24. Juli 2020 / 13:53 Uhr

Champions League in Wolfsburg? „Dann müssten wir ganz andere Beträge in die Hand nehmen“

Champions League in Wolfsburg? „Dann müssten wir ganz andere Beträge in die Hand nehmen“

Andreas Pahlmann und Engelbert Hensel
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Sport, Interview mit Frank Witter, VW-Finanzvorstand und VfL-Aufsichtsratschef, Foto; Boris Baschin, Wolfsburg, 11.09.2019, Fußball, Bundesliga,
Liebt den Fußball: Frank Witter, der Aufsichtartschef des Bundesligisten VfL Wolfsburg. © Boris Baschin
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Vor über zwei Jahren wurde Frank Witter Aufsichtsrats-Chef des VfL Wolfsburg. Im großen SPORTBUZZER-Interview spicht der Finanzvorstand von Volkswagen über Ziele, Ambitionen und die Folgen der Corona-Krise. Er sagt: "Es bleibt unser Anspruch, auch ambitioniert zu sein."

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Als Finanzvorstand des Volkswagen-Konzerns hört er im kommenden Sommer auf, dem Fußball möchte Frank Witter aber auch darüber hinaus gern erhalten bleiben – als Aufsichtsratsvorsitzender der VfL Wolfsburg Fußball GmbH. Diese Funktion hat der 61-Jährige seit April 2018 inne und ist seitdem Teil des Wolfsburger Neuaufbaus nach zwei Fast-Abstiegen. Im großen SPORTBUZZER-Interview spricht Witter über Ziele, Ambitionen und die Folgen der Corona-Krise.

Herr Witter, wie haben Sie eigentlich die Geisterspiele in der vergangenen Saison erlebt?
Bei zwei Spielen war ich im Stadion. Ansonsten so, wie alle Fans auch: vor dem Fernseher.

Wie sind Sie da so?
Mein Sohn sagt manchmal, ich sei peinlich (lacht). Ich gehe da schon mit und lebe das dann auch. Im leeren Stadion ist das gefährlich, da hört und sieht Sie dann ja fast jeder. Jörg Schmadtke ist da anders, der hat ja auch während der Spiele eine Bierruhe, da werden Sie kaum eine Reaktion sehen. Ich gehe auch mal aus mir raus, das ist für mich eine wunderbare Normalität, wo ich mal die Etiketten und Usancen meines sonstigen beruflichen Lebens ablegen kann.

Hatten Sie in der vergangenen Saison einen Lieblingsmoment?
Ich habe da tatsächlich eine Szene im Kopf, beim Spiel auf Schalke, als Koen Casteels gegen Daniel Caligiuri rettet. Das wäre das 1:1 gewesen, da hätte das Spiel kippen können – so aber haben wir 4:1 gewonnen. Und dann natürlich das gesamte Spiel in Leverkusen. Ich glaube, keine Mannschaft hat Bayer in der Saison so beherrscht wie der VfL in diesem Spiel. Wenn wir das Niveau noch häufiger erreichen – und dann wie in dem Fall der Gegner keinen Sahnetag hat - wäre das natürlich schön.

So präsentiert der VfL Wolfsburg den neuen Look

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Maximilian Arnold ©

Aber grundsätzlich waren Sie mit dem Niveau zufrieden?
Natürlich, ja. Wenn wir das internationale Geschäft als Ziel nennen, dann ist das ja schon ambitioniert. Sollten wir die Qualifikation überstehen, stehen wir zum zweiten Mal nacheinander in der Gruppenphase der Europa League, das ist eine alles andere als selbstverständliche Leistung. Natürlich kennen wir den Abstand zu den Mannschaften, die in der Champions League spielen. Diesen Abstand zu verkleinern, das wäre unser Wunsch - auch, um es insgesamt spannender zu machen. Aber wenn wir jetzt sagen, dass wir in den nächsten zwei Jahren mit festem Vorsatz in die Champions League wollen, dann müssten wir ganz andere Beträge in die Hand nehmen. Und die stehen einerseits nicht zur Verfügung - und wären andererseits auch kein Garant. Der VfL-Weg ist die kontinuierliche Weiterentwicklung.

Man neigt gern dazu, VW einen übergroßen Ehrgeiz zu unterstellen – für einen globalen Konzern geht es ja immer eher um Marktführerschaft als um hintere Plätze...
Wir schauen da eher auf das Gesamtpaket. wie wird der VfL gesehen? Ist er sympathisch? Ist er dynamisch? Ist die Marke VfL positiv besetzt? Da wollen wir hin. Wenn es dabei irgendwann mal wieder in Richtung Champions League geht, freuen wir uns natürlich. Aber zu sagen „Das muss jetzt unser Ziel sein“, das machen wir ausdrücklich nicht. Es gibt ja ohnehin nur zwei oder drei Vereine in der Liga, die das als Ziel so formulieren können.

Der VfL bei Bayer: Die Bilder des Spiels

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Marin Pongracic war der Mann des Spiels ©

Und welches Ziel kann der VfL formulieren?
Wir wollen uns im europäischen Wettbewerb festsetzen. Wir haben immer von Stabilisierung gesprochen, auf diesem Weg sind wir. Es bleibt dabei unser Anspruch, auch ambitioniert zu sein, wobei wir nicht vermessen sind. Der Kader ist gut, jetzt geht es darum, punktuell den einen oder anderen Schritt nach vorn zu machen – im Rahmen der finanziellen Beschränkungen, die es nun einmal gibt.

Sie haben gelobt, dass fast alle Spieler, die zuletzt geholt wurden, ihren Platz in der Mannschaft gefunden haben - haben Sie einen Lieblingsspieler beim VfL?
Es wäre unfair, da jetzt einen rauszunehmen.

Einen bei einem anderen Verein?
Jetzt wollen Sie mich locken... Warten Sie mal die Transferperiode ab (lacht). Nein, jetzt im Ernst, einen kann ich da wirklich seit Jahren nennen, weil er bei uns nun überhaupt kein Thema ist: Thomas Delaney von Borussia Dortmund. Den fand ich schon zu seinen Bremer Zeiten gut. Sehr prägend für das Spiel, dazu torgefährlich. Also, wenn der sich vielleicht mal ablösefrei verändern möchte…

Das ist nicht das Transfer-Regal, in das der VfL momentan reingreift. Sind angesichts von Corona-Krise und Sparkurs in diesem Sommer überhaupt Transfers in der Größenordnung von 15 oder mehr Millionen Euro Ablöse für den VfL drin?
Ich will das nicht ausschließen – aber das müsste dann ein Spieler sein, der uns sicher über mehrere Jahre hinweg weiterbringt. Wir lassen das offen, aber wir sind nicht in Zugzwang, weil wir einen hinreichend großen und qualitativ guten Kader haben. Wir haben ja nicht so viele Baustellen.

Corona-Krise, Kurzarbeit, viele Unternehmen in wirtschaftlicher Not – ließen sich Groß-Transfers öffentlich rechtfertigen?
Das ist natürlich immer eine kommunikative Herausforderung. Aber ich glaube schon, dass die Menschen verstehen, dass Weiterentwicklung im Leistungsfußball nun einmal nicht geräuschlos geht. Bei Beträgen, die deutlich über diesen Zahlen liegen, wäre es aber sicherlich sehr schwierig. Generell ist aktuell der Transfermarkt ja eher ruhig – so ruhig war er wahrscheinlich im Juli noch nie.

Man könnte aber auch sagen: Es ist ein Käufer-Markt – womöglich sind in diesem Jahr Top-Spieler günstiger zu bekommen als im vergangenen oder im nächsten Sommer…
Dazu müsste man aber auf der Einnahmenseite die Champions League im Rücken haben – haben wir aber bekanntlich nicht. Oder einen Mutterkonzern, der vor Reichtum strotzt – haben wir in diesen Zeiten auch nicht. VW ist trotz Corona ein stabiler Konzern, aber auch das ist in diesen Zeiten keine Selbstverständlichkeit, wir gucken auch auf jede Ausgabe. Außerdem: Auf dem Transfermarkt womöglich die Notlagen anderer auszunutzen, das ist auch nicht unser Weg.

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VfL Wolfsburg: Die zehn größten Europa-Spiele! ©

Können Sie verstehen, dass das VW-VfL-Konstrukt immer mal wieder kritisch beäugt wird? Nach dem Motto: Der VfL kommt ja dank VW besonders gut durch die Krise – und hat generell ein gutes Leben, während andere Klubs durch die 50+1-Regel ausgebremst werden.
Ich denke nicht, dass der VfL einen unfairen Vorteil hat. Die Bundesliga lebt doch gerade von ihrer Unterschiedlichkeit – jeder Verein ist anders. Das ist das, was die Liga auch ein Stück weit ausmacht.

Aber sie hat seit acht Jahren den selben Meister. Sollte man den TV-Verteilungsschlüssel ändern, um mehr Spannung zu erzeugen?
In erster Linie nötigt mir die Leistung des FC Bayern vor allem Respekt ab. Haben Sie beim letzten Saisonspiel hier in Wolfsburg mal auf die Bayern geachtet? Beim Warmmachen, bei der Körpersprache, beim gegenseitigen Anfeuern? Die haben uns keinen Zentimeter geschenkt, obwohl es für sie um nichts mehr ging, sie waren voll da. Das macht den Unterschied aus - neben dem Umstand, dass da nur Hochbegabte die Schuhe anziehen. Das ist nicht unser Maßstab, aber durchaus eine Art von Ansporn. Und was den Verteilungsschlüssel angeht: Der hat sich insgesamt bewährt, den sollte man nicht immer wieder hinterfragen.

Die von der DFL in diesem Jahr veröffentlichten Bilanzzahlen weisen aus, dass die VfL-GmbH in der Saison 2018/19 knapp 45 Millionen Euro Miese gemacht hat – das ist eine Zahl, die einen erst einmal erschreckt…
45 Millionen lassen keinen kalt, mich schon gar nicht. Aber es ist nicht fair, ein einzelnes Jahr herauszugreifen, Sie müssen das über einen längeren Zeitraum sehen.

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Über den „Beherrschungs- und Abführungsvertrag“ gleicht VW das Minus der Fußballer aus…
...aber auch Transfergewinne gehen den gleichen Weg, und da hatten wir – denken Sie nur an Kevin De Bruyne – auch sehr gute Jahre. Natürlich ist es unser Ziel, Ein- und Ausgaben in ein besseres Verhältnis zu bringen. Das ist ein Umbruch, der einfach seine Zeit braucht. Wir haben immer noch Spieler, deren Verträge aus einer Zeit kommen, in der die Möglichkeiten andere waren, einige davon laufen noch bis zum nächsten Jahr. In der Zahl für die Saison 2018/19 sind zudem auch Abfindungen für aufgelöste Verträge enthalten. Jörg Schmadtke und Marcel Schäfer sind auf einem guten Weg, sportlichen Erfolg und wirtschaftlichen Aufwand wieder in ein besseres Verhältnis zu bringen.

Und da jetzt Corona dazukommt, ist der VfL so sparsam wie nie?
Natürlich bedeutet auch Corona erst einmal einen Einnahmeausfall, dem müssen wir Rechnung tragen. Wir können und werden weniger denn je jede Ablöseforderung erfüllen. Die Aufgabe besteht dennoch darin, die Mannschaft trotzdem gezielt weiter zu entwickeln.

Wo sollte sich die Mannschaft denn verbessern?
Wenn wir über Potenziale reden, können wir natürlich mit der Heimbilanz nicht zufrieden sein. Und dass uns ein paar Tore fehlen, ist allen bewusst. Mehr Torgefahr zu wirtschaftlich vertretbaren Rahmenbedingungen – das wäre die Formel.