11. Januar 2021 / 15:35 Uhr

Chemie-Legende Walter über seine Treue zur Heimat: „Wollte hier nie weg“

Chemie-Legende Walter über seine Treue zur Heimat: „Wollte hier nie weg“

Steffen Enigk
Leipziger Volkszeitung
Manfred Walter (links) als Chemie-Kapitän im Leipziger Zentralstadion.
Manfred Walter (links) als Chemie-Kapitän im Leipziger Zentralstadion. © WESTEND
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Vor 60 Jahren begann die große Fußball-Karriere von Manfred Walter, der mit der BSG Chemie Leipzig den Überraschungs-Meistertitel 1964 feierte und seiner Wurzener Heimat nie den Rücken kehrte. Der Nischwitzer ist stets bodenständig geblieben und hat die Freude am Fußball bis heute nicht verloren.

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Leipzig. Es ist ein Jubiläum der besonderen Art. Vor 60 Jahren, im Januar 1961, wechselte Manfred Walter von Empor Wurzen zum damaligen SC Lok Leipzig und begann in der Messestadt eine grandiose Fußball-Karriere, die den eisenharten Stopper zur Legende werden ließ: zwölf Jahre in der höchsten Spielklasse, Meisterschaft 1964 und Pokalsieg 1966 mit der BSG Chemie Leipzig, Olympia-Bronze in Tokio, 16 Auswahl-Einsätze für die DDR.

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„Manner“ Walter ist viel herumkommen, seiner Heimat blieb der gebürtige Nischwitzer aber stets treu. Und so folgen im kommenden Sommer zwei weitere Jubiläen. Im Juni feiert der rüstige Rentner Diamantene Hochzeit und lebt dann auch seit sechs Jahrzehnten mit Ehefrau Renate im selben Wurzener Block am Steinhof. „Wir wohnen im zweiten Stock, die Treppe hält mich fit. Ich wollte hier nie weg. Es war schwierig, diese Wohnung zu bekommen, wir mussten viele Aufbaustunden dafür leisten. Und was haben wir für Hausfeste gefeiert.“

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So fuhr er 32 Jahre lang von Wurzen nach Leipzig zu Training oder Spiel, anfangs noch mit dem Zug. „Das war damals eine kleine Weltreise, anderthalb Stunden hin, anderthalb Stunden zurück. Aber das hat mich abgehärtet.“

Kleine Weltreise zu Chemie

Der 83-Jährige verfolgt noch immer aufmerksam das Fußball-Geschehen und ist seinem Herzensclub in Leutzsch bis heute eng verbunden. Das von ihm angeregte traditionelle Treffen der Meistermannschaft am 10. Mai – an diesem Tag gewann Chemie 1964 das entscheidende letzte Spiel in Erfurt 2:0, Kapitän Walter versenkte vor 10.000 mitgereisten Leipziger Fans einen Elfmeter – mag er nicht missen. Im vorigen Jahr fiel das Wiedersehen allerdings wegen der Corona-Krise aus, und so war er auch schon einige Monate nicht mehr zu Chemie-Spielen im Stadion.

10.000 Leipziger begleiteten die BSG 1964 zum entscheidenden Spiel nach Erfurt.
10.000 Leipziger begleiteten die BSG 1964 zum entscheidenden Spiel nach Erfurt. © Helmut Baumann

„Der Verein hat mir immer Karten geschickt. Schön, dass an mich gedacht wird, aber das Risiko war mir zu groß, in der Pandemie müssen wir uns alle an Regeln halten.“ Dass sich seine Nachfolger in dieser Saison vom Abstiegskandidaten zur Regionalliga-Spitzenmannschaft entwickelten, freut Manfred Walter ungemein. „Die machen das richtig gut, vor allem ohne großes Palaver. Abgerechnet wird auf dem Platz.“

Freude über RB-Siege

Auch RB-Spiele schaut er sich gerne an, jedoch im Fernsehen. „Mit 83 muss ich mich nicht im Zentralstadion den Damm hoch- und runterkämpfen, aber ich habe Respekt vor den Leistungen und freue mich über Siege, auch wenn RB wenig mit dem Leipziger Fußball zu tun hat. Da spielen ja kaum Deutsche, geschweige denn Leipziger“, sagt Manfred Walter. „Aber ich finde es gut, wenn die Leute in Stadt und Umgebung Bundesliga und Champions League erleben können. Und ich finde es affig, dass sich Vereine wie Augsburg so an RB reiben. Ohne das große Geld geht es doch nirgends mehr auf diesem Niveau.“ Manfred Walter ist ein bodenständiger Mensch und stets bescheiden geblieben. Auch zu seinen sportlichen Glanzzeiten ging er wie die Teamkollegen halbtags arbeiten, war Maschinenschlosser bei der Reichsbahn. Über seine Erfolge spricht er erst nach mehrfacher Aufforderung. „Die Meisterschaft mit Chemie überstrahlt alles“, lässt er sich entlocken, „weil die Umstände so besonders waren.“

1963 beschlossen die Funktionäre, die vermeintlich besten Kicker der Messestadt beim SC Leipzig in Probstheida zu konzentrieren und die anderen nach Leutzsch zur BSG Chemie zu schicken – auch Manfred Walter, der im Gegensatz zu seinen Teamkollegen aber nicht sauer war. Er ging zu Trainer Alfred Kunze, der ihn zwei Jahre zuvor nach Leipzig geholt hatte.

Sieben Leipziger holen Bronze

Die Chemiker, der „Rest von Leipzig“, wollten es allen beweisen, marschierten mit Wut im Bauch und dank der taktischen Fähigkeiten von Kunze zum Titel. „Euphorie und Begeisterung wuchsen mit jedem Sieg, wir sind auf dieser Welle immer weiter geritten“, erinnert sich Manfred Walter. Verfeindet seien die beiden Teams keinesfalls gewesen. „Aber seltsam war es schon: Karl Drößler stand mir plötzlich als gegnerischer Kapitän gegenüber und Henning Frenzel als Gegenspieler. Mit beiden war und bin ich bis heute befreundet, doch auf dem Platz haben wir uns 90 Minuten erbittert bekämpft. Ich wusste, wie ich Henning weh tun kann, er hat sich dann weit ins Mittelfeld zurückgezogen...“

Manfred Walter und Ehefrau Renate leben seit fast sechs Jahrzehnten in derselben Wohnung in Wurzen.
Manfred Walter und Ehefrau Renate leben seit fast sechs Jahrzehnten in derselben Wohnung in Wurzen. © Haig Lachtinian

Jedenfalls wurde in dieser Saison die Leutzscher Legende geboren und die verbissene, oft ungesunde Rivalität mit Probstheida und dem späteren 1. FC Lok. „Aber 1964 hat das dem Leipziger Fußball gut getan“, glaubt Manfred Walter. „Insgesamt sieben Leipziger, drei von meiner Mannschaft, sind im Oktober mit der Olympia-Auswahl nach Tokio gefahren, und wir haben gemeinsam Bronze geholt.“

Eine Flucht und ihre Folgen

Drei Monate danach, im Januar 1965, debütierte der Abwehrchef („Früher hieß das Mittelläufer oder Stopper, den Libero hat Franz Beckenbauer erfunden.“) dann beim 2:0-Sieg in Montevideo auch in der DDR-Nationalmannschaft. Und er blieb dort drei Jahre Stammspieler, obwohl er 1966 beinahe in Ungnade gefallen wäre und um seine Auswahl-Zukunft bangen musste.

Chemie trat als Pokalsieger in der zweiten Europacup-Runde bei Standard Lüttich, verlor 0:1 und schied aus. Torwart Klaus Günther setzte sich auf der Rückreise auf dem Amsterdamer Flughafen in den Westen ab – Republikflucht. „Er sollte wegen seines Westonkels erst nicht mitfahren, aber ich hatte mich für ihn stark gemacht und gebürgt“, erzählt Manfred Walter. „Unser zweiter Torwart war verletzt, und ich habe gesagt: Wenn Klaus nicht fährt, fahre ich auch nicht. Und dann passiert so was. Ich musste danach bei Verbands-Generalsekretär Kurt Michalski und Nationaltrainer Karoly Sos erscheinen, hatte Glück, dass ich nicht aus der Auswahl verbannt wurde. Das hätte auch anders laufen können.“

Als Klaus Günther nach der Wende wieder in den Osten und zu den Chemie-Meister-Treffen kommen konnte, wurde das Thema übrigens ausgespart. „Er hat mich nie darauf angesprochen, und für mich war das abgehakt.“

Geld war nie ein Anreiz

Manfred Walter mag nicht urteilen, sagt aber: „Ich wollte nie abhauen. Es wäre für mich undenkbar gewesen, meine Frau, meine Heimat und meine Mannschaft zu verlassen. Ich wusste immer, wo ich herkomme, ich war zufrieden mit meiner Karriere, Geld war für mich kein Anreiz.“ Dabei lag ihm (und Chemie) 1966 ein Angebot von Standard Lüttich vor, aber reguläre Wechsel von DDR-Fußballern ins Ausland sollten noch sehr lange ein Ding der Unmöglichkeit sein.

48. Jahre Meistertitel der BSG Chemie Leipzig in der DDR-Oberliga.  Im Bild v.l.: Bernd Rohr, Klaus Lisiewicz, Helmut Schmidt, Hans-Georg Sannert, Manfred Walter, Dieter Scherbarth, Horst Slaby, Wolfgang Krause, Bernd Bauchspieß, Wolfgang Behla, Heinz Herrmann, Klaus Günther.
48. Jahre Meistertitel der BSG Chemie Leipzig in der DDR-Oberliga. Im Bild v.l.: Bernd Rohr, Klaus Lisiewicz, Helmut Schmidt, Hans-Georg Sannert, Manfred Walter, Dieter Scherbarth, Horst Slaby, Wolfgang Krause, Bernd Bauchspieß, Wolfgang Behla, Heinz Herrmann, Klaus Günther. © Christian Modla

Walter hängte 1972 die Schuhe an den Nagel, blieb weitere 21 Jahre in Leutzsch, wurde Mannschaftleiter, Nachwuchstrainer und kurz auch Chefcoach, kümmerte sich um die Instandhaltung des Stadions.


Trainer im kleinen Fußball

Auch später, im Vorruhestand, konnte er nicht vom runden Leder lassen, allerdings ein paar Etagen tiefer. „Da ich immer in Wurzen gewohnt habe, hatte ich auch stets eine Beziehung zum Wurzener Fußball und Lust, meine Erfahrungen weiterzugeben.“ So wurde Manfred Walter noch einmal Trainer, zunächst bis 1998 in Altenhain und danach bis 2000 in Gerichshain beim SV Tresenwald. „Das waren insgesamt fünf gute Jahre, es hat mir enorm viel Spaß gemacht, mit jungen Leuten zu arbeiten, und das hat auch bei mir neue Begeisterung geweckt.“

Zumal er sehr erfolgreich war, mit Altenhain Pokalsieger und Muldental-Meister wurde. Auch in Gerichshain schaffte er den Aufstieg, marschierte mit seiner Mannschaft dann sogar ungeschlagen durch die Bezirksklasse. „Es war eine schöne Zeit, zumal zu den Top-Spielen über 1.000 Zuschauer kamen.“

Noch heute pflegt Manfred Walter Kontakt zu beiden Vereinen. „Mir war wichtig, dass wir jeweils im Guten auseinandergegangen sind. Aber irgendwann musste dann mal Schluss sein.“