhe völlig auszuschalten, mag der eine oder andere hinbekommen. Aber wenn die Hälfte der Mannschaft sich darüber Gedanken macht und nicht darüber, wie man Spiele gewinnt, hat man eigentlich schon verloren.

Wie stehen Sie zu 50+1?

Das ist eine schwierige Frage, letztendlich sollte der Wille der Mitglieder zählen. Ich denke, dass die 50+1-Regel in Deutschland Tradition hat. Es geht auch mit 50+1, andere Klubs haben auch strategische Partner ins Boot geholt und trotzdem als Verein das Mitspracherecht nicht verloren. Vereine wie Gladbach haben auch noch keine Anteile verkauft und spielen im oberen Drittel mit. Man muss als Verein schauen, was man wirklich will. Da würde ich mir insgesamt mehr Rücksicht darauf wünschen und vor allem mehr Transparenz in dem, was so passiert.

Können Sie sich Hannover 96 auch ohne Martin Kind vorstellen?

Martin Kind hat viel für den Verein getan. Unabhängig davon tun alle gut daran, sich Gedanken zu machen, was denn ist, wenn er irgendwann nicht mehr im Boot sitzt. Das muss ja überhaupt nichts mit Hannover 96 und dem Sportlichen zu tun haben. Der Verein ist 120 Jahre alt – 19 Jahre davon hat Martin Kind den Verein geführt, er wird ihn aber vermutlich nicht die nächsten 20 Jahre begleiten können. Also muss es eine Nachfolgeregelung geben. Eine, die sportaffin ist und sich im Geschäft auskennt. Dann muss man ohnehin schauen, was am 23. März bei der Mitgliederversammlung für ein Ergebnis he­rauskommt und inwieweit alle Beteiligten mit der anschließenden Situation umgehen.

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Auch da gibt es Ärger. Trotz genügend Unterschriften wird keine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen. Wie finden Sie’s?

Die Überlegung, aus finanziellen Gründen keine drei Versammlungen zu haben, kann man anstellen. Zwischen der Abgabe der Unterschriften bis zur eigentlichen Mitgliederversammlung war aber natürlich eine Menge Zeit. Da hätte man sicher eine Lösung finden können, die für Hannover 96 besser gewesen wäre. Für mich hätte die Mitgliederversammlung gleich stattfinden sollen, nicht erst im März. Bis dahin sind neun Spiele gespielt.

Stichwort „gut für Hannover”: Mit Jan Schlaudraff rückt bald ein früherer 96-Profi als Assistent der sportlichen Leitung mit ins Management. Eine gute Entwicklung?

Es ist gut, Leute mit 96-Herz einzubinden. Fußball hat einfach viel mit Herzblut zu tun. Jan Schlaudraff hat hier gute Leistungen gebracht, hat sich als Spielerberater weitergebildet. Er kennt also die andere Seite, wird den einen oder anderen Kniff gelernt haben. Jetzt muss er zeigen, wozu er fähig ist. Ich finde, dass es eine gute Entscheidung ist.

Wäre „Management“ irgendwann auch mal etwas für Sie?

Darüber mache ich mir keinen Kopf (lacht). Ich hab einen Job, bin Sporttherapeut – ich bin zufrieden, alles gut.